(C) Uwe Hentschel

Elena Danescu hat im Privatarchiv der Familie Werner viel Neues über Pierre Werner erfahren.

Wo fängt man an, wenn man etwas Neues über einen Menschen erfahren möchte? Nun, man kann ganz einfach einen Karton öffnen. So wie Elena Danescu es getan hat. Wobei es nicht nur ein Karton war, den sie öffnen musste, um mehr über Pierre Werner zu erfahren.

Im Rahmen des mehrjährigen Forschungsprojekts „Pierre Werner und Europa“ hat die Wirtschaftswissenschaftlerin am Centre Virtuel de la Connaissance sur l'Europe (CVCE) mit ihrem interdisziplinären Team insgesamt 74 Kartons geöffnet und den Inhalt systematisch durchforstet. „Und das waren auch nur die Kartons, die sich auf den Werner-Report bezogen haben“, sagt Danescu. Hätte sie alles lesen wollen, was Pierre Werner zu Lebzeiten dokumentiert hat, so wären noch einmal knapp 130 Kisten hinzugekommen. Der Mann hat nämlich sein gesamtes Werken akribisch dokumentiert. Und das bereits seit 1938.

Private Dokumente zum ersten Mal gesichtet und ausgewertet

„Er hat sich auf alles bis ins Detail vorbereitet“, sagt Danescu über den Mann, der am 29. Dezember 1913 im französischen Saint André das Licht der Welt erblickte und am 24. Juni 2002 in Luxemburg starb. Und der in der Zeit dazwischen unter anderem Finanz-, Verteidigungs-, Außen-, Schatz- und Kulturminister sowie nicht zuletzt auch zwei Mal (von 1959 bis 1974 und von 1979 bis 1984) Premierminister des Großherzogtums war. Darüber hinaus wurde unter seiner Leitung mit dem nach ihm benannten Werner-Report bereits Ende der 60er Jahre der erste Versuch einer europäischen Währungsreform gestartet.

Das alles ist bekannt. Was man bislang aber nicht oder nur zum Teil kannte, ist das, was dazu in den Kartons gesammelt wurde. Denn die Ordnerkisten stammen alle aus dem Privatarchiv der Familie Werner. „Wir arbeiten hier mit sehr viel unbekannten Rohmaterial“, erklärt die Wirtschaftswissenschaftlerin. Mit „Wir“ meint sie ein kleines Team, das unter Aufsicht eines wissenschaftlichen Lenkungsausschusses tätig ist. Und diesem Lenkungsausschuss gehören laut Danescu führende Experten auf dem Gebiet der Europäischen Integration an.

Pierre Werner hat den Prozess der Währungsreform entscheidend geprägt

Wie Danescu erklärt, fokussiert sich die Forschungsarbeit sehr auf die europäische Dimension seines Wirkens. Sie selbst habe in den frühen 90er Jahren Interviews mit dem ehemaligen Premierminister geführt und dabei auch schon viel über den Werner-Report erfahren. „Aber über Werners starke intellektuelle Rolle in dem Report hat man bislang wenig gewusst“, sagt die Forscherin. „Pierre Werner war ein sehr zurückhaltender Mensch und hat wenig über sich gesprochen“, fügt sie hinzu. Im Archiv der Familie Werner kämen deshalb viele unbekannte Aspekte seiner Jahrzehnte langen Arbeit für Europa zum Vorschein.

Die Unterlagen aus dem Privatarchiv zeigten, dass Werner nicht nur Leiter und Namensgeber des Reports gewesen sei, sondern diesen ersten europäischen Plan einer gemeinsamen Währungsreform entscheidend geprägt habe, erklärt Danescu. Sie verweist auf zahlreiche Briefe, aus denen das hervorgeht, aber auch auf die Vielzahl an persönlichen Notizen zu bestimmten Vorgängen oder Schriftwechseln. Dank seines diplomatischen Netzwerks habe Werner den politischen Konsens für den Report geschaffen.

Für die Öffentlichkeit zugänglich ist eine große Auswahl dieser Dokumente nun in einer umfangreichen Online-Datenbank, die im Rahmen des Forschungsprojekts angelegt wurde. Neben digitalisierten Originalbriefen, Redenskripten und Notizen aus dem Privatarchiv verfügt die Datenbank auch über viele Zeitzeugenberichte und Interviews.

Autor: Uwe Hentschel
Foto: Uwe Hentschel

Infobox

Einladung zur séance académique in Brüssel

 

In Zusammenhang mit dem Werner-Projekt organisiert der CVCE gemeinsam mit Robert Triffin International, der Pierre Werner Foundation und PIE Peter Lang International Academic Publishers am 23. Februar 2016 in der University Foundation in Brüssel ein akademisches Event mit dem Titel "Pierre Werner and Luxembourg: a vision of Europe". Mehr Informationen zu dem Event hier

 

Buch zum Werner-Projekt

 

Im Rahmen des Werner-Projekts hat Im November 2013 eine internationale Konferenz stattgefunden, an der neben dem CVCE auch die Universität Luxemburg, die Pierre Werner Foundation und die Triffin International Foundation beteiligt waren. Die Ergebnisse dieser Tagung finden sich in einem kürzlich veröffentlichten Buch über Pierre Werner und seine Bedeutung für Europa, in dem rund 30 Autoren mit Beiträgen vertreten sind.

 

 

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