Europa

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Heute feiert die Europäische Union den „Europatag“, in Erinnerung an die Schumann-Erklärung vom 9. Mai 1950, mit der die Zusammenlegung der französischen und deutschen Kohle- und Stahlindustrie ins Leben gerufen wurde. science.lu hat sich zu diesem Anlass mit zwei Forschern unterhalten. Was ist ihre Meinung zum Europatag und zu Europa allgemein?

 “Europa ist in erster Linie ein friedensbewahrendes Projekt”

In einer konfliktträchtigen Zeit, wie der gegenwärtigen, könnte sich ein Tag, der an durch die europäische Zusammenarbeit erreichten Frieden und Wohlstand erinnert fast ironisch ausnehmen. Nicht jedoch für Professorin  Hélène Ruiz Fabri. “Von einem politischen Standpunkt aus betrachtet ist der Europatag eine sehr gute Idee“, betont Hélène, Direktorin des Max Planck Instituts Luxembourg für Verfahrensrecht. „Europa muss eine eigene Identität entwickeln. Solch ein Tag, zumal als öffentlicher Feiertag, ist ein gelungenes Zeichen der Einheit; viel mehr, als dies nationale Feiertage in einzelnen Mitgliedländern sein könnten. Ein gemeinsamer, auf die Zukunft ausgerichteter Tag, ist ein klares Statement, das die Menschen daran erinnert, warum die Europäische Union sich ursprünglich zusammengefunden hat: Es sollten jene Industrien unter eine gemeinsamen Regierung zusammengebunden werden, wegen denen Kriege angefangen wurden – eben um jene Kriege in der Zukunft zu verhindern. Der Europatag kann die Bürger daran erinnern, dass Europa in erster Linie ein friedensbewahrendes Projekt ist. Aus dieser Perspektive, mehr als aus einer akademischen, ist der Europatag sehr wichtig.

„Heutzutage ist es unmöglich, Forschung zu betreiben ohne zugleich europäischer Forscher zu sein“

Philippe Poirier, Inhaber des Lehrstuhls für Legislativstudien der Abgeordnetenkammer an der Universität Luxemburg, teilt Hélènes Einschätzung: "Der politische Aspekt ist sehr überzeugend", sagt er. "Rein für die Wissenschaft würden wir einen solchen Tag nicht brauchen - wir haben bereits in den letzten 20 Jahren starke Kooperationen aufgebaut. Heutzutage ist es unmöglich, Forschung zu betreiben, ohne ein zugleich europäischer Forscher zu sein. Vor 20 Jahren, als ich meine Doktorarbeit beendete, war es noch schwierig, Teil eines internationalen Netzwerks zu sein. Heutzutage habe ich zehn Doktoranden, die alle Teil von Forschungsnetzwerken auf europäischer Ebene sind". Obwohl die Wissenschaft wohl schon immer ein internationales Geschäft war, hebt Philippe die Möglichkeiten hervor, die die Europäische Union den Wissenschaftlern in den Mitgliedstaaten eröffnet hat: "Dank der EU haben wir viele Forschungsprogramme, Fonds und institutionalisierte Netzwerke, die eine starke Zusammenarbeit ermöglichen. Diese ergänzen die nationalen Fördermöglichkeiten, auch von Luxemburg, sehr gut".

 “Wir haben bereits einen ‘Post-Brexit-Wettbewerb‘ auf dem Wissenschaftlichen Markt”

Trotz seiner positiven Einschätzung zur EU insgesamt, treibt Philippe Poirier verständlicherweise der drohende Brexit um, zumal er mit Kollegen im Vereinigten Königreich zusammenarbeitet. "Die Situation ist weder gut für die EU noch für das Vereinigte Königreich oder die wissenschaftliche Gemeinschaft. Ich habe zum Beispiel ein kleines Projekt mit Kollegen in Cambridge, das teilweise aus EU-Mitteln finanziert wird. Das Projekt befindet sich nun im Leerlauf, denn es ist unklar, ob eine Einigung zwischen der britischen und der Brüsseler Förderorganisation erzielt werden kann. Die Kollegen werden bereits von amerikanischen, chinesischen und japanischen Universitäten kontaktiert, die ihnen die Teilnahme an Projekten in ihren Ländern anbieten."

Siehe hierzu auch: Welche Folgen hat der Brexit für die Europäische Forschung?

“Die nationalen Regierungen spielen mit der EU Schwarzer Peter”

Mit Blick auf Brexit kritisiert Hélène Ruiz Fabri, dass dieser zwar ein großes Thema in den Medien sei, darüber hinaus aber wenig  berichtet werde, was die EU ansonsten leistet und was sie erreicht: "Die EU wird als Bürokratie angesehen, ist aber tatsächlich zum Beispiel äußerst vorteilhaft für Wissenschaft und Forschung im Allgemeinen. Die EU stößt Kooperationen an, die Grenzen überwinden; die Wissenschaft muss internationaler werden, und die EU bietet in dieser Hinsicht eine gute Hebelwirkung - obgleich Luxemburg noch stärker hiervon profitieren würde, wenn es die kritische Masse erreichen würde, die für die Beantragung europäischer Mittel erforderlich ist. Leider spielen die nationalen Regierungen auch gerne Schwarzer Peter mit der EU: Wenn sie Fortschritte macht, verbuchen die nationalen Regierungen dies als ihre Leistung. Wenn die EU hingegen unpopuläre Entscheidungen trifft, dann hat sie dies selbst zu verantworten. So funktioniert dies seit Jahrzehnten".

"Die Bürger bekommen keine vernünftigen Informationen über die Ziele der politischen Parteien".

Demnächst sind nun aber erst einmal die Bürger an der Reihe, Entscheidungen zu treffen: Ende Mai können sie ihre Vertreter im Europäischen Parlament wählen - eine schwierige Entscheidung, wie Philippe Poirier betont. "Die Bürger bekommen keine vernünftigen Informationen über die Ziele der politischen Parteien", sagt er. Dies sei jedoch nicht nur den politischen Parteien anzulasten, sondern auch eine Folge der Berichterstattung in den Medien. "Die Medien in den verschiedenen europäischen Ländern haben eine sehr nationale Sichtweise und zeigen kein großes Interesse an den Blickwinkeln der anderen Länder. Sie berichten viel mehr über die Position der nationalen Regierungen, als die europäische Perspektive zu zeigen". Angesichts eines so schlechten Informationsgrades ist Philippe Poirier der Meinung, dass die Bürger keine wirklich fundierte Entscheidung treffen können; und mehr noch: tatsächlich scheinen auch seine Studenten nicht besser informiert: "Von 150 Politikstudenten kannte niemand die Namen der Kandidaten für den Vorsitz der EU-Kommission".

Wie können die derzeitigen Herausforderungen, vor denen die EU steht, bewältigt werden?

Dennoch: Grundsätzlich bleibt Phillippe der EU gegenüber positiv eingestellt. Und er hat eine klare Vorstellung davon, wie die derzeitigen Herausforderungen bewältigt werden können: "Der Schlüssel zu Erhalt und Weiterentwicklung Europas liegt in Bildung und Forschung. Beispielsweise ist der Schüleraustausch im Rahmen des Erasmus-Programms erfolgreich. Echte Integration bedeutet aber nicht nur, dass man Vorlesungen in einem anderen Land besucht. Für langfristige Effekte brauchen wir mehr und engere Verzahnung!" Mit einer solchen kann auch der Wunsch von Hélène Ruiz Fabri für die EU von morgen in Erfüllung gehen: Die Solidarität zwischen den Nationen und Völkern aufrechterhalten statt der Dominanz des einen über den anderen. Die aktuelle Situation begreift sie dafür als Chance. "Krisenzeiten sind auch gute Zeiten zum träumen", sagt sie.

Text: Tim Haarmann
Photos: Hélène Ruiz Fabri, Philippe Poirier, iStock

Die Juristin Hélène Ruiz Fabri
Der Politikwissenschaftler Philippe Poirier

Infobox

Haus der Europäischen Union

Im Jahr 2006 haben das EU-Parlament und die Europäische Kommission ein Verbindungsbüro in Luxemburg, das "Haus der Europäischen Union", eingerichtet. Im Erdgeschoss befindet sich ein Büro, das über die in Luxemburg ansässigen europäischen Institutionen informiert. Das Verbindungsbüro des Europäischen Parlaments in Luxemburg ist für Information, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sein Team ist dafür zuständig, die Rolle, die Kompetenzen und die Aktivitäten des Europäischen Parlaments bekannt zu machen und über seine Entscheidungen und Positionen zu informieren. Mehr Informationen: http://www.europarl.europa.eu/luxembourg/fr/avotreservice/quisommesnous/maison_europe.html

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