Larochette

© Marleen de Kramer

Marleen De Kramer möchte den Stand der Burg Larochette im Jahr 1550 rekonstruieren.

Als Tochter von zwei Biologen wurde Marleen de Kramer die wissenschaftliche Methodik, wie sie selbst sagt, in die Wiege gelegt. Um das hat allem Anschein nach auch ihre Herangehensweise geprägt.  „Es ist derzeit leider oft noch so, dass jemand eine Doktorarbeit zu einem Thema verfasst, irgendwann als Koryphäe auf diesem Gebiet gilt und ihm dann auch später nicht mehr widersprochen wird“, sagt sie. Das jedoch stehe im Gegensatz zur normalen wissenschaftlichem Methodik und sei auch nicht das, was sie selbst von ihrer Arbeit erwarte, sagt sie. Ganz im Gegenteil: „Ich will, dass man mir widersprechen kann.“

Marleen de Kramer hat zunächst Architektur studiert, danach in Belfast ihren Master in Heritage Science gemacht und promoviert derzeit an der Uni Luxemburg in Geschichte. „Ich arbeite an der Rekonstruktion einer Burg in virtueller Realität - das aber nicht um der Rekonstruktion Willen“, erklärt sie. „Ich will auszuprobieren, wie man Meta- und Paradaten verknüpft, damit daraus nicht nur ein schönes Bild, sondern ein historisches Dokument entsteht“,  so de Kramer. Und über diese Arbeit sei sie dann auch auf das Vortragsthema „Geschichte und andere Lügen“ gekommen, mit dem sie beim diesjährigen TEDxUniversityofLuxembourg am 25. Oktober auf dem Campus Belval teilnimmt. 

Burg wird aus Daten und Spekulationen rekonstruiert

„Im Gegensatz zu anderen Wissenschaften kann ich nur eine sehr begrenzte Menge an Daten sammeln“, erklärt die Wissenschaftlerin, die ihre Arbeit so zusammenfasst: „Ich muss auf der Grundlage von drei Sätzen im Quadrat eine Burg aus dem 14. Jahrhundert bauen. „Da ist also zwangsläufig sehr viel Spekulation dabei“, räumt sie ein. Und das sei auch der Grund, warum sie sich weigere, ihre Rekonstruktion von Burgen als Wahrheit zu bezeichnen. 

Im konkreten Fall ihrer Doktorarbeit geht es um die Burg Larochette und dabei auch um sechs Familien, die sich diese Burg geteilt haben. „Es gab einen Vertrag, den Burgfriedensvertrag, mit dem das Zusammenleben geregelt wurde, wie beispielsweise wer wann Wasser aus welchem Brunnen nehmen darf, oder aber wer welchen Turm verteidigen muss“, sagt sie. Der Vertrag, der ihr als historische Quelle vorliegt, stammt von 1399. De Kramer möchte den Stand der Burg im Jahr 1550 rekonstruieren, weil die Anlage zu diesem Zeitpunkt mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre größte Ausdehnung gehabt hat. „1565 ist sie nämlich abgebrannt“, erklärt die Architektin. Und danach habe die Anlage dann als eine Art Steinbruch gedient. Viele Steine seien abgebaut und anderswo verwendet worden.

Nicht alles was noch steht, ist auch historisch echt

„Die Stadtmauer gibt es in großen Teilen nicht mehr, man kann aber anhand der Grundstücksgrenzen drum herum, die sich kaum verändert haben, den Verlauf nachvollziehen“, sagt de Kramer, die nicht nur die Burg und den Ort, sondern auch das Umfeld drum herum rekonstruiert und dabei mit einem Kollegen aus der Feld- und Flurnamenforschung zusammenarbeitet. Hinzu kommen alte Landkarten, weitere Dokumente, der Vergleich mit ähnlichen Burganlagen und nicht zuletzt auch Gemälde, auf denen die Festung von Larochette zu sehen ist. 

Rekonstruiert wird nicht nur die Burg, sondern auch der Ort und das Umfeld

Zwischen den Relikten und Quellen liegen zum Teil mehrere Jahrhunderte: „Der Burgvertrag wurde 150 Jahre früher geschlossen, die Gemälde hingegen kamen erst 300 Jahre danach  - und dann muss man halt schauen, was davon noch zutreffend sein kann“, so die Forscherin. Zudem habe der Staat in den 1970er Jahren alle Burgruinen vermessen und den damaligen Stand erfasst. „Wir wissen also, was damals noch stand und was in den Jahren danach wieder aufgebaut wurde“, sagt sie. Und diese Information sei durchaus wichtig: „Denn nicht alles, was dort heute noch steht, ist ja auch historisch echt.“

War der Turm rund oder vielleicht doch eckig? 

„Als Architekt hat man ein Grundwissen über den Bau und dessen Bedeutung“, sagt de Kramer. „Ich kann also anhand des Fundaments die einstige Höhe des Bauwerks ableiten.“ Am Ende aber beruhe die Rekonstruktion größtenteils auf Spekulationen, die in 30 Jahren vielleicht widerlegt werden, fügt sie hinzu. „Deshalb ist für mich auch wichtig, zu dokumentieren, welche Entscheidung ich wann und auf welcher Grundlage getroffen habe“, erklärt die Doktorandin. „Wenn ich also ein Gemälde habe, auf dem der Turm rund ist, gleichzeitig aber eine Karte, in der er quadratisch eingezeichnet wurde, dann muss ich mich für eine Variante entscheiden“, sagt sie. Und das könne dann später durch eine Ausgrabung oder neue Techniken der Rekonstruktion entweder bestätigt oder widerlegt werden und dann entsprechend geändert werden.

Nur weil etwas aufwendig digital rekonstruiert sei, bedeute das ja nicht, dass es auch wissenschaftlich fundiert ist, meint de Kramer, die mit ihrem Beitrag beim TEDxUniversityofLuxembourg die wissenschaftlichen Möglichkeiten der Rekonstruktion von historischen Bauwerken und ihre Grenzen beleuchten möchte. Es sei nicht Aufgabe der Wissenschaft, alles zu wissen, so die Forscherin. „Es ist vollkommen in Ordnung zu sagen, wann wir etwas tatsächlich wissen und wann wir einfach nur spekulieren.“ 

Autor: Uwe Hentschel

Foto, Illustration: Marleen de Kramer

 

Das vollständige Programm sowie Tickets findet ihr hier: www.tedxuniversityofluxembourg.com

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