„Ziel mir keng!“ wird nach dem „Wëssensmagazin Pisa“ auf RTL Tëlee ausgestrahlt. Du kannst Dir die Folgen aber auch auf RTL Play und auf dem YouTube-Kanal science.lu ansehen.
Ein kleines Bierchen kann doch nicht schaden. Ein Glas Rotwein zum Abendessen, das ist sogar gut fürs Herz!
Das sagen zumindest einige Studien1 2 3. Andere hingegen kommen zu dem Schluss4 5 6, dass man überhaupt keinen Alkohol trinken soll. Jeder Tropfen ist schädlich!
Was stimmt denn nun?
Diese und andere Fragen haben wir uns in unserer neuesten Folge von "Ziel mir keng!" angeschaut. Für diese Folge haben wir mit dem Ernährungswissenschaftler Torsten Bohn vom Luxembourg Institute of Health, Dr. Claude Besenius, der Leiterin des Suchttherapiezentrums in Useldange (CTU) und dem Addiktologen Dr. Jean-Marc Cloos vom Centre hospitalier du Nord (CHdN) zusammengearbeitet.
Foto (v.l.n.r.): Dr. Torsten Bohn (LIH), Dr. Claude Besenius (CTU), Dr. Jean-Marc Cloos (CHdN)
Kurzbiografien
Die Gesamtbilanz von Alkohol
Eine positive Wirkung von niedrigem bis moderatem Alkoholkonsum auf das Herz ist inzwischen umstritten7 8 9 10 11 12 13 14 15 und lässt sich so pauschal nicht vertreten. Berücksichtigt man auch das Risiko für Krebs, Leberschäden, Unfälle, Gewalt, Sucht und so weiter, fällt die Bilanz ganz klar negativ aus16.
Durch Alkohol sterben jedes Jahr viermal mehr Menschen17 als durch alle illegalen Drogen zusammen. Und trotzdem trinken so viele Menschen gerne Alkohol!
Deshalb unsere Fragen für heute: Was bewirkt Alkohol in unserem Körper? Wie schädlich ist Alkohol – auch im Vergleich zu anderen Drogen? Und ab wann gilt man als Alkoholiker?
Warum fühlen wir uns bei moderatem Alkoholkonsum gut?
Seit Jahrtausenden trinken Menschen in allen Teilen der Welt Alkohol. Wein, Bier und Spirituosen gehören zu unserer Kultur, und viele Menschen verbinden Alkohol mit schönen geselligen Momenten unter Freunden oder bei Festen.
Alkohol dämpft die Aktivität im präfrontalen Kortex, der für Selbstkontrolle und Vorsicht zuständig ist.18 Zusätzlich setzt Alkohol Endorphine frei und vermittelt uns das Gefühl, weniger gestresst oder ängstlich zu sein.19 20 21 22 23 All das führt dazu, dass wir lockerer werden, uns mehr trauen (bzw. weniger unsicher sind), uns besser fühlen und auch geselliger werden: Studien zeigen, dass Menschen, die gemeinsam moderat Alkohol trinken, mehr lachen, mehr miteinander sprechen und sich sozial stärker verbunden fühlen24 25 26 als nüchterne Vergleichsgruppen.
Wie richtet Alkohol in unserem Körper Schaden an?
Leider ist Alkohol auch ein Zellgift. Er ist krebserregend und kann abhängig machen. Über den Magen und den Darm verteilt er sich im gesamten Körper und im Gehirn und richtet dort Schaden an. Im Gehirn wird beispielsweise die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen gestört27 28 29. In den Zellen werden Proteine und DNA geschädigt30 31.
Beim Abbau von Alkohol entsteht in der Leber außerdem Acetaldehyd, ein Zwischenprodukt, das noch giftiger als Alkohol und ebenfalls krebserregend ist32.
Bei einem Rausch verschlechtern sich Gedächtnis, Reaktionszeit und Urteilsvermögen messbar, bis hin zu einem vollständigen Filmriss.
Besonders bei jungen Menschen hinterlässt exzessiver Alkoholkonsum messbare Schäden im Gehirn33 34 35 36, das erst mit Mitte zwanzig vollständig ausgereift ist.
Wie groß ist der Schaden, den Alkohol in der Bevölkerung anrichtet?
Nach Angaben der WHO sterben weltweit jedes Jahr 2,6 Millionen Menschen an den Folgen von Alkohol37, ein Drittel davon allein in Europa. Es gibt direkte Todesfälle, z. B. durch Leberzirrhose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs, und indirekte Todesfälle, z. B. durch Gewalt, Suizide und Unfälle.
Übrigens waren beispielsweise in den USA im Jahr 2022 nur 59 % der Todesopfer bei alkoholbedingten Unfällen die alkoholisierten Fahrer selbst38. Die übrigen Todesopfer waren Beifahrer, Fußgänger oder Mitfahrer in einem anderen Fahrzeug, die starben, weil jemand anderes getrunken hatte ...
Völlig unschuldig sind auch die 630.000 Babys, die jedes Jahr mit einer fetalen Alkoholspektrumstörung geboren werden39 und lebenslange negative Folgen davontragen, weil ihre Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat.
Studien in angelsächsischen Ländern haben ergeben, dass zwischen 20 und 79 %40 41 42 43 44 45 46 der Bevölkerung bereits persönlich durch den Alkoholkonsum anderer Menschen Schäden erfahren haben, sei es durch Streit, Unfälle oder Vernachlässigung in der Familie.
Wie gefährlich ist Alkohol im Vergleich zu anderen Drogen?
Für den Konsumenten selbst sind Heroin, Crack oder Meth gefährlicher als Alkohol.
Doch eine viel zitierte britische Studie47 48 und eine ähnliche Studie für Europa kamen zu folgendem Ergebnis: Rechnet man die Schäden für andere Menschen hinzu, etwa Unfälle, Gewalt und familiäre Probleme, landet Alkohol in der Gesamtbewertung klar auf Platz 1, noch vor Heroin und Crack!
Alkohol kann Krebs verursachen
Alkohol kann acht Krebsarten49 50 verursachen, darunter Mundhöhlen-, Speiseröhren-, Leber- und Darmkrebs sowie Brustkrebs bei Frauen.
Und es ist kein Schwellenwert bekannt, unterhalb dessen das Krebsrisiko nicht steigt51 52.
Laut einer neuen Studie53 54 entstehen EU-weit bereits bei einem Konsum von weniger als einem Glas Wein pro Tag jedes Jahr 23.000 zusätzliche Krebsfälle, fast die Hälfte davon Brustkrebs.
Zwischenfazit
Alkohol ist zwar ein Genussmittel, das gesellig macht und Freude bereiten kann, gesund ist er jedoch eindeutig nicht: Er kann abhängig machen und viel Leid verursachen. Besonders problematisch wird es, wenn man sehr große Mengen konsumiert55 56 57.
Ab wann ist man Alkoholiker?
In der Medizin unterscheidet man grundsätzlich nicht streng zwischen Alkoholikern und Nicht-Alkoholikern. Es ist differenzierter.
Man kann sich zum Beispiel den Konsum ansehen. Laut Dr. Claude Besenius, Direktionsbeauftragte im Therapiezentrum, wird dabei unterschieden zwischen
- moderatem Alkoholkonsum,
- Risikokonsum, also dem Bereich, in dem das Risiko für eine Abhängigkeit steigt,
- schädlichem Konsum, bei dem bereits eindeutige körperliche oder psychische Schäden entstanden sind,
- und Abhängigkeit.
In der EU trinken Männer durchschnittlich eine Alkoholmenge, die etwa 20 Standardgetränken pro Woche entspricht, Frauen durchschnittlich etwa 6 Standardgetränke.58
Vereinfacht gesagt entspricht ein Standardgetränk einem Glas Bier, einem Glas Wein oder einem Schnaps.
Das liegt übrigens in einem Bereich, der als riskant oder sogar schädlich gilt.
Der Begriff „Alkoholiker“ wird in der Alltagssprache zwar noch häufig verwendet, er gilt jedoch als abwertend und reduziert die Person auf ihre Erkrankung. Daher wird empfohlen, beispielsweise von einem „Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit “ zu sprechen. In Europa gilt die WHO-Klassifikation ICD-11, die weiterhin zwischen schädlichem Konsum und Abhängigkeit unterscheidet. Die amerikanische DSM-5-Klassifikation spricht von einer „Alkoholkonsumstörung“, also einem kontinuierlichen Spektrum.
Wie sieht es mit dem Konsum in Luxemburg aus?
Hierzulande wird vergleichsweise viel Alkohol getrunken: 43 % der Einwohner trinken jede Woche Alkohol, im EU-Durchschnitt sind es knapp 29 %.59 Jeder Zehnte trinkt dabei mindestens einmal pro Woche exzessiv, in der EU ist es jeder Dreißigste60 61.
Da die konsumierten Mengen allein jedoch nichts über psychische, körperliche oder soziale Probleme aussagen, gibt es noch feinere Klassifikationen.
Selbstcheck anhand der WHO-Klassifikation
In Europa gilt die WHO-Klassifikation ICD-11. Machen wir den Selbstcheck: Wie viele Kriterien trafen in den letzten 12 Monaten auf dich zu?
- Du verlierst regelmäßig die Kontrolle über deinen Alkoholkonsum, z. B. über Beginn, Ende, Menge oder Häufigkeit. Du verspürst ein starkes Verlangen nach Alkohol.
- Alkohol bekommt Vorrang vor anderen wichtigen Bereichen deines Lebens wie Beruf, Beziehungen oder Gesundheit, sodass du trotz negativer Folgen weitertrinkst.
- Du entwickelst eine Toleranz und/oder Entzugssymptome, die du durch einen höheren oder konstanten Konsum ausgleichen musst.
Laut ICD-11 reichen zwei ehrliche Ja-Antworten aus, um von einer Abhängigkeit zu sprechen, unabhängig davon, wie viele Gläser du pro Woche trinkst.
Die amerikanische DSM-5-Klassifikation spricht dagegen von einer „Alkoholkonsumstörung“, also einem kontinuierlichen Spektrum. Insgesamt gibt es elf Kriterien und eine Einteilung nach Schweregrad. Erfüllst du innerhalb von zwölf Monaten zwei bis drei Kriterien, liegt eine leichte Alkoholkonsumstörung vor, bei vier bis fünf eine mittelschwere und bei sechs oder mehr eine schwere. Folgende elf Kriterien werden berücksichtigt:
- Du konsumierst Alkohol häufig in größeren Mengen oder über einen längeren Zeitraum als beabsichtigt.
- Du hast dauerhaft den Wunsch, deinen Alkoholkonsum zu reduzieren, oder hast erfolglos versucht, ihn einzuschränken.
- Du verbringst viel Zeit damit, Alkohol zu beschaffen, zu konsumieren oder dich von seiner Wirkung zu erholen.
- Du verspürst ein starkes Verlangen oder einen starken Drang, Alkohol zu konsumieren.
- Wegen des Alkohols vernachlässigst du Pflichten bei der Arbeit, zu Hause oder in der Schule.
- Du trinkst weiter Alkohol, obwohl dadurch immer wieder soziale oder zwischenmenschliche Probleme entstehen.
- Wegen des Alkohols schränkst du wichtige soziale und berufliche Aktivitäten oder Freizeitbeschäftigungen ein oder gibst sie sogar auf.
- Durch den Alkohol kommt es wiederholt zu gefährlichen Situationen, etwa wenn du betrunken Auto fährst.
- Du trinkst weiterhin Alkohol, obwohl du weißt, dass er bei dir körperliche oder psychische Probleme verursacht.
- Du hast eine Toleranz gegenüber Alkohol entwickelt, d. h. du brauchst deutlich mehr Alkohol, um dieselbe Wirkung zu spüren, oder dieselbe Menge wirkt deutlich schwächer.
- Du hast Entzugssymptome oder konsumierst Alkohol oder andere Substanzen, um diese Symptome zu lindern oder zu vermeiden.
Laut dem Suchtmediziner Dr. Jean-Marc Cloos sollte man sich neben der Frage, welchen Stellenwert Alkohol im eigenen Leben einnimmt, auch fragen, aus welchen Gründen man Alkohol trinkt. Jeder Betroffene benötigt eine individuelle Diagnose und Betreuung. Und was man nicht vergessen darf: Ist man erst einmal wirklich abhängig und möchte aus der Abhängigkeit herauskommen, geht das nur mit null Alkohol für den Rest des Lebens.
Anlaufstellen für Hilfe
Übrigens: Wenn du jemanden kennst, der wegen seines Alkoholkonsums Hilfe braucht: In Luxemburg gibt es zahlreiche Anlaufstellen, an die man sich auch anonym wenden kann, um Beratung oder Hilfe zu erhalten. Hier eine Auswahl:
- Hausarzt
- CNAPA – Centre National de Prévention des Addictions
- Centre ÄDDI-C – Rehaklinik
- Anonyme Alkoholiker
- CTU – Therapiezentrum Useldange (CHNP) – Rehaklinik
- Zithaklinik – Poliklinik Suchtberatung
Fazit
Wein, Bier und Schnaps gehören zu unserer Kultur, fördern die Geselligkeit, helfen dabei, Unsicherheiten zu überwinden, und sorgen für viele schöne Momente, wenn sie in Maßen konsumiert werden.
Leider kann Alkohol aber auch abhängig machen und ist ein Zellgift, das bereits bei moderatem Konsum krebserregend ist und zahlreiche gesundheitliche Probleme sowie Schäden für Mitmenschen verursacht, vor allem bei hohem Konsum.
Die klassische Unterscheidung zwischen Alkoholikern und Nicht-Alkoholikern wird heute so nicht mehr vorgenommen, und eine Abhängigkeit wird auch nicht allein anhand der konsumierten Alkoholmenge bestimmt, sondern anhand weiterer Kriterien.
Es ist nicht an uns, irgendjemandem zu sagen, was er zu tun hat. Wir möchten lediglich den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse vermitteln. Danach kann jeder für sich selbst abwägen, wie viel Freude ihm der Alkoholkonsum bereitet und welche Risiken er damit eingeht.
Autoren: Jean-Paul (Jhemp) Bertemes, Michèle Weber (FNR)
Redaktion und Überprüfung: Anouk Ewen, Linda Wampach (FNR)
Peer-Review: Torsten Bohn (LIH), Claude Besenius (Centre thérapeutique), Jean-Marc Cloos
Übersetzung: Nadia Taouil (www.t9n.lu)
Infobox
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6 Marcus et al. (2022). Individualized Studies of Triggers of Paroxysmal Atrial Fibrillation: https://jamanetwork.com/journals/jamacardiology/fullarticle/2786196
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11 Wong et al. (2023). Alcohol and Arrhythmias: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36858701/
12 Marcus et al. (2022). Acute Consumption of Alcohol and Discrete Atrial Fibrillation Events: https://www.acpjournals.org/doi/10.7326/M21-0228?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori:rid:crossref.org&rfr_dat=cr_pub%20%200pubmed
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16 Griswold et al. (2018). Alcohol use and burden for 195 countries and territories, 1990–2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(18)31310-2/fulltext
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57 Smit et al. (2026). Exploring the Dose–Response Relationship Between Alcohol Consumption and Harm to Others in Australia: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/dar.70226
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59 EHIS (2019). European Health Interview Survey (EHIS). Consommation de tabac et d’alcool - 3ème vague – 2019: https://www.lih.lu/wp-content/uploads/2024/06/EHIS_Consommation-de-tabac-et-dalcool-3eme-vague-2019-1.pdf
60 EHIS (2019). European Health Interview Survey (EHIS). Consommation de tabac et d’alcool - 3ème vague – 2019: https://www.lih.lu/wp-content/uploads/2024/06/EHIS_Consommation-de-tabac-et-dalcool-3eme-vague-2019-1.pdf
61 OECD (2021). State of Health in the EU. Luxembourg. Country Health Profile 2021: https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2021/12/luxembourg-country-health-profile-2021_9ebfee6c/3c147ce7-en.pdf