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Kennen wir unser Geschlecht, kennen wir auch die Richtung. So einfach ist das. Oder vielleicht doch nicht?

Angenommen, wir müssten aufs Klo. Die Herrentoilette wäre vorne rechts und die Damentoilette genau am anderen Ende des Flurs und dann links. Wären wir im Besitz dieser Information, dann wüssten wir automatisch, in welche Richtung wir gehen müssen. Die Männer gingen in die eine Richtung, die Frauen in die andere. Kennen wir unser Geschlecht, kennen wir auch die Richtung. So einfach ist das. Oder vielleicht doch nicht?

„Das Geschlecht ist veränderbar“, sagt Christel Baltes-Löhr, „und niemand wird als Frau oder Mann geboren.“ Baltes-Löhr ist Genderbeauftragte der Uni Luxemburg und Leiterin des Instituts für Geschlechterforschung, Diversität und Migration. Und die Professorin ist davon überzeugt, dass bei der Definition eines Geschlechts nicht nur die körperlichen, sondern auch die psychischen, sozialen und sexuellen Dimensionen berücksichtigt werden müssen. Und dass das Geschlecht als eine Art Kontinuum zu verstehen ist, bei dem sich die Geschlechterdimensionen im Lauf eines Lebens zueinander verschieben können. Baltes-Löhr will weg von der starren Geschlechtervorstellung, bei der auf der einen Seite ein Mann und auf der anderen Seite eine Frau steht.

Geschlechternormen grundsätzlich überdenken

Die Forscherin hat kürzlich gemeinsam mit dem Psychiater und Psychotherapeuten Erik Schneider das Buch „Normierte Kinder“ herausgegeben. Das Werk ist eine Sammlung aktueller, wissenschaftlicher Beiträge, die sich mit der konventionellen Annahme einer Zweigeschlechtlichkeit (also entweder Mann oder Frau) auseinandersetzen oder aber zeigen, welche Auswirkungen diese Geschlechternormen auf die Erziehung und das spätere Leben von Kindern und Jugendlichen haben können. Den beiden Buchautoren geht es allerdings nicht nur ausschließlich darum, in der Gesellschaft Akzeptanz für eine dritte Kategorie von Menschen zu schaffen, also für Menschen, die weder „eindeutig“ männlich noch weiblich sind. Der wissenschaftliche Ansatz ist vielmehr der, die Geschlechternormen grundsätzlich zu überdenken.

„Wenn bei einer Geburt die Vaginal- oder Penisstrukturen nicht der bislang geltenden Norm entsprechen, führte dies in der Vergangenheit oftmals dazu, dass Neugeborene und Kleinkinder ohne deren Einwilligung operiert wurden“, sagt Schneider.  „Und auch ohne, dass vorhersagbar war, ob sich das Kind später als Mädchen, als Junge bezeichnen würde oder ein anderes Geschlechtsempfinden entwickeln würde“, ergänzt der Psychotherapeut, der auch Sprecher des Vereins Intersex & Transgender Luxemburg ist.

Der gesellschaftliche Druck und das eigene Empfinden

Transgender wird unter anderem als Bezeichnung für Menschen verwendet, die sich mir der Geschlechterrolle, die ihnen aufgrund äußerer Geschlechtsmerkmale bei der Geburt zugeordnet wurde, nur unzureichend oder gar nicht identifizieren können. Menschen, die das Gefühl haben, im falschen Körper geboren worden zu sein. Und die deshalb jedes Mal beim Aufsuchen einer öffentlichen Toilette entscheiden müssen, ob sie dem eigenen Empfinden oder aber dem Druck der Gesellschaft folgen. „Viele verzichten den ganzen Tag aufs Essen und Trinken, damit sie in der Öffentlichkeit ja nicht auf Toilette müssen“, sagt Schneider.

Die Buchautoren würde gerne von Luxemburg aus ein internationales und interdisziplinäres Forschungsnetzwerk ins Leben rufen. Es gebe auch schon erste Kontakte zu anderen Hochschulen, sagt Baltes-Löhr. Allerdings auch noch viel Überzeugungsarbeit, wie die Genderbeauftragte weiß:  „Fakt ist, dass es Leute gibt, die ein medizinisches oder juristisches Studium absolviert haben, ohne sich in dieser Zeit auch nur einmal Gedanken über die Geschlechternormen gemacht zu haben.“

Autor: Uwe Hentschel
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Intergeschlechtlichkeit und Transgeschlechtlichkeit

 

Menschen werden als intergeschlechtlich bezeichnet, wenn sie zum Beispiel aufgrund des Genitals körperlich  nicht eindeutig einem der beiden Standardgeschlechter (weiblich oder männlich) zugeordnet werden können.

Vom Transgeschlechtlichkeit spricht man, wenn ein Mensch (gemäß gesellschaftlicher Normen) zwar als körperlich eindeutig weiblich oder männlich betrachtet werden kann, dieser Mensch sich jedoch nicht dem ihm zugewiesenen Geschlecht, sondern dem so genannten Gegengeschlecht identifiziert. Wenn er also aufgrund seines Körpers als Mann gilt, sich aber als Frau fühlt - oder umgekehrt. Darüber hinaus gibt es noch Bezeichnungen wie Transgender, Transidente, Transsexuelle, wobei für diese Begriffe einheitliche Definitionen fehlen.

 

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