Institute for Luxembourgish Language and Literature

Das Institute for Luxembourgish Language and Literature mit Vertretern der Universität und des Kulturministeriums bei einem Besuch von Kulturminister Eric Thill im März 2026.

Gedanken diktieren und binnen Sekunden schriftlich erhalten, Radionews als Text aufrufen, Reden im Parlament live mitlesen? Das alles geht heute auch auf Luxemburgisch. Apps wie „LuxASR“ oder die „Sproochmaschinn“ machen es möglich. Digitale Spracherkennungstools erleichtern uns den Alltag. Doch dahinter steckt intensive Forschung.

LuxASR zählt zu den jüngsten und wohl populärsten Tools des Instituts für luxemburgische Sprache und Literatur an der Universität Luxemburg. Gegründet 2006 von dem Sprachwissenschaftler Prof. Dr.  Peter Gilles, widmet sich das Institut seit zwei Jahrzehnten der Erforschung der Sprache, Kultur und Literatur des Großherzogtums.  

Wir haben mit Prof. Christoph Purschke und Prof. Jeanne Glesener des Instituts für luxemburgische Sprache und Literatur an der Universität Luxemburg einen Streifzug durch die junge Disziplin der Luxemburgistik gemacht. Sie erz und dabei gemeinsam entdeckt, welchen Fragen sie nachgehen.

Worum geht es in der Forschung zur luxemburgischen Sprache?

„Luxemburg ist ein Land mit einer Nationalsprache, einer komplexen gelebten Mehrsprachigkeit und einer mehrsprachigen Literatur. Unsere Mission ist es, diese besondere Situation aus sprach-, literatur- und kulturwissenschaftlicher Sicht zu erforschen und Wissen über Sprache und Kultur in Luxemburg zu vermitteln“, erklärt Institutsleiter Prof. Dr. Christoph Purschke. Die Schwerpunkte reichen von der  Geschichte und Eigenarten der Literatur im Großherzogtum über Grammatik, Variation, Wandel und Besonderheiten der luxemburgischen Sprache und die nationale Sprachenpolitik bis zum Umgang der Gesellschaft mit der Mehrsprachigkeit, moderner Computerlinguistik und digitalen Sprachanwendungen.

„Wir beobachten noch immer einen Diskurs darüber, ob Luxemburgisch überhaupt eine Literatursprache ist“, so die Literaturwissenschaftlerin Jeanne Glesener. Autoren müssten sich rechtfertigen, wenn sie auf Luxemburgisch schreiben und sich dadurch an eine kleinere Leserschaft richten. Allerdings beschäftige sich die Literaturforschung bei weitem nicht nur mit Lëtzebuergesch: „Luxemburger Literatur wird oft als Literatur auf Luxemburgisch missverstanden. Doch die Autoren des Landes schreiben auch auf Deutsch, Französisch oder Englisch. Unser Ziel ist deshalb, eine interkulturelle und mehrsprachige Geschichte der Literatur des Landes zu schreiben.“

Wer betreibt die Forschung zur luxemburgischen Sprache und Literatur?

Das wissenschaftliche Team des Instituts umfasst heute fünf Professorinnen und Professoren – neben Institutsgründer Peter Gilles und Computerlinguist Christoph Purschke die Literaturwissenschaftlerin Jeanne Glesener, die Soziolinguistin Melanie Wagner und die Linguistin Caroline Döhmer – sowie mehrere Doktoranden. Die Forscher unterrichten auch die Studierenden des Masters in luxemburgischer Sprache und Literatur und tragen so zur Ausbildung von Luxemburgisch-Lehrpersonal bei. Eine Herausforderung dabei ist, dass immer mehr Studierende Luxemburgisch nur als Zweit- oder Drittsprache beherrschen.

Was ist das Besondere an der Luxemburgistik-Forschung?

Luxemburgisten leisten in vieler Hinsicht Pionierarbeit. Denn während die benachbarten Kulturräume auf jahrhundertealte Forschung in Germanistik oder Romanistik zurückblicken, ist die Luxemburgistik ein junges Fach im Aufbau. Lange Zeit hatte die Sprache nicht den Stellenwert, um so selbstverständlich im Fokus der Wissenschaft zu stehen wie die der großen Nachbarländer. „Die Vorstellung von Luxemburgisch als limitierter Sprache hält sich bis heute hartnäckig“, wundert sich Christoph Purschke – für den deutschstämmigen Sprachwissenschaftler einer der Gründe, seine Forscherkarriere diesem besonderen Fach zu widmen.

Forschungsarbeiten, die in der jungen Disziplin entstehen, sind nicht selten die ersten überhaupt zu einem Thema. Ob die Monographie zu den Grammatikstrukturen der luxemburgischen Sprache, die Analyse des für Luxemburg typisch fließenden Sprachwechsels, die Erforschung des Einflusses sozialer Medien oder die Dissertation über den mehrsprachigen Buchmarkt – die Autoren stünden alle vor der gleichen Herausforderung, so Purschke: „Wir betreiben Grundlagenforschung. Für die Wissenschaft einer kleinen Sprache und Literatur gibt es häufig keinen Bestand von Forschungsresultaten, auf denen wir aufbauen könnten. Das ist mitunter frustrierend, bietet aber auch große wissenschaftliche Freiheit. Unsere Kultursprache mag klein sein, hat aber großes Potential.“

Besonders motivierend für die Wissenschaftler ist der umfassende Fundus an Rohdaten, den sie nutzen können. „Wir haben Zugang zum gesamten RTL-Online-Archiv, also zu den Daten der größten öffentlichen Nachrichtenplattform Luxemburgs mit allen journalistischen Beiträgen und Userkommentaren der vergangenen 20 Jahre. Davon können Linguisten anderer Länder nur träumen.“ Das erleichtere es auch, ganze gesellschaftliche Debatten nachzuverfolgen, etwa zur Bedeutung der Mehrsprachigkeit.

Forschung für und mit der Gesellschaft

Die Erforschung des Luxemburgischen ist kein rein akademisches Unterfangen, sondern berührt auch gesellschaftliche Empfindlichkeiten. Denn die Sprache ist eng mit der nationalen Identität verknüpft. Die Luxemburgistik hat deshalb den Anspruch, ihre Forschung der interessierten Öffentlichkeit so zugänglich wie möglich zu machen. „Wissenstransfer und direkter Austausch mit der Gesellschaft sind heute fester Bestandteil des Instituts“, unterstreicht Institutsleiter Christoph Purschke. Dazu tragen Citizen-Science-Projekte zum Mitmachen bei wie zum Beispiel Lingscape (siehe weiter unten: Ausgewählte Projekte der Luxemburgistik) sowie Öffentlichkeitsarbeit wie der Podcast von Caroline Döhmer „E puer Wieder iwwer Wieder“ auf Radio 100komma7. Praktische Anwendungen wie digitale Tools entstehen oft in Kooperation mit externen Partnern wie der Abgeordnetenkammer, RTL oder dem „Zenter fir Lëtzebuerger Sprooch“ (ZLS).

Wertvolle Aufbauarbeit leistete auch das Portal www.kulturgeschicht.lu über das kulturhistorische Erbe Luxemburgs. Deren Texte basieren auf einer von Prof. Jeanne Glesener auf Initiative des SCRIPT organisierten, jahrelangen Vorlesungsreihe zu Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Mediengeschichte, Antisemitismus und vielen weiteren kulturhistorischen Themen des Großherzogtums. Die Vortragsreihe soll im Sommersemester 2027 fortgesetzt werden.

Über die Grenzen hinaus

Die Aktivitäten und insgesamt fast 300 Publikationen des Instituts erwecken auch international Interesse. „Kleine Sprachen und Literaturen haben andere Probleme. Zum Beispiel funktionieren Chatbots und automatische Übersetzungsmodelle auf Luxemburgisch nicht wie bei den großen Kultursprachen, weil die kleine Sprachevielleicht nicht vollständig standardisiert ist oder weil Daten zum Training der Modelle fehlen. Das macht Luxemburgisch zum Testfeld für neue digitale Anwendungen“, erläutert Christoph Purschke.

Auch Sprachpolitik und gesellschaftliche Rolle des Luxemburgischen als Integrationsfaktor erregen international Aufmerksamkeit: zum Beispiel, dass Luxemburg nicht in der Schule unterrichtet wird, Sprachkurse für Ausländer aber stark gefördert werden.

Das Institut für luxemburgische Sprache und Literatur will auch Sprachpolitik hinterfragen und die gesellschaftliche Rolle der Sprache als Landessymbol und Integrationsmittel untersuchen. Wie organisieren kleine mehrsprachige Gesellschaften ihr Miteinander im Alltag - wer benutzt wann und warum welche Sprache? Wie kann Luxemburgisch besser in der Gesellschaft verankert werden, auch wenn die Landessprache nicht auf dem Lehrplan steht? Und wie könnte die Literatur des Landes, unabhängig von der Sprache, mehr Beachtung finden? Auch nach 20 Jahren Forschung gibt es für die Luxemburgistik noch viel zu entdecken – und grundlegende Fragen zu beantworten.

Über das Institut für luxemburgische Sprache und Literatur

Das 2006 gegründete Institut für luxemburgische Sprache und Literatur der Universität Luxemburg untersucht die  literarischen und sprachlichen Praktiken Luxemburgs aus linguistischer, didaktischer und literaturwissenschaftlicher Perspektive und setzt dabei auch computergestützte Methoden ein.

Einen Überblick über die Forschungsprojekte, Publikationen, Doktorarbeiten des Instituts liefert das Portal https:/infolux.uni.lu und ein dazugehöriger Newsblog.

Hier kann man auch Tools und praktische Anwendungen abrufen wie zum Beispiel den Luxemburgischen Familiennamenatlas, die Spracherkennungstool Lux-ASR, den Variatiounsatlas, die Lingscape-App sowie Wörterbücher und vieles mehr. 

Von Lingscape bis Travolta: Ausgewählte Projekte der Luxemburgistik

Lux-ASR-App

Die Universität Luxemburg hat dieses Jahr eine kostenlose Smartphone-App (für iOS und Android) namens Lux-ASR herausgegeben, die gesprochenes Luxemburgisch in geschriebenen Text umwandelt. Das KI-Projekt unter der Leitung von Prof. Peter Gilles wurde von der Abgeordnetenkammer unterstützt. Es dient unter anderem dazu, parlamentarische Debatten automatisch zu transkribieren und zu übersetzen. Neben der Anwendung für den professionellen Gebrauch nutzen viele private User auch die App zur Transkription von Sprachnotizen.

Small Literatures in Europe

Das laufende Projekt von Prof. Jeanne Glesener beschäftigt sich mit Stellung, Chancen und Herausforderungen sogenannter kleiner Literaturen Europas im Vergleich. Gemeint sind damit literarische Traditionen, die aufgrund ihrer begrenzten Sprachgemeinschaft weniger sichtbar sind als die großen europäischen Literaturen – so wie in Luxemburg. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie solche Literaturen sich definieren lassen, wie sie sich entwickeln, kulturelle Eigenständigkeit behaupten und über nationale und sprachliche Grenzen hinweg wahrgenommen werden. Dabei arbeitet Prof. Glesener mit Linguisten der baltischen Staaten zusammen, deren Literatur sich ähnlich wie in Luxemburg in einem mehrsprachigen Umfeld zwischen großen Kulturnationen behaupten muss.

Travolta

Das Projekt „Tracing Attitudes And Variation In Online Luxembourgish Text Archives“ (TRAVOLTA) hat unter der Leitung von Prof. Christophe Purschke über drei Jahre untersucht, wie sich das Luxemburgische in den letzten Jahrzehnten von einer primär gesprochenen Sprache zu einer vollwertigen Schriftsprache entwickelt hat – stark beschleunigt durch soziale Medien und das Internet. Dafür nutzten die Forscher die Online-Textarchive des geschriebenen Luxemburgischen von RTL.lu, einschließlich der Nutzerkommentare. Untersucht wurde unter anderem, wie sich in digitalen Medien gemeinsame Schreibpraktiken entwickeln. Auch die Einstellung der Öffentlichkeit zu Themen wie Mehrsprachigkeit oder der COVID-19-Pandemie wurden erforscht. Darüber hinaus lieferte das Projekt neue Lösungen für die Verarbeitung von Textdaten wie zum Beispiel eine automatische Rechtschreibkorrektur.

Lingscape-App

Das internationale Citizen-Science-Projekt Lingscape von Prof. Christoph Purschke erforscht die sogenannte Linguistic Landscape (Sprachlandschaft), das heißt Präsenz und Vielfalt von geschriebener Sprache in der Öffentlichkeit. Dazu gehören Straßenschilder, Werbeplakate, Ladenschilder, Sticker oder Graffiti. Über eine kostenlose Smartphone-App kann jeder weltweit Fotos von Schriftzeichen oder Schildern im öffentlichen Raum machen, diese mit Geodaten versehen, die erkannten Sprachen markieren und hochladen. Die gesammelten Bilder fließen in eine interaktive Online-Karte ein. Die vor zehn Jahren lancierte Webplattform ist heute eine von Linguisten weltweit genutzte Forschungsinfrastruktur.

Schnëssen-App

Dieses Citizen-Science-Projekt von Prof. Peter Gilles untersuchte die gesprochene luxemburgische Sprache und ihre Dialekte. Jeder, der Luxemburgisch spricht, konnte unabhängig von Alter, Wohnort oder Herkunft kurze Sprachaufnahmen einreichen. Ziel war, das heutige gesprochene Luxemburgisch in all seinen Facetten zu dokumentieren und zu erforschen, wie sich die regionalen Dialekte verändern. Mit Hilfe von insgesamt rund 250 000 Beiträgen bauten die Forscher so das größte systematische Audiokorpus der luxemburgischen Sprache auf und entwickelten 2022 den „Variatiounsatlas vum Lëtzebuergeschen“, der den Wandel der luxemburgischen Dialekte und Alltagssprache in Form von Karten sichtbar macht.

Autorin: Britta Schlüter
Redaktion: Michèle Weber, Linda Wampach (FNR)

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