(C) University of Luxembourg

Frau Professor Siry, Sie erforschen die wissenschaftliche Ausbildung von zum Teil erst vier Jahre alten Kindern. Weshalb?

Von meinem Standpunkt aus ist gerade die frühe Kindheit die beste Zeit, um zu lernen, wie man wissenschaftlich arbeitet. Junge Kinder haben ein hohes Maß an Neugierde und beschäftigen sich zudem tagtäglich mit wissenschaftlichen Phänomenen – wir müssen sie in diesem Alter somit lediglich in ihrem schon vorhandenen Streben bestärken und es weiter fördern. Das junge Alter der Kinder ist ein guter Anfangspunkt, um ein grundsätzliches wissenschaftliches Verständnis zu entwickeln und ihnen den wissenschaftlichen Fokus des Fragenstellens sowie den Versuch diese zu beantworten - was dann oft zu neuen Untersuchungsfragen führt – näher zu bringen.

Wie schaffen Sie dies?

Ich teile meine Forschungsergebnisse mit anderen Tätigen in unserem Gebiet, einschließlich der Grundschullehrern und –lehrerinnen mit denen ich arbeite, die als Generalisten die  verschiedensten Fächer unterrichten. Meine Lehre richtet sich hierbei auf das Integrieren vom wissenschaftlichen Arbeiten in ihren wöchentlichen Plan. Gerade in Luxemburg, mit seinem multilingualen Schulsystem, ist es wichtig, das Einbinden von Inhalten aus dem wissenschaftlich orientierten Unterricht / Wissenschaftsunterricht auch in andere Fächer, zu unterstützen: etwa dem Sprach- oder Mathematikunterricht.

Entwerfen Sie hierfür auch Lehrpläne? Was sollte in diese aufgenommen werden?

Ich entwickele nicht Lehrpläne per se. In den Curricula sind Themen und Kompetenzen bereits vorgegeben, die die Lehrenden mit ihren Schülern behandeln bzw. erreichen wollen. Meine Rolle ist es deshalb nicht weitere Inhalte in die Curricula einzufügen, sondern vielmehr Methoden zur Vermittlung der Inhalte zu entwickeln. Diese Inhalte können nämlich im Gegensatz zum traditionellen vermittelnden Lehren auch auf eine andere Art und Weise angegangen werden – anstatt Experimente mit vorgegebenem Ablauf durchzuführen, kann man auch mit Fragen beginnen, die die Kinder sich stellen und diese zudem als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen nutzen.

Aus Ihrer Erfahrung als Lehrerin und Forscherin: gibt es konkrete Praktiken, die Sie Lehrenden empfehlen können?

In der Wissenschaft geht es nicht allein darum, sich Fakten und Konzepte anzueignen, sondern auch darum, sich mit den Prozessen zu beschäftigen, die zu diesen Konzepten führen. Einer meiner Schwerpunkte in der Arbeit mit Lehrern ist es, nicht nur über Inhalte, die vermittelt werden sollen, nachzudenken, sondern auch über die verschiedenen Prozesse des wissenschaftlichen Arbeitens zu reflektieren. Zum Beispiel könnte ein Kind eine Frage stellen und einen entsprechenden Versuch, um Antworten auf diese Frage zu finden, konzipieren. Sicherlich gibt es einen Kanon an Wissen und Informationen und Theorien, die Teil von Wissenschaft als Disziplin sind, aber wissenschaftliches Arbeiten ist auch etwas, was wir tun, das wir verkörpern und mit dem wir uns aktiv beschäftigen.

Im Kindergarten bereits eine wissenschaftliche Fragestellung zu entwickeln erscheint reichlich früh…

Das hängt von der theoretischen Sichtweise ab. Es handelt sich vielleicht nicht um die eher formale Hypothese, auf die beispielsweise im Chemieunterricht der Sekundarschule besonders Wert gelegt wird. Aber auch junge Kinder fragen und beantworten viele, teilweise unerwartete Fragen. Es ist das aktive Fragenstellen und sich dann überlegen, was passieren wird. War es das, was ich erwartet habe? Oder nicht? Warum ist das so? Und dadurch findet dann eine Entwicklung statt, die den Blick auf den Prozess der Wissenschaft richtet.

Sie selbst sind Professorin geworden. Ab wann hatten Sie den Wunsch, Wissenschaftlerin zu werden? Bereits in so frühem Alter?

Dieser Wunsch hat sich bei mir nicht schon in jungen Jahren entwickelt, sondern hat sich eher im Laufe der Zeit entwickelt. Jedoch war ich immer schon daran interessiert, was Kinder tun und warum sie tun was sie tun. Als Lehrerin haben mich dann die Fragen der Kinder fasziniert. Ich denke, mein Interesse an diesem Forschungsgebiet hat als Klassenlehrerin eher beiläufig begonnen. Dann wurde es vielleicht etwas formeller, als ich angefangen habe, mit Klassenlehrern im Rahmen der Lehrerfortbildung zu arbeiten, um sie in ihren eigenen Fähigkeiten wissenschaftliches Arbeiten zu lehren, zu unterstützen. Ich wurde sehr neugierig und wollte erfahren, wie man Forschung nutzen kann, um diesen Prozess zu unterstützen!

Christina Siry beteiligt sich auch aktiv an der Ausbildung von Grundschullehrern im Rahmen des SciTeach Center-Projekts. Das SciTeach Center ist ein neues Ressourcen-Zentrum, das aktuell an der Uni Luxemburg aufgebaut wird. Das SciTeach Center wird Grundschullehrern Aus- und Weiterbildungkurse für naturwissenschaftlichen Unterricht sowie Unterrichtsmaterialien zum Verleih anbieten.

Autor: Tim Haarmann
Foto © University of Luxembourg

 

Infobox

Kurzportrait

Christina Siry ist Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Luxemburg. Als frühere Lehrerin interessiert sie sich besonders dafür, wie Wissenschaft pädagogisch am sinnvollsten vermittelt werden kann – dies insbesondere im Grundschulalter. Hierfür beteiligt sich Siry auch aktiv an der Ausbildung von Grundschullehrern. Mehr Infos hier

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