© cristovao/Shotshop.com

In Luxemburg waren im Jahr 2018 13,4 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung von Armut bedroht

Im Jahr 2017 waren fast 10 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung der EU von Armut bedroht. Das entspricht etwa 20,5 Millionen EU-Bürgern. Neben sozialer Ausgrenzung, Unterschieden und Ungleichheit gefährdet Armut trotz Erwerbstätigkeit auch ein grundlegendes und wesentliches Merkmal der EU-Staatsbürgerschaft: die Aussicht auf ein menschenwürdiges Leben. Zur Umkehrung dieser Entwicklung sind staatliche Maßnahmen erforderlich. Allerdings müssen erst die Ursachen verstanden werden, bevor das Problem angegangen werden kann. 

Das gesamteuropäische Forschungsprojekt Working, Yet Poor (WorkYP-Projekt) will das Verständnis stärken und für zielgerichtete und verbesserte staatliche Maßnahmen sorgen. Bei dem Projekt werden die sozialen und rechtlichen Gründe untersucht, warum nach wie vor immer mehr EU-Bürger trotz Erwerbstätigkeit gefährdet sind, unterhalb der Armutsgrenze zu leben.

Verteilung der Armut trotz Erwerbstätigkeit fällt in Europa sehr unterschiedlich aus

„Die Länder ergreifen bestimmte Maßnahmen, um Armut trotz Erwerbstätigkeit zu verhindern, aber es gibt keinen festgelegten Ansatz zur Verringerung oder Beseitigung“, sagt Luca Ratti, Koordinator des WorkYP-Projektes und Associate Professor für Europarecht und vergleichendes Arbeitsrecht an der Universität Luxemburg. „Die EU-Mitgliedstaaten benötigen – individuell und gemeinschaftlich – ein besseres Verständnis des Problems, ein Verständnis, das auf sachbezogenen Daten beruht und es ihnen ermöglicht, das Problem zu kontrollieren und erfolgreich dagegen vorzugehen.“ 

Die Verteilung der Armut trotz Erwerbstätigkeit fällt in Europa sehr unterschiedlich aus, was auf unterschiedliche soziale und rechtliche Systeme oder Maßnahmen zur Armutsbekämpfung zurückzuführen ist. Beispielsweise waren in Luxemburg im Jahr 2018 13,4 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung von Armut bedroht, in Belgien waren es 5,2 Prozent. Die Gründe für diese Unterschiede wurden noch nicht ausreichend untersucht. 

Analyse von sieben repräsentativen Ländern mit unterschiedlichen Sozial- und Rechtssystemen

Daher werden im Rahmen des WorkYP-Projekts sieben repräsentative Länder mit unterschiedlichen Sozial- und Rechtssystemen (Luxemburg, Belgien, Deutschland, Italien, die Niederlande, Polen und Schweden) analysiert, um das Problem zu dokumentieren und Best-Practice-Lösungen zur Bekämpfung der Armut trotz Erwerbstätigkeit in allen Systemen vorzuschlagen.

„Wenn in einem bestimmten Land 10 bis 15 Prozent der Arbeitnehmer an oder unter der Armutsgrenze leben, dann tragen dort die Arbeitsgesetze nicht zum Schutz der Bürger bei, und der sozioökonomische Zusammenhalt ist gefährdet. Mit dieser Studie wollen wir die EU-Mitgliedstaaten und die EU als Ganzes dabei unterstützen, ihre Politik und ihre regulatorischen Maßnahmen gezielter einzusetzen“, erklärt Ratti.

Grenzüberschreitendes Projekt unter luxemburgischer Leitung

Im Rahmen des WorkYP-Projekts wurden bestimmte Personengruppen ermittelt, bei denen ein höheres Risiko für Armut trotz Erwerbstätigkeit besteht und auf die sich die Analyse konzentrieren wird. Hierzu zählen Niedriglohnarbeiter, Selbständige, Personen mit befristeten oder flexiblen Arbeitsverträgen sowie Gelegenheitsarbeiter. Da Frauen häufiger in Niedriglohnberufen beschäftigt sind oder mit ungleichen Arbeitsbedingungen zu kämpfen haben, werden bei der Untersuchung die Zusammensetzung der Haushalte und das Einkommen berücksichtigt. 

Associate Professor Luca Ratti wird ein multinationales und interdisziplinäres Forschungsteam leiten, das sich aus Forschern von acht europäischen Universitäten (Frankfurt, Bologna, Leuven, Rotterdam, Tilburg, Danzig und Lund) sowie drei in Europa tätigen Institutionen für soziale Rechte zusammensetzt. Die Universität Luxemburg genießt einen hervorragenden Ruf als effektives Zentrum für multidisziplinäre Forschungsprojekte mit praktischen Auswirkungen und wurde deswegen für die Koordination des WorkYP-Projekts ausgewählt.

Problem lässt sich mit singulärem Ansatz nicht lösen

Das Projekt habe konkrete Auswirkungen für den Einzelnen, sagt Luca Ratti: „Die EU-Staatsbürgerschaft sollte das Recht auf ein menschenwürdiges Leben garantieren; dennoch sind in der EU nach wie vor täglich Millionen von Bürgern von Armut trotz Erwerbstätigkeit betroffen. Um dieses dringende Problem in der Praxis anzugehen, müssen wir europaweite und multidisziplinäre Forschungspartnerschaften fördern, um Lösungen zu finden.”

Ein singulärer Ansatz werde mit Sicherheit scheitern, ist Ratti überzeugt: „Das WorkYP-Projekt basiert auf der Zusammenarbeit einer Gruppe von Sozial- und Rechtsexperten, um das Problem gründlich zu analysieren und anschließend realistische Maßnahmen vorzuschlagen, mit denen die Zahl derjenigen, die in der EU trotz Erwerbstätigkeit von Armut betroffen sind, verringert werden kann“. 

Autor: Universität Luxemburg
Editor: Uwe Hentschel

Infobox

Was ist Horizon 2020?

Horizon 2020 ist das größte EU-Programm für Forschung und Innovation, das jemals durchgeführt wurde. Es wird über einen Zeitraum von sieben Jahren (2014 bis 2020) mit fast 80 Milliarden EUR gefördert - zusätzlich zu den privaten Investitionen, die dieses Geld anziehen wird. Es verspricht mehr Durchbrüche, Entdeckungen und Weltneuheiten, indem es großartige Ideen aus dem Labor auf den Markt bringt.


 

Auch interessant

Arbeitsmarkt Führt eine erfolgsabhängige Bezahlung von Mitarbeitern tatsächlich zu besseren Leistungen?

Individuell leistungsbezogener Lohn steigert die Motivation der Mitarbeiter. Das denken viele Arbeitgeber, stimmt so abe...

Arbeitslosigkeit bei Hochschulabsolventen Warum immer mehr Akademiker in Luxemburg auf Jobsuche sind

Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl arbeitsloser Hochschulabsolventen verdreifacht. Kommt Luxemburg seiner Bild...

Vereinbarkeit von Familie und Beruf Beeinflussen wohnortnahe Angebote der Kinderbetreuung die Berufstätigkeit der Mütter?

Für berufstätige Eltern ist bei der Wahl des Wohnsitzes die räumliche Nähe zu Kindertagesstätten oft auschlaggebend. Do...

Auch in dieser Rubrik

Bildung Pisa-Studie: Trotz aller Kritik der beste Vergleich

Ähnlich schlecht wie Luxemburgs Pisa-Resultat ist auch der Ruf dieser internationalen Vergleichsstudie - zu unrecht, meint Bildungswissenschaftler Antoine Fischbach.

Luxemburgische Erhebung Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Gesundheitszustand und Wohnumfeld älterer Menschen?

Altern in Gesundheit ist eine bedeutende gesellschaftliche Herausforderung. Es ist daher wichtig, zu erkennen und zu verstehen, wie sich die Merkmale eines Wohnquartiers auf ältere Menschen auswirken...

FNR Awards 2019 Für die Optimierung des Funkspektrums zwischen Satelliten- und terrestrischen Kommunikationssystemen

Wegen steigender Multimedia-Anwendungen „staut“ es langsam im Spektrum der Funkwellen. Forscher der Uni Luxemburg haben eine Idee, wie man das verfügbare, lizenzierte Spektrum effizienter nutzen könn...