Wirtschaftliche Chancenungleichheit in Luxemburg

30.11.15

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Wie steht es um die wirtschaftliche Chancengleichheit der Menschen in Europa? Ist Luxemburg ein gerechtes Land? Der Ökonom Philippe Van Kerm klärt auf.

Herr Dr. Van Kerm, am Luxemburger Institut für sozioökonomische Forschung untersuchen Sie wirtschaftliche Ungleichheit. Warum ist dies wichtig?

Die wirtschaftliche Ungleichheit steigt seit über 30 Jahren an. Der Gleichheitsgedanke betrifft jedoch den Kern von Gerechtigkeit und wird oft als der Kitt angesehen, der demokratische Gesellschaften zusammenhält. Inzwischen wird dieser regelmäßig als bedroht wahrgenommen – denken Sie etwa an den »Wir sind die 99%-Slogan“ der Occupy Wall Street Bewegung.

Aber die Menschen haben doch unterschiedliche Talente und Vorlieben; sie treffen unterschiedliche Entscheidungen woraus sich Einkommensunterschiede ergeben.

Das stimmt. Aber es gibt auch eine andere Sichtweise auf Ungleichheit: Chancenungleichheit, das bedeutet die Ungleichheit, die aus den Lebensverhältnissen erwächst, in die man geboren wird und auf die man keinen Einfluss hat. Diese bestimmt den Erfolg im Leben maßgeblich mit. Hier sind wir in Luxemburg noch weit von Chancengleichheit entfernt. Es ist ganz klar: Hier muss gegengesteuert werden!

Was haben Sie für Luxemburg herausgefunden?

Die Ungleichheit ist hier nur schwach ausgeprägt. Kürzlich haben wir einen einzigartig umfassenden Datensatz zum Einkommen der gesamten Bevölkerung seit 1988 analysiert. Es scheint, dass, im Vergleich zu anderen Ländern, die Ungleichheit in den vergangenen 30 Jahren kaum zugenommen hat – trotz großer Veränderungen in der Beschäftigungs- und Bevölkerungsstruktur und der wirtschaftlichen Verhältnisse.

Dann ist also alles in bester Ordnung?

Nein. Denn auf der anderen Seite zeigen einige Studien, dass die Chancenungleichheit im Vergleich mit anderen Europäischen Ländern sehr hoch ist! Das bedeutet, dass etwa beispielsweise die Lebensumstände in die jemand geboren wird, sich hartnäckiger als in anderen Ländern halten und seinen oder ihren Erfolg im Leben stärker bestimmen.

Wie kommt es zu dieser großen Chancenungleichheit?

Ein Faktor könnte die hohe Immigration nach Luxemburg sein, die Nachteile für die Immigranten nach sich zieht. Kinder von Immigranten könnten etwa Schwierigkeiten darin haben, in das Schulsystem integriert zu werden – und diese Nachteile wirken sich bis in das Erwachsenenleben aus. Die frühe Trennung in verschieden starke Leistungsstufen im Luxemburgischen Schulsystem könnte auch eine Rolle spielen. Nichtsdestotrotz: im Wesentlichen sind die Gründe noch unbekannt.

Beeinflusst Ihre Forschung politische Entscheidungen?

Wahrscheinlich nicht in dem Maße, in dem wir uns dies wünschen würden. Bei Ratschlägen an Politiker haben wir oftmals das Problem, dass diese aktuellere Informationen benötigen, als wir liefern können – schlicht, weil es sehr lange dauert, die Daten zu erheben.

Können Sie der Politik dann überhaupt eine Hilfestellung bieten?

Ja. Was unmittelbar hilfreich ist, sind Simulationen: zum Beispiel zum Einfluss bestimmter Entscheidungen auf die Einkommensverteilung, die Folgen von Steuerreformen oder Änderungen sozialer Sicherungsinstrumente. Es bleibt jedoch nachwievor schwierig einzuschätzen, wie die Bevölkerung auf politische Änderungen reagieren wird, so dass die Simulationen nicht immer zutreffend sein müssen.  

Zwischen 2013 und 2014 waren Sie, im Rahmen des FNR-Programms »Intermobility« Gastwissenschaftler an der London School of Economics and Political Sciences. Wie hat der Aufenthalt Ihre Arbeit beeinflusst?

Der Aufenthalt war eine großartige Erfahrung und hat regelrecht meine Augen geöffnet. Als Wissenschaftler muss man stets aktuelle Entwicklungen verfolgen und dazulernen – in der täglichen Arbeitsroutine kann das schwer sein. Die Chance an die LSE zu gehen – die größte und beste Universität für Sozialwissenschaften in Europa – war ungemein lehrreich. Ich konnte dort meine eigene Arbeit weiterentwickeln und sie Kollegen vorstellen, über fünfzig Seminare besuchen und an Kursen teilnehmen. Mein Gewinn aus diesem Aufenthalt war gewaltig: ich habe viel Neues gelernt, andere Perspektiven und aktuelle Entwicklungen kennengelernt.

Autor: Tim Haarmann
 

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Kurzbiographie

Philippe Van Kerm ist Ökonom und Wissenschaftler am Luxemburger Institut für Sozioökonomische Forschung (LISER, früher CEPS/INSTEAD) und leitet dort die Abteilung „Lebensbedingungen“. Nach seiner Promotion im Jahr 2001 an der Universität Namur (Belgien) zu „Income Mobility and Income Distribution Dynamics“ zog es Van Kerm an das Institut. Seine Forschungsinteressen sind angewandte Mikroökonomie und Wohlfahrtsökonomie mit Schwerpunkten auf Armuts- und Einkommensdynamik, Sozialpolitik und Arbeitsmarktbelangen. Van Kerm war assoziierter Wissenschaftler und Gastprofessor an ausländischen Universitäten im Vereinigten Königreich, Deutschland, Italien und Belgien. Als verantwortlicher Wissenschaftler hat er mehrere FNR-geförderte Projekte geleitet.


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