Schmerzforscher Fernand Anton

© Uwe Hentschel

Männer seien im Durchschnitt keineswegs schmerzempfindlicher als Frauen, sagt Fernand Anton, Professor für Biopsychologie an der Uni Luxemburg.

Die Frage beantwortet der Schmerzforscher direkt zu Beginn mit einem klaren „Nein“. Männer seien im Durchschnitt keineswegs schmerzempfindlicher als Frauen, sagt Fernand Anton, Professor für Biopsychologie an der Uni Luxemburg. Im Gegenteil: Der Blick in die Literatur, auf Statistiken und Studien zeigen, dass es eher anders herum sei.

„Man hat früher immer angenommen, dass Frauen zwar schneller sagen, wenn ihnen etwas wehtut, sie gleichzeitig aber auch in der Lage sind, mehr auszuhalten als Männer“, so Anton. Bestes Beispiel dafür seien die Schmerzen bei der Geburt. „Inzwischen aber wissen wir, dass das nicht der Fall ist“, fügt er hinzu und verweist auf klinische Untersuchungen, die gezeigt hätten, dass sowohl die Schmerzschwelle als auch die Schmerztoleranz bei Frauen niedriger sei als bei Männern.

Schmerzgedächtnis entwickelt sich bei Frauen schneller

Wenn man also den Schmerz hochschaukle, indem man beispielsweise den Testpersonen immer wieder an der gleichen Stelle einen leichten Schmerz zufüge, so verstärke sich dieser Schmerz bei Frauen schneller. Es scheine, als werde bei ihnen das Schmerzgedächtnis schneller aktiviert, erklärt der Biopsychologe.  

Schmerzgedächtnis bedeutet, dass die Schmerzrezeptoren der Nervenzellen, das Rückenmark und das Gehirn empfindlicher auf ursprünglich schwache Reize reagieren. Es ist so, als wenn der Schmerz durch wiederholtes Auftreten trainiert wird – und das so lange, bis gar kein Schmerzreiz mehr benötigt wird, um den Schmerz zu fühlen.

Das wiederum kann dann dazu führen, dass Menschen chronische Schmerzen fühlen, für die es keine (erkennbare) körperliche Ursache gibt. Fibromyalgie (tiefe Muskelschmerzen in mehreren Körperregionen) ist eine solche chronische Erkrankung. Und wie der Biopsychologe erklärt, sind Frauen von dieser Krankheit häufiger betroffen als Männer.

Männer leiden weniger, wenn die Schmerzen durch Frauen verursacht werden

Die geschlechtlichen Unterschiede bei der Wahrnehmung von Schmerzen hängen laut Anton auch mit den Hormonen zusammen. So sei das Schmerzempfinden bei Männern und Frauen im Kindesalter noch ähnlich, jedoch ändere sich das meist mit der Pubertät. „Die Schmerzempfindlichkeit schwankt bei vielen Frauen auch mit dem Zyklus“, fügt er hinzu. Und das spreche dafür, dass auch die weiblichen Geschlechtshormone Einfluss auf die Schmerzsensibilität haben.

Was die Leidensfähigkeit der Männer betrifft, so kann diese auch davon abhängen, wer in einer experimentellen Laborsituation die Schmerzen zufügt. „Versuche haben gezeigt, dass das Schmerzempfinden variiert, je nachdem, ob der Versuchsleiter ein Mann oder eine Frau ist“, sagt Anton. So werde der Schmerz tendenziell als weniger intensiv empfunden, wenn es sich um einen weiblichen Versuchsleiter handle. Was zeige, dass auch Kultur und geschlechtsbezogene Rollenvorstellungen (starker Mann – schwache Frau) die Wahrnehmung von Schmerz beeinflussen.

Bislang, so der Schmerzforscher, wisse man aufgrund der vielen Studien und Messungen, dass es diesen Unterschied gibt. „Nur wissen wir noch nicht, warum genau das so ist“, fügt er hinzu. Dabei sei diese Erkenntnis sehr wichtig: „Nur so ist eine Behandlung möglich, die auf geschlechtsspezifische Unterschiede der Schmerzverarbeitung zugeschnitten ist.“ 

Autor: Uwe Hentschel
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