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Inzidenzwerte - die Anzahl neuer COVID-19-Fälle innerhalb eines bestimmten Zeitraums und Bevölkerung - werden derzeit häufig als Indikator für die Definition von Hochrisikogebieten verwendet. 

Die beobachteten Unterschiede zwischen benachbarten Ländern und Regionen in Europa werden jedoch stark durch unterschiedliche Teststrategien beeinflusst. Das veröffentlichten drei luxemburgische Wissenschaftler in einem Kommentar-Artikel am 23. April in The Lancet Regional Health – Europe. Die Wissenschaftler analysierten öffentliche verfügbare Zahlen für Luxemburg und die umliegenden europäische Länder bis zum 21. März 2021. Sie unterstreichen die Notwendigkeit kohärenter Daten und eines differenzierteren Ansatzes, um aussagekräftige Vergleiche zwischen Ländern zu ermöglichen. Der Artikel ist eine Zusammenarbeit von Prof. Paul Wilmes, Sprecher der Research Luxembourg COVID-19-Taskforce und Dr. Joël Mossong und Dr. Thomas Dentzer von der luxemburgischen Gesundheitsbehörde.

Positivitätsrate in Luxemburg vergleichsweise niedrig

Seit Beginn der Pandemie hat Luxemburg eine breit angelegte Teststrategie verfolgt, die eine Massentestung der Bevölkerung und eine systematische Kontaktverfolgung umfasst: Im Durchschnitt wurden dabei pro Einwohner Luxemburgs 3,6 PCR-Tests durchgeführt. "Die Gesamtpositivitätsrate des Landes - der Prozentsatz aller durchgeführten Tests, die tatsächlich positiv sind - ist mit 2,6% vergleichsweise niedrig geblieben", erläutert Dr. Joël Mossong, Epidemiologe bei der luxemburgischen Gesundheitsbehörde. "Währenddessen variieren die Raten in anderen europäischen Ländern, zwischen 5,6% im benachbarten Deutschland und 17% in den Niederlanden, wo die Deckung der Tests relativ gering ist."

Die Positivitätsraten unserer Nachbarländer Belgien, Frankreich und Deutschland lagen in dem Gleichen Zeitraum bei 8,1%, 7,4% und 5,6%. Ein anderes Land mit einer ähnlichen Teststrategie wie Luxemburg ist Norwegen. Hier lag die Positivitätsrate bei 2%. Norwegen hat natürlich weniger Grenzgänger als Luxemburg. Laut der drei Wissenschaftler könnten die unterschiedlichen Teststrategien auch einen Impakt auf die Fallsterblichkeit haben. In Deutschland und Belgien lag diese bei 2,8% gegenüber 1,2% in Luxemburg – bei ähnlichen demografischen Strukturen, Gesundheitsystemen und Lebenserwartungen vor der Pandemie.

Antikörper-Tests weisen auf niedrige Dunkelziffer hin

Zusätzlich zu den großangelegten Tests führt Luxemburg seit letztem November wöchentlich eine repräsentative serologische Stichprobe (Antikörper-Tests) unter seinen Einwohnern durch. Die Daten bis zum 15. Januar 2021 zeigen eine Seroprävalenz von 7,7 %, was bei Hochrechnung auf die Gesamtbevölkerung 48.264 erwarteten Fällen entspricht, die Antikörper gegen SARS-CoV-2 haben, also bereits in Kontakt mit dem Virus waren. "Verglichen mit den 48.630 Fällen, die bis zu diesem Datum erfasst wurden, deutet dies darauf hin, dass die Fallerkennung in Luxemburg sehr hoch ist und nur etwa 0,8 % der Fälle unentdeckt geblieben sind", erklärt Dr. Thomas Dentzer, Chief Strategy Officer bei der luxemburgischen Gesundheitsbehörde. Während diese Art von Informationen für die meisten Länder fehlen, deuten ähnliche Daten aus Belgien darauf hin, dass dort im Gegensatz 62,3 % der Fälle unentdeckt geblieben sein könnten.

Wissenschaftler fordern differenzierten Ansatz bei der Risikobewertung

Insgesamt verdeutlichen diese Zahlen, dass die länderspezifischen COVID-19-Inzidenzwerte möglicherweise eher die unterschiedlichen Fallerfassungsraten widerspiegeln als die tatsächlichen epidemiologischen Risiken für eine Infektion mit SARS-CoV-2. Durch die mit unterschiedlichen Teststrategien verbundenen Verzerrungen und zur Berücksichtigung der Unterschiede in der Deckung der Tests würde ein nuancierterer Ansatz, der nicht nur auf den Inzidenzraten basiert, helfen, Länder und Regionen mit hohem Risiko genauer zu definieren.

"Positivitätsraten, die Belegung von Krankenhäusern und Intensivstationen sowie Daten zur Seroprävalenz sollten in umfassendere Risikobewertungen einfließen", betont Prof. Paul Wilmes von der Universität Luxemburg. Auch die Auswirkungen unterschiedlicher Impfstrategien und die Häufigkeiten neuer Virusvarianten müssen berücksichtigt werden. "Die Verfügbarkeit kohärenter Daten verschiedener Länder, die in einer gut koordinierten, europaweiten Weise gesammelt und ausgetauscht werden, wird von grundlegender Bedeutung sein, um sinnvolle Vergleiche in den kommenden Wochen und Monaten zu ermöglichen", schlussfolgert Prof. Wilmes.

Autoren: Universität Luxemburg und Ministère de la Santé
Editor: Michèle Weber (FNR)

Infobox

Referenz

Paul Wilmes, Joël Mossong, Thomas G. Dentzer, Generalisation of COVID-19 incidences provides a biased view of the actual epidemiological situation, The Lancet Regional Health - Europe, Volume 5, 2021.

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