Christine Schiltz

© Uwe Hentschel

Christine Schiltz ist Professorin für kognitive Neurowissenschaften an der Uni Luxemburg.

Keine Frage: Mathematik ist nicht jedermanns Sache. Viele Schüler beschäftigen sich nur ungern mit dem Fach, andere haben dagegen eine richtige Abneigung, und wenn es ganz schlecht läuft, entwickelt sich daraus sogar eine Mathe-Angst – ein Phänomen, das durchaus häufig vorkomme, wie Christine Schiltz erklärt. Sie ist Professorin für kognitive Neurowissenschaften an der Uni Luxemburg. 

Mit ihrem Workshop „Das Gehirn geht in die Schule“, mit dem sie am 30 November und 1. Dezemberan den Researchers‘ Daysin der Rockhal teilnimmt, beschäftigt sich Schiltz ausgiebig mit dem Phänomen der „Mathe-Angst“. Die Forscherin will zeigen, wie das Gehirn lernt, Zahlen und Buchstaben zu verstehen. Und sie will Schülern die Angst vor Mathematik nehmen. Das Gute ist nämlich: Gegen Mathe-Angst kann man etwas machen.

Inwieweit beeinflusst die Sprache den Umgang mit Zahlen?

„Es hilft, wenn man vor einer Mathearbeit oder Prüfung einfach aufschreibt, wie man sich fühlt“, erklärt sie. Das helfe einem dabei, die Angst während der Arbeit auszublenden. Durch das vorherige Aufschreiben werde das, was einen bedrücke, gewissermaßen woanders abgelegt, so Schiltz. Wahrscheinlich seien zudem auch physische Aktivitäten hilfreich gegen Mathe-Angst. Wer sich also viel bewege, komme mit dem Fach besser zurecht. 

Das Verhältnis zur Mathematik ist das eine, der Zugang zu den Zahlen das andere. Nehmen wir als Beispiel die Zahl 97: Im Englischen sagt man dazu „ninety seven“, nennt also zuerst den Zehner (ninety) und danach den Einer (seven). Im Deutschen hingegen heißt es „siebenundneunzig“, hier wird erst der Einer und dann der Zehner genannt - das Zahlenwort wird also umgedreht zur Anordnung der Ziffern zusammengesetzt. Und im Französischen setzt sich das „quatre-vingt-dix-sept“ zusammen wie eine kleine Rechenaufgabe. Je nachdem, mit welcher Sprache man es zu tun hat, wird einem beim Zählen also einiges abverlangt. 

Französische und japanische Kinder haben es einfacher beim Zahlenlernen als deutsche Kinder

Diese Tatsache lässt die Vermutung zu, dass es möglicherweise nicht egal ist, in welcher Sprache wir zu unseren numerischen Fähigkeiten gelangen. Und Forschungsergebnisse bestätigen diese Annahme. „Gesammelte Daten auf diesem Gebiet zeigen, dass die Sprache durchaus einen Einfluss hat, wie schnell wir Zahlen und Zählen lernen“, sagt Christine Schiltz. 

Schiltz verweist auf eine Studie mit deutsch- und französischsprachigen Kindern. Diese habe gezeigt, dass die deutschsprachigen Kinder etwas länger gebraucht hätten Zahlen zu verarbeiten als die französischsprachigen. Dieser Unterschied sei im Erwachsenenalter zwar wieder verschwunden, doch zeige die Untersuchung, dass Zahlen, deren Ziffern umgekehrt angeordnet seien, den Kindern anscheinend etwas mehr Mühe bereiten. „Im Japanischen und Chinesischen sind die Namen der Zahlen viel transparenter“, so die Forscherin, „was auch eine Erklärung dafür ist, warum asiatische Kinder das 10er-System früher verstehen.“

Benötigen wir Sprache, um den Umgang mit Zahlen zu lernen?

Es gibt also Sprachen, die sich zum Erlernen mathematischer Grundkenntnisse besser eignen als andere. Doch benötigen wir überhaupt eine Sprache, um den Umgang mit Zahlen zu lernen? Nun, nicht unbedingt. Zumindest haben Schiltz und ihre Kollegen ein Programm fürs Tablet entwickelt, das auch ohne Sprache auskommt und das Kindergartenkindern pre-mathematische Fähigkeiten vermittelt. 

„Wir wollen damit nicht die Funktion der Sprache ersetzen, sondern lediglich ein non-verbales Werkzeug anbieten, das jedes Kind nutzen kann, ganz egal, welche Sprache es spricht“, erklärt die Forscherin. Und die ersten Einsätze mit diesem Programm hätten gezeigt, dass die Kinder dadurch tatsächlich auch besser zählen lernten. Über das Trainingsprogramm wird die möglicherweise vorhandene Sprachbarriere aufgehoben.

Lernschwierigkeiten mit Hilfe von Computertest erkennen

Darüber hinaus ist das Forschungsteam um Schiltz auch dabei, einen Computertest zu entwickeln, der es erlaubt mathematische Grundkenntnisse ohne sprachliche Anweisungen zu messen. Dieser Test soll helfen zu erkennen, ob Probleme beim Erlernen numerischer Fähigkeiten nur mit der Sprache zusammenhängen oder aber andere Ursachen hat, es beispielsweise an Dyskalkulie, also einer Beeinträchtigung der Rechenfertigkeiten liegt. „Es ist wichtig, das Problem möglichst früh zu erkennen, weil es sich sonst auf weitere Lernprozesse auswirken kann“, sagt die Uni-Professorin.

Mehr dazu erfährst Du am 1. Dezember von 10h30 bis 18h30 in Christine Schiltz' Workshop „Das Gehirn geht in die Schule“ – WS23. 

Komm vorbei! Der Eintritt ist frei! 

Autor: Uwe Hentschel

Das detaillierte Programm der Researchers‘ Days findest du auf www.researchersdays.lu

Weitere Informationen zum Event unter dem Hashtag #rdlux18 auch bald auf Twitter und Instagram.

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