© Uwe Hentschel

Andreas Bock Michelsen skizziert das Prinzip einer Sonett-Krone.

Andreas Bock Michelsen betreibt Grundlagenforschung in der Quantenmechanik. „Ich kann stundenlang über Quantenphysik reden und darüber, wie interessant es ist, aber ich denke, das wäre dann eher ein Vortrag über die Faszination als die Präsentation einer Idee“, sagt er. Aus diesem Grund habe er sich dazu entschieden, als Teilnehmer des 2. TEDxUniversityofLuxembourg auch nicht über seine Forschungsarbeit zu referieren, sondern über Poesie. Auf den ersten Blick passt das nicht wirklich zusammen. Und auf den zweiten Blick auch nicht. Im Fall von Michelsen gibt es aber eine Verbindung: der unverzichtbare Einsatz des Computers.

Ein Gedicht, das sich automatisch weiterentwickelt 

„Ich habe mich schon während meiner Masterarbeit mit Computerarbeit und Simulationen befasst, verfüge also über gewisse Grundkenntnisse des Programmierens“, erklärt er. Während seiner Masterarbeit sei er auf das Buch „The parasite sonnet“ von Martin Larsen gestoßen, der sich darin mit der mathematischen Struktur einer bestimmten Poesieform auseinandersetzt. „Der Poet und Autor hat sich der Poesiestruktur des Sonetts aus einer abstrakten, mathematischen Position genähert“, sagt Michelsen. Und das habe ihn fasziniert.

„Wenn du ein Gedicht hast, hast du zunächst nur eine bestimmte Struktur. Du kannst nicht darüber hinausgehen, es sei denn, du erweiterst dieses Gedicht“, erklärt der Doktorand. Der Buchautor habe vorgeschlagen, ein Programm zu entwickeln, mit dem sich das Gedicht von selbst weiterentwickelt – automatisch und schnell. 

Fraktale Poesie auf der Basis eines Sonetts 

Die Struktur, die Michelsen zu diesem Projekt inspiriert hat, ist die so genannte Sonett-Krone. Ein einzelnes Sonett besteht aus 14 gegliederten Verszeilen mit einem bestimmten Versmaß. Bei einer Sonett-Krone wiederum handelt es sich um eine Abfolge von 14 Sonetten, bei der das nachfolgende Sonett jeweils mit der letzten Verszeile des vorherigen Sonetts beginnt. Das letzte der 14 Sonetten endet wiederum mit der ersten Verszeile des ersten Sonetts. Und „gekrönt“ wird diese Form der Poesie dann noch mit einem 15. Sonett, dem Master-Sonett, das sich aus allen Anfangszeilen der 14 vorherigen Sonette zusammensetzt. 

Dieser Vorgang lässt sich endlos wiederholen. Aus dem Sonett wird also eine immer größer werdendes Gefüge, dessen Thema und Grundstruktur die gleichen bleiben. Michelsen spricht in diesem Zusammenhang von Fraktaler Poesie. Fraktale sind Objekte, bei denen das Ganze seinen Bestandteilen ähnelt. Der Begriff wurde von dem Mathematiker Benoît Mandelbrot geprägt, stammt also ursprünglich aus der Mathematik.

„Um so etwas hinzubekommen, muss man viele Regeln beachten, damit es am Ende auch passt und Sinn ergibt“, sagt Michelsen. Und diese komplizierte Struktur habe ihn und einen befreundeten Linguisten dazu inspiriert, das auszuprobieren. 

Das Echo der originalen Reimstruktur erforschen

Eine Aussage des Buchautors sei ihm dabei besonders im Gedächtnis haften geblieben. Nämlich die, dass es einfach sei, einen Computer dazu zu bringen, wirklich schlechte Poesie zu schreiben. „Es geht uns auch nicht darum, eine Maschine zu schaffen, die gut dichten kann“, betont Michelsen.  „Wir wollen diese unendliche Struktur, also gewissermaßen das Echo der originalen Reimstruktur, erforschen“, erklärt er. Das von Hand zu leisten sei angesichts der Vielzahl an Möglichkeiten nicht machbar. 

Der Physiker liest selbst gerne Gedichte und ist fasziniert von der begrenzten Struktur, in der sich die Kreativität entwickeln muss. „Ich denke, das Erleben von guter Poesie hängt auch viel mit der Struktur zusammen“, ist er überzeugt. Der Poet habe nun mal nur eine begrenzte Zahl an Wörtern, die sich in die vorgegebene Struktur einfügen müssen. „Es zwingt den Lyriker also dazu, neue Wege zu finden, etwas auszudrücken.“

Können Computer gute Poesie schreiben?

Bleibt abschließend nur noch die Frage, ob Computer vielleicht doch irgendwann in der Lage sein werden, gute Lyrik zu verfassen? „Maschinen können schnell und gut arbeiten und uns dabei helfen, die unendliche Struktur der Sonette zu ergründen. Und vielleicht werden sie irgendwann wirklich in der Lage sein, gute Gedichte zu schreiben – wobei es immer schwer sein wird, das zu beurteilen“, sagt Michelsen. Etwas aber werde den Computer dabei immer vom Dichter unterscheiden: „Er kann den schönen Sonnenuntergang oder aber den Liebeskummer vielleicht beschreiben, aber er wird beides nie fühlen können.“

Autor: Uwe Hentschel

Foto: Uwe Hentschel

 

Das vollständige Programm sowie Tickets findet ihr hier: www.tedxuniversityofluxembourg.com

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