Sandy Heinericy und Nora Kneip sind Lehrerinnen im Zyklus 1 und 2.1. und arbeiten seit drei Jahren Teilzeit im SciTeach Center.

Sandy Heinericy und Nora Kneip sind Lehrerinnen im Zyklus 1 und 2.1. Seit drei Jahren arbeiten sie Teilzeit auch im SciTeach Center. In Zusammenarbeit mit einem Team aus Wissenschaftlerinnen erarbeiten und betreuen sie hier Ifen-Fortbildungen zu naturwissenschaftlichen Themen. Teilnehmende LehrerInnen bekommen die Möglichkeit, sich mit dem forschend- entdeckenden sowie dem schülerzentrierten Lernen vertraut zu machen.

science.lu hat die beiden zu ihrem Science-Hintergrund und ihren Erfahrungen mit „forschend-entdeckendem Lernen“ im Éveil aux Sciences-Unterricht befragt. Der ein oder andere praktische Tipp für LehrerInnen der Grundschule ist auch dabei ;)

Sandy und Nora, habt ihr euch schon immer für Naturwissenschaften interessiert? Und wie kam es, dass ihr beim SciTeach Center eingestiegen seid?

Nora: Ich habe eigentlich erst während der Uni-Zeit mein Interesse zur Wissenschaft und vor allem meine Liebe zur Natur entdeckt. Ab dem zweiten Jahr im Beruf, habe ich dann an Fortbildungen von Christina Siry teilgenommen, einer meiner heutigen wissenschaftlichen Kolleginnen im SciTeach Center. Zusätzlich habe ich berufsbegleitend eine Ausbildung zu Naturpädagogik an der Naturschule Freiburg absolviert. Dann hat mich Christina irgendwann gefragt, ob ich nicht beim Projekt „SciTeach Center“ mitmachen möchte. Da war ich sofort begeistert.

Sandy: Privat habe ich mich schon immer für Wissenschaften interessiert. Schon in meiner Schulzeit war ich in der „Aktioun Seejomes“ aktiv, habe mich für Biologie interessiert und war auch zwei Jahre im Gymnasium auf einer Wissenschafts-Sektion eingeschrieben. Später habe ich mit meinen Kindern weltweit Wissenschafts-Museen besucht und in meinem Alltag spielt Nachhaltigkeit, Umweltschutz und gesunde Ernährung eine wichtige Rolle. Als Lehrerin im Zyklus 1 habe ich regelmäßig wissenschaftliche Themen (z.B. Tiere, Planeten, Dinosaurier) behandelt, mit den Kindern experimentiert habe ich aber sehr wenig.

Zum SciTeach Center kam ich eigentlich ganz zufällig: das Kind einer unserer wissenschaftlichen Kolleginnen war bei mir in der Schule. Sie erzählte unserer Koordinatorin von diesem Projekt, und dass sie noch eine zweite Lehrerin fürs Team suchten. Ich brauchte eine neue Herausforderung und das Projekt klang sehr spannend, da habe ich mich spontan gemeldet.

Wie hat sich euer „Bild“ von der Wissenschaft verändert, seit ihr im SciTeach Center seid?

Sandy: Seit 22 Jahren arbeite ich als Lehrerinn und noch vor 3 Jahren war der Begriff „Inquiry learning“ also „forschend-entdeckendes Lernen“ ein Fremdwort für mich. Ich habe zwar regelmäßig wissenschaftliche Themen mit den Kindern behandelt, aber eher auf die „traditionelle“ Art und Weise: mit Formularen und Bildmaterial. Seit ich im SciTeach Center arbeite, habe ich sehr viel gelernt und mir selber eine „forschend-entdeckende Grundhaltung“ angeeignet. Selber aktiv, forschend, entdeckend und kreativ zu sein, hat meinen Alltag in der Schule sehr zum Positiven verändert und hilft mir auch den Kindern diese Denkweise besser zu vermitteln. Ich verspüre eine starke Motivation und Freude während meines Wissenschaftsunterrichtes. Deshalb mache ich jetzt auch noch viel mehr Wissenschaft im Unterricht als früher.

Zudem lese ich jetzt regelmäßig Artikel zum Thema Forschung und forschend-entdeckendes Lernen und betreue PraktikantInnen, die Ihre Abschlussarbeit zu diesem Thema schreiben. Außerdem bin ich jetzt Mitglied in der Programmkommission im Bereich „Éveil aux Sciences“ in der Grundschule (CNEF) und hoffe, dass unsere Kommission dazu beitragen kann, mehr Raum für forschend-entdeckendes Lernen im Unterricht zu schaffen.

Nora: Für mich hat das Thema Wissenschaft auf jeden Fall an Wichtigkeit gewonnen, seit ich im SciTeach Center arbeite. Aber nicht die Wissenschaft als abstraktes Konzept, sondern die Wissenschaft im Alltag. Mir fällt auf, dass ich Alltagsphänomene, die ich früher einfach als Fakt hingenommen habe, jetzt hinterfrage. Und allgemein stelle ich mir jetzt viel mehr Fragen als früher.   

Warum ist es für euch wichtig mit den Schülern zu experimentieren?

Sandy: Kinder sind von sich aus eigentlich schon kleine Wissenschaftler. Ihr Wissensdrang und ihre Neugierde treibt sie zu forschendem und entdeckendem Verhalten. Sie beobachten, ertasten, versuchen alles aus, ohne dass wir Erwachsene ihnen dies vorzeigen müssen. Als LehrerInn sollte man diesen Drang aufgreifen. Wenn Kinder selber aktiv sind und Erfahrungen durch selbständiges Handeln und mit dem eigenen Körper machen, lernen sie viel mehr, als wenn man ihnen alle Antworten über Bücher, Bildmaterial oder Übungsblätter vorgibt. Natürlich sollte man auch beim forschend-entdeckenden Lernen Bücher und Bilder benutzen und das Erforschte dokumentieren. In meinen Augen braucht es eine ausgeglichene Mischung zwischen der klassischen Wissensvermittlung und dem forschend-entdeckenden Lernen.

Beim forschend-entdeckenden Lernen geht es vor allem auch darum, dass die Kinder selber Fragen stellen. Wie geht man als LehrerIn damit um, wenn die Kinder einem Fragen stellen, auf die man so direkt keine Antwort hat?

Nora: Davor hat man natürlich anfangs etwas Angst und das schreckt dann auch einige KollegInnen ab. In der Praxis ist das aber überhaupt kein Problem. Als LehrerInn muss man nämlich nicht immer eine passende Antwort parat haben. Vielmehr geht es darum, die Kinder in der Antwortfindung zu begleiten. Also sich gemeinsam die Frage zu stellen: Wo kann ich die Antwort auf diese Frage finden? Dann schaut man z.B. gemeinsam in einem Buch oder dem Internet nach. Eventuell kann man auch einen Experten kontaktieren.

Sandy: Tatsächlich ist es auch für uns als Lehrerinnen sehr spannend zu sehen, welche Fragen sich die Kinder stellen. Da sind viele Fragen dabei, die ich mir selber noch nie gestellt habe. Dann ist die Suche nach der Antwort natürlich umso spannender. Wir lernen so selber unglaublich viel Neues dazu.

Woher kommt die Unsicherheit des Lehrpersonals eurer Meinung nach? Und wie kann das SciTeach Center da helfen?

Sandy: Ich wusste selber noch bis vor kurzem nicht, wie ich einen spannenden und kreativen Wissenschaftsunterricht gestalten sollte. Schon in der Grundausbildung liegt der Schwerpunkt nicht auf den Wissenschaften. Und auch wenn man dann im Berufsleben ist, fehlt es in vielen Schulen an Material und Austauschmöglichkeiten zwischen LehrerInnen. Die Schulbücher sind schon seit Jahren die gleichen und geben keine Anleitung dazu, wie man den Unterricht aktiver gestalten kann.

Im SciTeach Center ist es unser Hauptziel das Lehrpersonal dabei zu unterstützen, ihren Unterricht lebendig zu gestalten. Wir stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

Nora: Hier ist es natürlich hilfreich, dass wir beide selber im Beruf arbeiten und so ganz konkrete und praktische Tipps und Unterstützung bieten können. Oder auch von eigenen Erfahrungen berichten können. Die Experimente, die wir in unseren Fortbildungen machen, testen wir natürlich vorher in unserer Klasse.  

Sandy: Um den Austausch zwischen LehrerInnen zu fördern, organisieren wir neben den Science on Tuesdays (1x im Monat) auch zwei Mal im Jahr Austauschgruppen, bei denen Teilnehmer unserer Workshops über ihre Erfahrungen, Ideen und mögliche Schwierigkeiten diskutieren können.

Ist das forschend-entdeckende Lernen denn mit dem „plan d’études“ kompatibel?

Nora: Auf jeden Fall. Im Éveil aux Sciences-Unterricht haben wir das Glück, dass der „plan d’études“ nicht nur Themen als Unterrichtsstoff vorgibt. Es geht vor allem um Kompetenzen, die die LehrerInnen fördern sollen. Und diese werden mit der forschend-entdeckenden Lernmethode fast alle abgedeckt.

Sandy: Ja. Der Plan d’études ist so breit gefächert, dass es sich problemlos in den Unterricht einfügen lässt. Das einzige Problem ist der Zeitplan: Im Zyklus 2 bis 4 machen Wissenschaften nur 10% des Stundenplans aus. Da fehlt es dann oft einfach an Zeit.

Da ich im Zyklus 1 arbeite, habe ich den Vorteil, dass ich mich zeitlich nicht einschränken muss. Wenn wir mal einen Morgen länger ein wissenschaftliches Thema bearbeiten, dann ist das auch in Ordnung. Diese Flexibilität nutze ich momentan sehr viel. Letztens haben wir einen ganzen Morgen Brücken gebaut.

Nora: Forschend-entdeckendes Lernen muss zudem nicht nur auf den Éveil aux Sciences-Unterricht limitiert werden. Ich setze die Methode auch in anderen Fächern ein, und das mit Erfolg. Auch Mathe und Sprachen lassen sich durchaus interaktiver gestalten, als es die „traditionelle“ Wissensvermittlung vorgibt.

Kinder die anfassen, ausprobieren, Fragen stellen, … das stellt man sich unter Umständen sehr chaotisch vor. Wie passt das in einen Klassensaal?

Sandy: Forschend-entdeckendes Lernen kann tatsächlich sehr laut sein. Ich behandle zurzeit das Thema Vögel, und da mussten die Kinder natürlich ausprobieren, ob sie denn auch fliegen können. Das macht natürlich etwas Krach, wenn Menschen-Kinder von Bänken springen. Meist kriegt man das als LehreInn aber selber erst mit, wenn die KollegInnen einen darauf aufmerksam machen. Man ist dann nämlich selber so stark im Prozess mit eingebunden, dass einem das gar nicht negativ auffällt. Ansonsten kann ich sagen, dass die Kinder sehr konzentriert arbeiten und ich als Lehrerin Zeit habe, die Kinder zu beobachten.

Nora: Um zu vermeiden, dass Chaos ausbricht, kann man den Kindern ganz konkrete Aufgaben und Rollen zuteilen, wenn man sie in Gruppen arbeiten lassen will. Um die Kinder an diese freie Methode des Lernens zu gewöhnen, empfiehlt es sich auch mit kurzen Sessions anzufangen. Es sollten auch klare Regeln aufgestellt werden. Trotzdem, sollte der/die LehrerInn keine Angst davor haben, die Kontrolle auch mal abzugeben. Es ist wichtig das ganze etwas lockerer anzugehen und einfach zu beobachten was passiert.

Sandy: Man soll sich selbst nicht zuviel in Frage stellen und einfach neue Dinge ausprobieren. Es ist völlig in Ordnung, wenn einmal etwas nicht auf Anhieb klappt. Es brauch etwas Mut und Gelassenheit und man soll nicht sofort zu hohe Maßstäbe an alle Beteiligten anlegen. Als Lehrerin gebe ich die Führungsposition auf und gehe in die Rolle der Begleiterin. Ich biete den Kindern Lernräume an in denen sie selbst die Verantwortung für ihr Lernen übernehmen können und zeige ihnen Vertrauen in ihrem Handeln.

Nora: Interessant ist auch, dass forschend-entdeckendes Lernen auch bei Kindern gut ankommt, denen es schwer fällt eine Stunde lang ruhig auf dem Stuhl zu sitzen.

Sandy: Unruhige Kinder arbeiten mit großer Sorgfalt und Geduld. Wenn wir forschend-entdeckend Lernen höre ich während des ganzen Unterrichts nichts von ihnen und es herrscht eine sehr angenehme Atmosphäre in der Klasse.

Auch Kinder, die die Sprache nicht gut sprechen, fühlen sich wohl und zeigen erstaunliche Fortschritte.

Trotzdem bedeutet forschend-entdeckendes Lernen einen hohen Zeitaufwand für das Lehrpersonal?!

Sandy: Das stimmt. Man muss sich mit dem Thema auseinandersetzen, Experimente vorher testen!

Nora: Das Testen der Experimente ist wirklich sehr wichtig. Dann braucht man oft viel Material, was natürlich auch Kosten verursacht. Aber da ist das SciTeach Center eine große Unterstützung. Hier kann das Lehrpersonal alles Mögliche an Material ausleihen – von Büchern, zu Experimentierboxen, bis hin zu ausgestopften Tieren. Oft kann man auch mit ganz einfachem Material, spannende Experimente umsetzen. Dies versuchen wir auch in unseren Ifen-Fortbildungen zu vermitteln.

Sandy: Der Aufwand ist vor allem am Anfang groß. Wenn man sich an diese Art des Unterrichtens gewöhnt hat und das Standart-Material zusammen hat, fällt der Aufwand viel weniger ins Gewicht.

Und ganz ehrlich: der Aufwand lohnt sich allemal. Die Kinder sind begeistert und lernen unglaublich viel.

Nora: Sie merken sich die Sachen auch viel besser. Und ihre Begeisterung färbt total auf uns ab.

Welches Feedback bekommt ihr von euren KollegInnen und den Eltern?

Nora: Ich habe schon viel positives Feedback bekommen, vor allem von Eltern. Auch meine ArbeitskollegInnen freuen sich über den neuen Input und zeigen großes Interesse.

Sandy: Letztens habe ich Vogelfutter mit den Kindern gemacht. Da kam am folgenden Tag eine Mutter zu mir und wollte wissen, was das denn überhaupt sei. Die Eltern lernen also auch mit.

Bei mir hat es etwas gedauert, bis meine ArbeitskollegInnen von dieser Methode überzeugt waren. Da in unserer Schule der Förderschwerpunkt auf der sprachlichen und sozial/emotionalen Ebene liegt, bestand eine anfängliche Skepsis bei mir und meinen Arbeitskolleginnen, ob forschend-entdeckendes Lernen mit diesen Kindern umsetzbar wäre. Wie bereits erwähnt ist jedoch das Gegenteil der Fall. Dieses Jahr haben sich LehrerInnen aus allen Zyklen meiner Schule im SciTeach Center eine Fortbildung fürs nächste Schuljahr angefragt. Das freut mich natürlich sehr.

Nora: Das positive Feedback sehen wir natürlich auch als Bestätigung, dass unsere Arbeit im SciTeach Center sehr wichtig ist. Wir können die neusten Erkenntnisse der Forschung, welche wir mit unseren wissenschaftlichen Kolleginnen besprechen, in unserer Klasse ausprobieren und so praxis-orientierte Workshops entwickeln. Diese Situation ist einmalig in Luxembourg.

Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch und wünschen euch weiterhin viel Erfolg mit der Umsetzung von forschend-entdeckendem Lernen in der Grundschule.

 

Weitere Infos zum SciTeach Center findest Du hier oder in unserem Artikel:

Zusätzliches Input zum Thema forschend-entdeckendes Lernen findest Du z.B. auf folgender Internetseite: www.haus-der-kleinen-forscher.de

Fragen und Bearbeitung: Michelle Schaltz (FNR)

Die Ausarbeitung dieser Rubrik wurde von science.lu in Kooperation mit dem Script (Service de Coordination de la Recherche et de l´Innovation pédagogiques et technologiques) durchgeführt.

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