LIH
Dr. Maria Ruiz-Castell (links) und Dr. Babul Hossain (rechts) vom LIH haben den "Gender Health Gap" in Luxemburg untersucht.
Dr. Maria Ruiz-Castell und Dr. Babul Hossain vom Luxembourg Institute of Health (LIH) haben Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern in Gesundheit und Gesundheitsversorgung in Luxemburg untersucht. Fazit: Trotz Fortschritten bei der Gleichstellung der Geschlechter in Beschäftigung und Einkommen sind die Gesundheit und der Zugang zu Gesundheitsleistungen hier im Land nach wie vor ungleich verteilt. Das gilt besonders für Frauen in benachteiligten Lebenslagen.
Wenn Medizin überwiegend an Männern gemessen wird
Krankheiten und Medikamente wurden bisher überwiegend an Männern erforscht. Das kann Frauen im Gesundheitssystem benachteiligen. Denn Frauen haben oft andere Symptome, Beschwerden und Bedürfnisse. So erleiden Frauen zwar seltener Herzinfarkte, sterben aber häufiger daran, weil die Symptome nicht erkannt werden.
Frauen erhalten bei gleichen Schmerzen auch seltener Schmerzmittel als Männer. Krankheiten können bei Frauen anders verlaufen, Medikamente anders wirken, und ihre körperlichen Beschwerden werden öfter psychologisch erklärt. Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede in medizinischer Forschung, Gesundheit und Gesundheitsversorgung werden als „Gender Health Gap“ bezeichnet.
Mehr als Biologie: ein komplexes Zusammenspiel
„Die Unterschiede in der Gesundheit und der gesundheitlichen Versorgung von Männern und Frauen sind krass“, bilanziert Dr. Maria Ruiz-Castell, Leiterin der „Socio-economic, environmental health and health services (CARES)“-Forschungsgruppe am Luxembourg Institute of Health (LIH). Nach Stand der Forschung seien dafür nicht nur biologische oder psychische Unterschiede verantwortlich:
„Dahinter steht ein Mix aus biologischen und sozioökonomischem Faktoren wie zum Beispiel unterschiedliche Lebenssituationen, Bildung, Einkommen oder Migrationshintergrund. All diese Faktoren wirken zusammen, und das macht bestimmte Gruppen besonders vulnerabel.“
3 Jahre Unterschied: der Gender Health Gap in Luxemburg
Auch in Luxemburg macht das Geschlecht bei Gesundheit und Gesundheitsversorgung einen großen Unterschied. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge verbringen Frauen in Luxemburg im Durchschnitt mehr als 13 Jahre ihres Lebens in schlechter gesundheitlicher Verfassung - bei Männern sind es nur rund zehn Jahre.
Diese Ungleichheit bestätigt nun eine der ersten Studien zum Gender Health Gap in Luxemburg, die Dr. Ruiz-Castell und Ko-Autor Dr. Babul Hossain im Auftrag des Ministeriums für Gleichstellung und Diversität vergangenes Jahr vorgelegt haben. „Die Analyse zeigt eine anhaltende und vielschichtige geschlechtsspezifische Gesundheitskluft in Luxemburg auf, wobei Frauen in Luxemburg im Allgemeinen schlechtere Gesundheitsergebnisse aufweisen als Männer“, lautet das Fazit der Studie.
Was die luxemburgische Stude untersuchte
Die Luxemburger Studie untersuchte Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei der körperlichen Gesundheit, der psychischen Gesundheit und der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen. So wurde zum Beispiel nach starken Schmerzen, depressiven Symptomen oder fehlender Behandlung wegen Finanzproblemen oder Wartelisten gefragt.
Bei allen Aspekten konzentrierten sich die Forscher darauf, wie das Geschlecht mit Alter, Bildung, Migrationshintergrund, sozialer Unterstützung und anderen Lebensbedingungen zusammenwirkt und so die Gesundheit und gesundheitliche Versorgung beeinflusst. Als Grundlage dienten Daten der Europäischen Gesundheitsbefragung (EHIS) für die Jahre 2014 und 2019. Die Daten für Luxemburg wurden auch mit denen anderer europäischer Staaten verglichen.
Besonders betroffen: ältere Frauen und junge Frauen mit niedrigem Bildungsniveau
Die befragten Frauen gaben bei allen Fragen durchweg einen schlechteren gesundheitlichen Status an als Männer. So litten Frauen ab 65 Jahren mit geringer sozialer Unterstützung mehr als doppelt so häufig an Multimorbidität – also an zwei oder mehr chronischen Krankheiten - wie Männer derselben Altersgruppe. Ein ähnliches Muster zeigte sich bei älteren Frauen, die allein lebten.
Junge Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren mit niedrigem Bildungsniveau gaben mehr als sechsmal häufiger depressive Symptome an als junge Männer mit niedrigem Bildungsniveau.
Mehrfache Benachteiligung: wenn Faktoren sich addieren
Die Ungleichheiten verstärkten sich, wenn sie mit sozioökonomischen und demografischen Faktoren zusammenwirkten. So war zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, depressive Symptome zu entwickeln, bei Frauen mit niedrigem Bildungsniveau und bei Frauen, die in einem anderen EU-Land geboren wurden, deutlich höher als bei männlichen Altersgenossen mit demselben Hintergrund.
Frauen gaben auch deutlich häufiger als Männer an, dass ihre Gesundheitsbedürfnisse nicht erfüllt wurden – wegen langer Wartezeiten oder Entfernung und Transportproblemen. Alleinlebende Frauen sowie Frauen mit niedriger Bildung und geringer sozialer Unterstützung hatten noch stärker damit zu kämpfen.
Mögliche Ursachen: bisher nur Vermutungen
Aber woran genau liegt das? Dr. Hossain vermutet, dass hier verschiedene Benachteiligungen gleichzeitig wirken. Zum Beispiel übernehmen Frauen mehr Kinderbetreuungsarbeit und verzichten womöglich aus Zeitmangel auf den nötigen Arztbesuch.
Besonders junge Immigrantinnen sind zudem oft isoliert und können womöglich weniger auf die Hilfe von Familie und Freunden bei Transport und Kinderbetreuung bei Terminen zählen. Das sind jedoch nur Vermutungen – um dies nachzuweisen, wären weitere Studien nötig.
Sonderfall Luxemburg: jung, divers und Sprachbarrieren
Der LIH-Studie zufolge lag die geschlechtsspezifische Kluft bei depressiven Symptomen und ungedecktem Gesundheitsbedarf in Luxemburg im Jahr 2019 sogar über dem EU-Durchschnitt. „Dies könnte auf das einzigartige demografische Profil Luxemburgs zurückzuführen sein: Das Land hat eine der jüngsten und vielfältigsten Bevölkerungen in Europa, mit einem besonders hohen Anteil an jungen Einwanderern und ausländischen Arbeitskräften“, so Babul Hossain.
Sprachbarrieren, fehlende Gesundheitsinformationen oder ein unsicherer Aufenthaltsstatus könnten den Zugang zu Prävention oder medizinischer Versorgung erschweren und Menschen vulnerabler für depressive Symptome machen.
Was jetzt gebraucht wird: Forschung, Bildung und Bewusstsein
Auch das sind jedoch nur Hypothesen. Die Autoren arbeiten nun daran, die Studie mit den neuesten Zahlen der Europäischen Gesundheitsbefragung von 2025 zu aktualisieren. In einer weiteren Studie wollen sie Luxemburgs Gender Health Gap im Detail mit anderen EU-Staaten vergleichen. Weitere Forschung sei dringend nötig, so Dr. Ruiz-Castell.
„Wir müssen Frauen stärker in klinische Studien einbinden, Ärzte sensibilisieren und Frauengesundheit im Medizinstudium lehren, aber auch das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit schärfen“, sagt die Forscherin. Denn die typisch weiblichen Symptome eines Schlaganfalls oder Herzinfarkts zu erkennen, kann Leben retten.
Langfristig geht es darum, die Versorgung benachteiligter Gruppen zu verbessern und so Wohlbefinden, Erwerbsarbeit und Produktivität, aber auch sozialen Zusammenhalt zu fördern. „Es ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit“, unterstreicht die Wissenschaftlerin, „und das treibt uns an.“
Autorin: Britta Schlüter
Redaktion: Michèle Weber (FNR)