(C) Uwe Hentschel

Des panneaux et autocollants sont partout.

Mit ihrer neu entwickelten App Lingscape möchte die Uni Luxemburg die Mehrsprachigkeit im Land untersuchen. Und die Bevölkerung soll ihr dabei helfen.

Die Zeiten, in denen Christoph Purschke einfach so an einem Schild vorbei gehen konnte, sind vorbei. „Ich bin im Moment sehr schlecht darin, Schilder zu übersehen“, sagt er lachend. Selbst wenn er mit Freunden unterwegs sei, falle es ihm schwer, sein Smartphone in der Tasche zu lassen. So, wie andere mit ihren Smartphones Taschenmonster jagen, sammelt Purschke Schilder. „Es ist eine Art linguistisches Pokémon Go“, erklärt er. Nur dass seine App kein Spiel ist, sondern ein neuer Ansatz in der Wissenschaft.

Citizen Science: Bevölkerung unterstützt die Forschung

Purschke ist promovierter Forschungsassistent am Institut für luxemburgische Sprach- und Literaturwissenschaft der Uni Luxemburg.  Gemeinsam mit Professor Peter Gilles untersucht er den Anteil luxemburgischer, französischer, deutscher und portugiesischer Schilder und Beschriftungen in Luxemburg und den umliegenden Regionen. Unterstützt wird er dabei neuerdings durch  die eigens dafür entwickelte App „Lingscape“ – und im Idealfall auch durch die Bevölkerung. Denn vor allem für sie wurde die App entwickelt.

„Wir können damit den Menschen zeigen, wie Forschung entsteht und was wir machen“, sagt der Sprachwissenschaftler. „Die Leute werden so Teil eines Forschungsprozesses.“  In der Forschung wird dieses Verfahren, bei dem Laien involviert werden, Citizen Science genannt. Alles, was in diesem Fall dafür benötigt wird, ist ein Smartphone und die Lingscape-App, die kostenlos in den App Stores von Apple und Google heruntergeladen werden kann.

Virtuelle Karte der sprachlichen Landschaft

Welche Schilder im öffentlichen Raum fallen den Menschen auf? In welchen Sprachen sind diese beschriftet? Und wo stehen sie? Genau das interessiert die Wissenschaftler. Und genau diese Daten sollen die Bürger liefern, indem sie Fotos machen, die dann mit Hilfe der App auf eine interaktive Karte geladen werden. Im Lauf der Zeit soll so eine virtuelle Karte der luxemburgischen sprachlichen Landschaft (Landscape) entstehen. Die dabei gewonnenen Daten werden anschließend mit Hilfe von Verfahren aus der Computerlinguistik ausgewertet.

Wie vielfältig die Sprachlandschaft ist, hat Purschke selbst überrascht. So wurden vor kurzem Teilnehmer der luxemburgischen Summer School losgeschickt, um mit Hilfe der App (mehrsprachige) Beschriftungen und Schilder in der Hauptstadt zu sammeln. Und wie der Sprachwissenschaftler berichtet, wurden dabei in nur wenigen Stunden 160 Bilder von Schildern in mehr als 40 verschiedenen Sprachen gesammelt. Darunter war ein Schild in sämtlichen EU-Sprachen, aber auch japanische Silbenschrift wurde gesichtet. Ebenso wie Baoulé, eine Sprache, die von einigen ethnischen Gruppen in der Elfenbeinküste gesprochen wird.

Erkenntnisse über die Wahrnehmung der Sprachlandschaft

Sprachen wie Baoulé, welche in diesem konkreten Fall auf einer Speisekarte entdeckt wurde, sind in Luxemburg natürlich die Ausnahme. Was die Sprachwissenschaftler vor allem interessiert, ist die Verteilung der in Luxemburg hauptsächlich gesprochenen Sprachen, aber auch deren Wahrnehmung. „Die Karte ermöglicht uns, zu erkennen, ob es eine Diskrepanz zwischen den Landscapes und der Wahrnehmung dieser Landscapes gibt“, erklärt der Linguist. Ob es beispielsweise also tatsächlich so ist, dass sich Portugiesisch vor allem auf den Süden des Landes konzentriert.

Die App selbst steht den Nutzern derzeit in den Sprachen Luxemburgisch, Französisch, Deutsch und Englisch zur Verfügung; eine spanische Übersetzung ist in Arbeit. Auch wenn sich die Forscher der Uni vor allem auf die Sprachlandschaft in Luxemburg und Umgebung konzentrieren, so können die Schilder und Beschriftungen weltweit fotografiert und in der interaktiven Karte dokumentiert werden. Und wer irgendwo noch ein Pokémon-Warn- oder Hinweisschild findet, darf das natürlich auch knipsen. Punkte gibt es dafür allerdings nicht.

Autor: Uwe Hentschel

Fotos: Uwe Hentschel

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