(C) Uwe Hentschel

Auf einer politischen Ebene sind Tankstellen zu unerwarteten Markern für Staatsgrenzen und Steuersysteme geworden

Für die meisten sind Tankstellen lediglich Orte, die man nutzt, weil man muss, über die man sich ansonsten aber keine Gedanken macht. Warum eigentlich?

Tankstellen sind gefährliche Orte. Das weiß auch Sonja Kmec, Kulturwissenschaftlerin an der Uni Luxemburg. „Es ist erstaunlich, wie oft Tankstellen explodieren“, sagt sie. Wobei sich Kmec damit nicht auf Tankstellen im realen Alltag bezieht, sondern auf ihre Rolle im Kino oder Fernsehen. „In vielen Filmen ist die Tankstelle der zentrale Plot, in dem die Handlung eine Wendung nimmt“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin. Und das sei einer der Gründe, warum Tankstellen bei vielen Menschen ein Unbehagen auslösten.

Dabei sind Tankstellen auf den ersten Blick nicht mehr als Einrichtungen entlang der Straße, an dem Fahrzeuge getankt werden. Sie sind genau wie Supermärkte, Flughäfen und Bahnhöfe Orte des anonymen Massentransits. Sie sind das, was man in der Wissenschaft als Nicht-Ort bezeichnet: Mono-funktional genutzte Flächen, auf denen man nicht großartig darüber nachdenkt, wo man gerade ist. Explodierende Tankstellen sind im Alltag eher die Ausnahme. Aus kulturwissenschaftlicher Sicht interessant sind sie aber dennoch.

Tankstellen verschieben die Grenze

Im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts „IDENT2 – Regionalisierungen als Identitätskonstruktionen in Grenzräumen“ hat sich Kmec gemeinsam mit der ebenfalls an der Uni Luxemburg tätigen Literaturwissenschaftlerin Agnès Prüm mit dem Phänomen der Tankstellen näher befasst. Im Detail ging es dabei um Tankstellen im Grenzgebiet. Dabei hat sich unter anderem gezeigt, dass diese Einrichtungen von in- und ausländischen Kunden teilweise unterschiedlich genutzt werden, aber auch, dass den Tankstellen darüber hinaus im Grenzgebiet eine ganz besondere Bedeutung zuteil wird.

Während auf der einen Seite im Sinne eines gemeinsamen Europas Grenzposten demontiert wurden, haben die EU-Nationalstaaten auf der anderen Seite nach wie vor ihre eigenen Gesetze, Beschränkungen und Steuersysteme. Und gerade letzteres macht sich beim Tanken besonders bemerkbar.

„Auf einer politischen Ebene sind Tankstellen zu unerwarteten Markern für Staatsgrenzen und Steuersysteme geworden“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin. Denn aufgrund der vergleichsweise niedrigen Spritpreise in Luxemburg, habe sich um das Land eine bis zu 25 Kilometer breite tankstellenfreie Zone gebildet, die ähnliche Konturen habe wie das Großherzogtum, so Kmec. Die Linie, die man durch das Schengener Abkommen zu löschen versucht habe, sei dadurch jetzt lediglich versetzt worden.

Disco- und Kinogänger verabreden sich häufiger auf Tankstellen

Womit sich Kmec und Prüm auch beschäftigt haben, sind die Menschen, die diese Tankstellen nutzen. So wurden die Besucher nach ihrem Nutzungsverhalten befragt. Dabei wurde deutlich, dass Tankstellen längst nicht nur Orte sind, an denen man ausschließlich tankt, sondern für jüngere Menschen durchaus auch Plätze, an denen man sich bewusst verabredet.

Die Auswertung der Befragungsergebnisse hat auch gezeigt, dass letzteres vor allem für die  Personen zutrifft, die oft Discos und Kinos besuchen. Wohingegen junge Menschen, die ihre Freizeit in Sporthallen oder bei Freiluftaktivitäten verbringen, Tankstellen weniger häufig ansteuern. 

Die Ergebnisse der Befragungen machen deutlich, dass Tankstellen nicht zwangsläufig ein Nicht-Ort sein müssen, sondern, dass sie, wie Kmec erklärt, als eine „Schwelle zwischen Nicht-Ort zu Ort“ fungieren.  Es hängt davon ab, wie Tankstellen genutzt, aber auch wie sie wahrgenommen werden. Ob man dort einfach nur routiniert und gelangweilt seinen Tankvorgang abwickelt, oder sich aber in fantasievollen Gedankenspielen verliert: Was wäre, wenn ... ich mir jetzt eine Zigarette anzünden würde.

Autor: Uwe Hentschel

Foto: Uwe Hentschel

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