Portrait Francesco Sarracino

© Uwe Hentschel

Francesco Sarracino untersucht, unter welchen Bedingungen sich Wirtschaftswachstum und Lebensqualität gleichermaßen entwickeln

Francesco, Du bist Wirtschaftswissenschaftler und befasst Dich mit dem Thema Lebensqualität. Wie passt das zusammen?

Ich untersuche die Lebensqualität mit Hilfe ökonomischer Techniken. Konkret geht es bei meiner Arbeit um den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, Wohlbefinden und der Messung des Fortschritts. In der traditionellen Wirtschaftswissenschaft herrscht die Annahme, dass sich Wohlbefinden nicht wirklich messen lässt. Inzwischen aber wissen wir, dass es durchaus Möglichkeiten gibt, das Wohlbefinden zu messen. Ganz einfach indem wir die Menschen ihr persönliches Wohlbefinden selbst bewerten lassen. Man fragt zum Beispiel nach der allgemeinen Lebenszufriedenheit auf einer Skala von eins bis zehn.

Wir haben festgestellt, dass diese Angaben sehr zuverlässig sind. Wir können uns also auf Grundlage dieser Angaben ein sehr gutes Bild von den Gefühlen und der Lebenszufriedenheit der Menschen machen. Was uns dann im nächsten Schritt interessiert, ist die Erklärung für die jeweilige Zufriedenheit. Und da haben wir inzwischen ein weitaus diffizileres Bild als beim traditionellen Ansatz.

Was ist mit dem traditionellen Ansatz gemeint?

Die Annahme, dass ein höheres Einkommen auch zu einem höheren Wohlbefinden führt. Das Bruttoinlandsprodukt wird dabei wie ein Kuchen gesehen: Je größer er ist, desto mehr bekommen davon ein Stückchen ab. Durch den Zuwachs an Produkten und Dienstleitungen können mehr Ansprüche erfüllt werden. Folglich sollten die Menschen auch glücklicher sein, so die Annahme.

Und das ist nicht der Fall?

Nun, wenn wir die Lebenszufriedenheit über einen längeren Zeitraum beobachten, stellen wir fest, dass in vielen Wirtschaftsländern wie beispielsweise den USA oder aber Großbritannien die Wirtschaft zwar gewachsen ist, das allgemeine Wohlbefinden aber eher stagnierte oder sogar rückläufig war. Ähnliches gilt auch für Luxemburg. Die Annahmen der traditionellen Wirtschaftswissenschaft hauen also nicht ganz hin.

Und genau das ist auch das, worum es in meiner Forschung geht. Ich untersuche die Zusammenhänge und schaue, unter welchen Bedingungen sich Wirtschaftswachstum und Lebensqualität gleichermaßen entwickeln. Mit Lebensqualität gemeint ist dabei zum einen das eigene Wohlbefinden und zum anderen die Umweltqualität.

Wieso entwickeln sich Wirtschaftswachstum und Wohlbefinden oft unterschiedlich?

Eine Theorie ist, dass das Wirtschaftswachstum das Ergebnis einer Entwicklung ist, bei der freie Güter durch private ersetzt werden. Wenn also Menschen sich einsam fühlen oder aber Angst haben, vor die Tür zu gehen, können sie versuchen, das zu kompensieren. Indem sie dafür etwas anschaffen oder eine Dienstleistung in Anspruch nehmen. Wer einsam ist, kann sich zum Beispiel ein teures Heimkino anschaffen. Wer das Gefühl hat, dass die Kriminalität in der eigenen Stadt immer stärker wird, kann sich und sein Eigentum durch die Anschaffung teurer Überwachungstechnologie schützen. Und wer seinem Arbeitskollegen oder Geschäftspartner nicht vertraut, kannst sich mit Hilfe eines Juristen rechtlich absichern.

Ein hohes allgemeines Gut wie Vertrauen wird also gegen eine private Lösung eingetauscht. Das Wirtschaftswachstum wird so zum einen dadurch angekurbelt, dass man bestimmte Dienstleistungen oder Produkte in Anspruch nimmt, um sich gegen eine Verschlechterung des eigenen Wohlbefindens zum Beispiel durch Kriminalität, Umweltverschmutzung, wenig Zeit für soziale Beziehungen, zu wehren.  Gleichzeitig muss man aber auch härter arbeiten, um sich das leisten zu können.  Das Problem des Wohlbefindens wird dadurch aber nicht gelöst. Man muss mehr arbeiten, hat dadurch aber weniger Zeit, etwas gegen seine Einsamkeit zu tun oder aber Vertrauen zu einem anderen aufzubauen. Das Ergebnis ist also Wirtschaftswachstum auf der einen Seite und ein Rückgang des Wohlbefindens auf der anderen.

Und dieses Prinzip lässt sich auch auf die Umwelt übertragen. Je mehr man das Gefühl hat, sich vor negativen Umwelteinflüssen und den Folgen des Klimawandels schützen zu müssen, desto mehr gibt man für Maßnahmen aus. Man schafft sich zum Beispiel eine Klimaanlage an. Dadurch wiederum wird der der C02-Ausstoß erhöht und der Klimawandel weiter vorangetrieben. Man hat also ein allgemeines Problem, auf das jeder mit privaten Lösungen reagiert.

Gibt es denn auch Länder in Europa, wo der Wohlstand nicht auf Kosten des Wohlbefindens wächst?

Die skandinavischen Länder gehen eher in diese Richtung. Vielleicht auch deshalb, weil sie die Organisation ihres Lebens sozialer und respektvoller gestalten und Geld nicht die Rolle spielt wie bei uns. Oder einfach auch, weil sie eine bessere Balance schaffen. Das Problem ist einfach: Je mehr Bedeutung man dem Wirtschaftswachstum beimisst und je mehr man sich sorgt, wenn das Wachstum abschwächt, desto stärker wird dieser Prozess in Gang gesetzt. Wenn Menschen dann noch das Vertrauen in öffentliche Institutionen und in die Politik verlieren und nicht mehr an eine gemeinsame Lösung von Problemen glauben, kümmern sie sich selbst darum. Und durch die Summe der Einzellösungen wird das Problem weiter verschärft.

Ein moderates oder sogar stagnierendes Wirtschaftswachstum könnte also zu mehr Wohlbefinden führen?

Wirtschaftswachstum, das auf Kosten der sozialen und natürlichen Umwelt geht und das Wohlergehen der Menschen frustriert, ist nicht wünschenswert. Sollen wir die Idee des Wachstums aufgeben? Nicht unbedingt. Daten zeigen, dass Länder, in denen Wirtschaftswachstum mit großzügigen Wohlfahrtssystemen, geringer Einkommensungleichheit und hohem Sozialkapital einhergeht, Länder sind, in denen das Wohlergehen der Menschen im Laufe der Zeit wahrscheinlich zunehmen wird. Dies sind Länder, in denen die Wirtschaft langsamer wächst als anderswo, aber mit den Bedürfnissen der Menschen besser vereinbar ist: bessere Beziehungen zu sich selbst, zu den anderen und zur natürlichen Umwelt. Wir müssen die Rolle des Wirtschaftswachstums in unseren Gesellschaften neu überdenken: Sein Wachstum ist nicht unbedingt gut oder schlecht. Es kommt auf die Qualität des Wachstums an, und dies ist weitgehend eine Frage der Prioritäten, die wir setzen. 

Dass das Wirtschaftswachstum rückläufig ist, bedeutet ja auch nicht, dass die Wirtschaft schrumpft, sondern nur, dass sie nicht mehr so stark wächst wie vorher…

Genau. Und das ist auch ein Aspekt, der vielen nicht bewusst ist. Inzwischen wissen wir, dass Lebenszufriedenheit eine Zutat der Produktivität ist, dass glücklichere Leute also auch produktiver sind. Weswegen Unternehmen ja auch immer mehr in das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter investieren. Wir haben das an Beispielen untersucht und dabei herausgefunden, dass eine Steigerung der Zufriedenheit zu mehr Produktivität führt, wir also zwei Wochen im Jahr weniger arbeiten könnten, ohne dass das einen negativen Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt hätte. Dies wäre eine Gesellschaft, in der der Output nicht wächst, aber die Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden und die Menschen glücklich sind. Unter diesen Umständen würde mich eine Stagnation des Wirtschaftswachstums nicht beunruhigen.

Ist die aus Covid-19 resultierende Stagnation der Wirtschaft also vielleicht auch eine Chance?

Durchaus. Unser Leben ist so hektisch, dass wir uns kaum Zeit für andere nehmen. Die Lockdowns durch Covid-19 hat uns aber gezeigt, wie wichtig uns das Zusammenkommen mit anderen Menschen ist. Aktuell arbeiten wir dazu an einer Erhebung von Daten über die Vorlieben, Einstellungen und Befindlichkeiten von Luxemburgern im Jahr 2020. Wir wollen herausfinden, wie sich das Wohlbefinden, das Vertrauen und die Zuversicht in die Regierung, die Einstellung gegenüber Einwanderern sich im Kontext von Covid-19 verändert haben.

Die enorme Menge an Forschung, die als Reaktion auf die Pandemie produziert wurde, lieferte zwei wichtige Informationen: Erstens spielen soziale Beziehungen und insbesondere das Vertrauen in andere und in Institutionen eine wichtige Rolle bei der Förderung der Wirksamkeit von Gegenmaßnahmen gegen Covid-19. Länder, in denen das Vertrauen der Menschen höher ist, haben die Zahl neuer positiver Fälle schneller reduziert, mit weniger Verlusten und einer weniger strengen Politik als andere. Zweitens können die Auswirkungen des Wirtschaftswachstums auf die Umwelt am Ursprung der Pandemie stehen: Durch die Zerstörung der biologischen Vielfalt haben wir die Chancen erhöht, dass das Virus am Ursprung von Covid-19 auftritt.

Inwiefern?

Die biologische Vielfalt kann als Barriere angesehen werden, die uns vor Krankheiten schützt, und im Falle einer Ansteckung verbessert sie unsere Widerstandsfähigkeit. Die Zerstörung der biologischen Vielfalt ist gleichbedeutend mit dem Bau von Brücken zwischen Mensch und wildem Leben. Tatsächlich berichten verschiedene Experten, dass die Fälle von Neuinfektionen seit Anfang der 80er Jahre ansteigen. Ebola, Mers, Schweinegrippe sind nur einige der bekanntesten Krankheiten, die in den letzten Jahren aufgetreten sind, aber es gibt noch viele weitere, von denen wir nichts wissen.

Viele Forscher befürchten, dass Covid-19 nur die erste einer wachsenden Zahl von Epidemien sein könnte, denen unsere Spezies in Zukunft ausgesetzt sein wird. Deshalb ist es so wichtig, die Rolle des Wirtschaftswachstums in unseren Gesellschaften neu zu überdenken. In Anbetracht der sozialen und natürlichen Folgen des gegenwärtigen Modells der Wirtschaftsorganisation halte ich es für höchste Zeit, neue Lösungen zu finden. Es gibt bereits ausgereifte Studien, die sich mit Glück befassen. Und diese können und nützliche Erkenntnisse liefern.

Interview: Uwe Hentschel

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