Foto: Sophie Pilleron; Layout: Superblau

Dr. Sophie Pilleron vom Luxembourg Institute of Health (LIH)

Dr. Sophie Pilleron hatte weder ein Leben in Luxemburg noch eine Führungsrolle bewusst geplant. Ihre Karriere verlief nicht klassisch geradlinig, sondern entwickelte sich über diverse Erfahrungen innerhalb der Epidemiologie. Wie vielfältig das Fach ist und was sie antreibt, erzählt Sophie Pilleron im Gespräch mit science.lu.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Sophie Pilleron: Ich bin Epidemiologin mit den Schwerpunkten Alterung und Krebs und gebürtig aus Dijon in Frankreich. Ich habe 2014 in Frankreich promoviert und leite seit 2023 dank eines ATTRACT-Stipendiums des Luxembourg National Research Fund (FNR) eine zehnköpfige Gruppe junger Forscherinnen am Luxembourg Institute of Health (LIH). Außerdem bin ich Vorstandsmitglied der International Society of Geriatric Oncology (SIOG), Alumna der Universität Oxford und des Centre international de echerche sur le cancer, Redaktionsmitglied mehrerer wissenschaftlicher Fachzeitschriften, darunter des Journal of Geriatric Oncology, eine starke Verfechterin von Frauen in der Wissenschaft, Mentorin an der Universität Luxemburg und nicht zuletzt Mutter zweier Töchter. Kurz: Ich bin vieles!

Warum haben Sie sich für die Forschung entschieden? War das ein Schülertraum?

Sophie Pilleron: Gar nicht. Ich interessierte mich zwar in der Schule schon für naturwissenschaftliche Fächer, vor allem für Biologie und Mathematik. Ich wollte ursprünglich Medizin studieren, aber ich wurde nach dem Auswahlverfahren nicht zugelassen. Doch meine Resultate erlaubten es mir, direkt im zweiten Jahr Biologie weiterzustudieren, mit dem Schwerpunkt Zell- und Molekularbiologie. Im weiteren Verlauf des Studiums habe ich den Fokus auf Ernährung gelegt und dann einen Master  « Santé publique et pays en développement « an der Universität Paris 6 gemacht. Und dort habe ich mich in die Epidemiologie verliebt.

Gab es einen entscheidenden Moment?

Sophie Pilleron: Ja – ein achtmonatiges Praktikum in Westafrika. Als Studentin erhielt ich den Auftrag, eine Studie zu leiten über die Ursachen von Wachstumsverzögerungen bei Ungeborenen von Frauen im ländlichen Burkina Faso. Ich kümmerte mich von A bis Z um das ganze Projekt – entwickelte die Fragebögen, koordinierte die Interviewerinnen, wertete die Antworten aus. Ich war 23 Jahre alt, fuhr mit dem Mofa von Dorf zu Dorf zu den Müttern, die gerade entbunden hatten, und stellte ihnen Fragen. Eine absolut außergewöhnliche Erfahrung für eine junge Europäerin.

Wie sind Sie dahin gekommen, wo Sie heute sind? Was treibt Sie bis heute an?

Sophie Pilleron: Ich habe keine geradlinige Karriere. Ich habe als Epidemiologin an verschiedenen Arten von Institutionen gearbeitet. Nach meinem Master wollte ich promovieren. Ich begann meine Doktorarbeit an der Universität Straßburg, musste sie jedoch abbrechen, weil meine erste Tochter unterwegs war. Dann habe ich in Bordeaux einen Master professionnel en épidémiologie absolviert, sozusagen mit dem Baby auf dem Arm. Ich war eine junge, alleinerziehende Mutter und ich musste Geld verdienen. Nach dem Abschluss arbeitete ich gut zwei Jahre lang für ein regionales Gesundheitsobservatorium, dann bei der NGO Handicap International, um Diabetesprojekte auf den Philippinen und in Ostafrika zu bewerten. Im Alter von 31 Jahren nahm ich meine Doktorarbeit über kognitive Störungen in Zentralafrika in Angriff, diesmal an der Universität Limoges.

Dieser Parcours war möglich, weil die Epidemiologie viele Unterbereiche, Themen und Perspektiven bietet. Epidemiologen arbeiten nicht nur in der Forschung, sondern auch in Gesundheitsämtern, NGOs oder internationalen Organisationen. Mein roter Faden war und ist bis heute der Wunsch, im Dienst von vulnerablen Populationen zu arbeiten.

Mit Anfang 30 eine Doktorarbeit zu beginnen ist recht spät, oder?

Sophie Pilleron: In der Tat. Doch ich komme nicht aus einer Akademikerfamilie und es hat lange gedauert, bis ich verstand, wie Forschungslaufbahnen funktionieren. Zum Beispiel, dass man Kontakte pflegen und sichtbar sein muss, um weiterzukommen. Bei der Verteidigung der Doktorarbeit war ich mit meiner zweiten Tochter schwanger. Afrikamissionen mit zwei Kleinkindern waren komplizierter. Ich habe also nach Post-Doc-Stellen in Frankreich gesucht, bei denen ich nicht reisen musste. Ich erhielt ein sehr kompetitives Stipendium für ein Forschungsprojekt über Krebs bei älteren Menschen am Centre International de Recherche sur le cancer (CIRC), eine Agentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO),  die sich auf Krebsforschung konzentriert. Da wurde mir klar, dass es wenig epidemiologische Forschung über ältere Populationen gibt, obwohl ältere Menschen jedes Jahr die Mehrheit der neuen mit Krebs diagnostizierten Patienten darstellen. Während meines Post-Docs am CIRC lernte ich Prof. Dr. Diane Sarfati kennen und wollte unbedingt mit ihr arbeiten. Ich bewarb mich um eine Marie Curie Global Fellowship, eines der kompetitivsten europäischen Forschungsstipendien, und es klappte. Wir zogen als Familie für ein Jahr nach Neuseeland – eine außergewöhnliche Erfahrung !

Da hatten Sie sicher nicht Luxemburg auf dem Radar?

Sophie Pilleron: Tut mir leid, nein. Nach Neuseeland habe ich als Post-Doc an der Universität Oxford gearbeitet, größtenteils online, wegen der Corona-Pandemie. Dann kontaktierte mich mein heutiger Chef. Wir kannten uns vom beruflichen Austausch über soziale Medien und er wollte eine Forschungsgruppe zum Thema Krebs aufbauen. Ich bewarb mich um eine FNR ATTRACT Fellowship, eine Finanzierung über 2 Millionen Euro für einen Zeitraum von fünf Jahren, und erhielt sie. Also zog die ganze Familie wieder um! Heute bin ich sehr glücklich mit meiner Position und bereue keine meiner Stationen.

Wie sieht Ihr Forschungsalltag aus?

Sophie Pilleron: Epidemiologen untersuchen die Häufigkeit, Verteilung und Ursachen von Krankheiten in Bevölkerungsgruppen. Der Arbeitsalltag basiert auf Datenanalyse und Statistik. Man muss eine spannende Forschungsfrage finden, dann ein Datenset dazu, das Antworten verspricht. Dann geht es darum zu analysieren, interpretieren und zu veröffentlichen. Wir arbeiten also nicht im Labor, sondern hauptsächlich am Bildschirm. 

Am LIH leite ich eine multidisziplinäre Forschungsgruppe bestehend aus Masterstudenten, einer Doktorandin, vier Post-Docs und einer Ärztin in Ausbildung zur Allgemeinmedizinerin. Nur Frauen. Einen Großteil meiner Zeit nutze ich, um den jungen Wissenschaftlerinnen Mut zuzusprechen, ihr Forschungsprojekt zu begleiten und sie zu führen. Vielen fehlt es anfangs an Selbstvertrauen. Zudem muss ich mich in Luxemburg vernetzen, und natürlich klassische Forschungsaktivitäten erledigen, etwa wissenschaftliche Arbeiten begutachten. Ich halte auch Vorlesungen für Studenten im dritten Jahr des Medizinstudiums an der Universität Luxemburg. 

Und woran arbeitet Ihr Team gerade?

Sophie Pilleron: Unser Ziel ist, altersbedingte Ungleichheiten bei der Behandlung von Krebspatienten zu reduzieren. Denn ältere Patienten über 70 Jahre sind in den klinischen Studien unterrepräsentiert. Mir ist das wichtig, um eine echte Wirkung zu erzielen, damit ältere Krebskranke eines Tages die gleichen Chancen haben wie jüngere Menschen haben, so gut wie möglich behandelt zu werden. Angesichts der alternden Bevölkerung in Europa ist das für unsere Gesellschaft ein enorm wichtiges Thema.

Wer oder was unterstützt Sie in Ihrer Karriere?

Sophie Pilleron: Meine Mutter, die sich um meine älteste Tochter kümmerte, als ich für mehrwöchige Missionen  nach Afrika oder anderswo reiste. Und mein Partner. In der Epidemiologie arbeiten vor allem Frauen, viel männliche Konkurrenz gab es nicht. Aber wegen der Familie brauchen Karrieren von Forscherinnen in der Regel mehr Zeit. Mein Partner wechselte wegen mir mehrmals den Job und nahm Umzüge in andere Länder in Kauf. So ein Glück hat nicht jede Forscherin.

Was würden Sie jungen Mädchen raten, die sich für Wissenschaft interessieren?

Sophie Pilleron: Findet heraus, für welches Fach oder Thema Ihr eine Leidenschaft habt. Das ist die Grundlage für alles. Habt keine Angst, Fragen zu stellen, vor allem Forschern. Die meisten freuen sich sehr, wenn eine Studentin sie zum Beispiel anschreibt, weil sie ihr Paper gelesen hat. Wer weiß, was sich aus diesem Kontakt ergibt? Habt keine Angst, das Forschungsthema zu wechseln, wenn es keinen Spaß macht. Wählt euren PhD-Supervisor sorgfältig aus, auch nach menschlichen Kriterien.

Vergleicht euch nie mit anderen, glaubt an euch und lasst euch nicht entmutigen. Mein Mathelehrer im Gymnasium sagte mir einst: Aus dir wird nie eine Wissenschaftlerin. Und das nur, weil ich eine andere Art zu denken hatte. Akzeptiert auch Scheitern – zurückgewiesene Forschungsanträge, Stipendien und Artikel gehören zum Prozess dazu. Und auch wenn man nicht die perfekte Ausbildung vorweisen kann, gibt es immer Mittel und Wege. Angelsächsische Länder zum Beispiel sind viel offener für nichtlineare Karrieren. Seid beharrlich, bleibt flexibel und offen für alle Gelegenheiten, die sich bieten.

Interview: Britta Schlüter
Redaktion: Michèle Weber (FNR)
Fotos: Sophie Pilleron, LIH

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