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Bei der Entstehung und Verbreitung von Krebs spielt auch die Mikroumgebung eine Rolle.

Laut der Weltgesundheitsorganisation sind 2018 rund 9,6 Millionen Menschen an Krebs gestorben und mehr als 18 Millionen Menschen neu erkrankt. Statistisch gesehen erhält damit weltweit jede sechste Frau und jeder fünfte Mann im Lauf ihres/seines Lebens eine Krebsdiagnose. Jeder achte Mann und jede neunte Frau stirbt an der Krankheit. 

Europa ist sowohl bei den Diagnosen als auch bei den Todesfällen überproportional vertreten. Und das gilt im besonderen Maße für Luxemburg. Nach Angaben der Fondation Cancer sterben jedes Jahr rund 1000 Luxemburger an Krebs. Ungefähr jeder vierte Todesfall ist also auf eine Krebserkrankung zurückzuführen. 

Gleichzeitig sind die Luxemburger auch sehr aktiv wenn es ums Spenden für die Krebsforschung geht. Am „Relais pour la vie“ oder beim „télévie“ nehmen immer sehr viele Luxemburger teil. Doch woran genau wird in Luxemburg auf dem Gebiet dieser Krankheit geforscht? Wer ist in der Krebsforschung aktiv? Und wird Krebs überhaupt irgendwann heilbar sein? Zum Weltkrebstag hier ein Überblick:

Welche Bedeutung hat die Krebsforschung in Luxemburg? 

„2008 hat die luxemburgische Regierung einen Aktionsplan ins Leben gerufen mit dem Ziel, ein Exzellenzzentrum in molekularer Diagnostik aufzubauen“, erklärt Marie-Claude Marx vom Fonds National de la Recherche (FNR). In diesem Zusammenhang entwickelt worden seien unter anderem eine Biobank für Luxemburg (IBBL), das Luxembourg Center for Systems Biomedicine (LCSB) und ein internationales Forschungsprogramm zur Entwicklung von Biomarkern bei Lungenkrebs. „Biomedizin genießt seit zehn Jahren Forschungspriorität“, sagt Marx. Und zu den Schwerpunkten der Biomedizin zähle dabei neben der Parkinsonforschung die Krebsforschung. 

Der FNR hat seit 2008 rund 140 Millionen Euro in die biomedizinische Forschung investiert und davon auch einen Großteil in die Krebsforschung. Der Fonds arbeitet zudem seit mehr als vier Jahren eng zusammen mit der Fondation Cancer, die ebenfalls Fördergelder zur Verfügung stellt, um damit wissenschaftlich hochwertige Projekte in der Krebsforschung zu unterstützen.

Woran wird am LIH geforscht?

„Die Krebsforschung hat in Luxemburg eine relativ lange Geschichte“, sagt Guy Berchem, Leiter der Hämatologischen und Onkologischen Abteilung am Luxembourg Institute of Health (LIH). Schon vor etwa 40 Jahren sei ein Krebsforschungslabor gegründet worden, in dem derzeit unter anderem an den Entzündungsmechanismen bei Blutkrankheiten geforscht werde, erklärt Berchem. 

Zu den Hauptforschungsfeldern des LIH gehören die Immun- und Neuroonkologie sowie die Untersuchung der Tumor-Mikroumgebung. Die onkologische Abteilung des LIH forscht unter anderem am Glioblastom, einer Form des Hirntumors. Eine Forschering, die an Gehirntumoren forscht ist z.B. Simone Niclou. Hier ein Portrait der luxemburgischen Forscherin:

Das Team um Guy Berchem hingegen forscht eher auf den Gebieten der Tumorimmunologie und der Mikroumgebung. „Wir beschäftigen uns mit der Frage, warum Tumorzellen nicht vom Immunsystem abgetötet werden”, erklärt der Krebsforscher. Guy Berchem arbeitet z.B. mit Mechanismen, die dieses Jahr mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurden:

Des Weiteren wird in der immunologischen Abteilung des LIH auch an den metabolischen Mechanismen der Krebszelle geforscht.

Wer ist neben dem LIH noch aktiv in der Krebsforschung?

In der Krebsforschung ebenfalls sehr aktiv ist die Life Sciences Resarch Unit (LSRU) der Universität Luxemburg, die sich derzeit vor allem auf die Bereiche Darmkrebs, Hautkrebs und Leberkrebs konzentriert. Erforscht werden insbesondere die molekularen Abläufe in den Krebszellen und die Interaktionen der Krebszellen mit ihrer Umgebung. Die Forscher suchen nach Biomarkern, die zur Früherkennung, zur Evaluierung der Therapiemöglichkeiten sowie zum Verfolgen des Krankheitsverlaufes genutzt werden können. Weiterhin geht es um das Verständnis der fehlgeleiteten Signale und Abläufe innerhalb der Krebszellen, um daraus mögliche neue Therapieansätze zu entwickeln.

„Viele der beforschten zellulären Mechanismen spielen generell eine Rolle bei der Krebsentwicklung und könnten somit im Kontext anderer Krebsarten wichtig sein“, erklärt Serge Haan.In seiner Gruppe (Molecular Disease Mechanisms Group) befasst er sich vor allem mit  Darmkrebs. „Wir versuchen die zellulären Abläufe aufzuklären, die zur Krebsentstehung sowie zur Metastasierung beitragen“, erklärt Haan. „Es geht darum, den Unterschied zwischen gesundem Gewebe und Krebszellen zu untersuchen, um daraus mögliche Maßnahmen zur Früherkennung, zur Therapie oder auch zur Prognose zu entwickeln.“ 

Wo gibt es vielversprechende Forschungsansätze?

„Die Forschung hat große Fortschritte zu verzeichnen, wenn es um das grundlegende Verständnis der Erkrankung geht“, sagt Biochemiker Haan. „Vielen Patienten werden wir in Zukunft besser helfen können. Hierbei spielt aber nicht nur die potenzielle Heilung eine Rolle sondern auch der Erhalt der Lebensqualität während der Therapie.“

Gemeinsam mit Projektleiterin Elisabeth Letellier will Haan verstehen, wie Darmkrebszellen mit ihrer Umgebung, also dem umgebenden gesunden Gewebe sowie den vorhandenen Immunzellen, aber auch den Darmbakterien interagieren. „Dies ist von großer Wichtigkeit, weil die Krebszellen ebenfalls die sie umgebenden Zellen beeinflussen oder gar umprogrammieren können“, sagt er. Natürlich arbeiten wir hier auch eng mit vielen nationalen Kooperationspartnern wie Kliniken, der Biobank, dem LIH, dem LCSB und anderen zusammen.

Was sind die größten Herausforderungen? 

„Die größte Herausforderung ist sicherlich, die enorme Komplexität der Abläufe zu verstehen“, erklärt Haan. So sei in jüngerer Zeit entdeckt worden, dass die Mikroumgebung bei der Krebsentwicklung und der Verbreitung (Metastasierung) eine Rolle spielt. „Die Untersuchung dieser Interaktionen ist äußerst schwierig, weil viele unterschiedlichen Zelltypen miteinander interagieren und eine Vielzahl von Botenstoffen an der Kommunikation zwischen diesen Zellen beteiligt sind“, so der Forscher. Es sei wichtig, diese Abläufe zu verstehen.

Zudem könne ein Tumor durch unterschiedliche zelluläre Veränderungen entstehen. Es sei also die Kombination einer Reihe von Veränderungen, die zur Tumorentstehung führe, erklärt der LIH-Wissenschaftler.  Nicht bei jedem Darmkrebspatienten führten dieselben Veränderungen automatisch zum Krebs. Es bestehe also es eine große Heterogenität zwischen den Tumoren der Darmkrebspatienten, weshalb Patienten auf eine bestimmte Therapien unterschiedlich reagierten.

Es gebe aber auch innerhalb eines Tumors große Unterschiede. „Nicht alle Krebszellen weisen die gleichen Veränderungen auf“, sagt Haan. „Diese Heterogenität innerhalb eines Tumors kann dazu führen, dass nur bestimmte Populationen an Krebszellen von einer Therapie abgetötet werden, während andere Populationen möglicherweise überleben und zu später wieder einen Tumor ausbilden.“  

Lässt sich Krebs überhaupt besiegen?

„Persönlich glaube ich nicht, dass man die Krankheit Krebs vollends besiegen kann“, sagt Haan. „Vielleicht mag es uns bei der ein oder anderen weniger komplexen Krebsart gelingen, aber ich denke nicht, bei allen.“ Er sei aber überzeugt, dass es noch große Fortschritte in der Früherkennung geben werde. Und von entscheidender Bedeutung sei die Prävention, fügt er hinzu. „Bei manchen Krebsarten kann durch Vorsorgeuntersuchungen und eine adäquate Lebensweise das Krebsrisiko sehr stark reduziert werden. Wie zum Beispiel bei Darmkrebs. Großes Potenzial habe zudem die Immuntherapie, wo es in letzter Zeit ebenfalls bedeutende Fortschritte gegeben habe.

Autor: Uwe Hentschel

Infobox

Krebsforschung international vernetzt

Krebsforschung spielt in der Luxemburger Biomedizinforschung eine wichtige Rolle. Entsprechend vernetzt sind die Akteure auf diesem Gebiet, allen voran das LIH mit dem Center Hospitalier de Luxembourg (VHL), die Uni Luxemburg, die Biobank IBBL und das Laboratoire National de Santé (LNS).

Darüber hinaus hat der FNR verschiedene bilaterale Abkommen mit europäischen Ländern, sowie Singapur und RIKEN in Japan, um Forschungsprojekte zwischen luxemburgischen Forschungsgruppen und internationalen Wissenschaftlern zu fördern. So gibt es in der Krebsforschung eine Zusammenarbeit zwischen dem Neuro-Oncology Laboratory am LIH und der Universität Bergen in Norwegen.

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