Envato Elements Item
Autor: Daniel Saraga
Redaktion: Jean-Paul (Jhemp) Bertemes. Michèle Weber (FNR)
Übersetzte Version, Originalversion auf Französisch
Australien hat Ende 2025 ein Mindestalter für ein Konto in sozialen Netzwerken eingeführt. Indonesien und Malaysia sind diesem Beispiel gefolgt, während Brasilien seit März 2026 verlangt, dass die Konten mit denen der Eltern verknüpft sind. Nun ist Europa an der Reihe: Mitte September stellte Ursula von der Leyen den „Kids Act“ vor – keine sozialen Netzwerke vor 13 Jahren und kein eigenes Konto vor 15 Jahren. Das Vereinigte Königreich hat beschlossen, ab Frühjahr 2027 ein Mindestalter einzuführen. Frankreich hingegen musste zurückrudern, nachdem der Verfassungsrat das Gesetz am 14. August 2026 beanstandet hatte. Und in Luxemburg hat Premierminister Luc Frieden angekündigt: Wird bis Jahresende keine europäische Lösung gefunden, will das Land selbst Maßnahmen ergreifen.
Erklärtes Ziel dieser Gesetze ist es, Jugendliche vor den Netzwerken zu schützen, denen zahlreiche negative Auswirkungen nachgesagt werden – von schlechterer Schlafqualität über weniger soziale Kontakte bis hin zu psychischen Problemen.
Aber sind diese Auswirkungen tatsächlich wissenschaftlich belegt? Dieser Artikel fasst zusammen, was die Wissenschaft zu dieser Frage weiß – und was nicht.
Zusammenfassung
Die Wissenschaft untersucht die Auswirkungen von Bildschirmen und sozialen Netzwerken auf Jugendliche sehr genau und hat dazu eine beträchtliche Zahl wissenschaftlicher Artikel hervorgebracht. Rund zehn Berichte, die diese Fachliteratur zusammenfassen, dienten als Grundlage für diesen Artikel (siehe Referenzen am Ende des Artikels). Ihre Schlussfolgerungen, die wir hier zusammenfassen, stimmen weitgehend überein.
Die Wissenschaft legt nahe, dass soziale Netzwerke sowohl negative als auch positive Auswirkungen auf das Sozialleben von Jugendlichen, ihre psychische und körperliche Gesundheit sowie auf das Lernen haben können.
Kausale Zusammenhänge (etwa „eine Nutzung von so und so vielen Stunden erhöht das Depressionsrisiko um so und so viel Prozent“) zeigt sie nur selten – eine zu erwartende Einschränkung angesichts der Komplexität und Vielfältigkeit des Phänomens. Die Forschung zeigt vor allem Assoziationen (eine Korrelation zwischen einer bestimmten Nutzung und einem bestimmten Aspekt des Soziallebens oder der Gesundheit), ohne nachweisen zu können, ob die Nutzung des Netzwerks eine Veränderung bewirkt, ob ein bestimmtes psychosoziales Merkmal zu einer stärkeren Nutzung der Plattformen führt oder ob ein dritter Faktor im Spiel ist. Andere Auswirkungen bleiben Vermutungen, da sie nicht durch eine ausreichende Zahl von Studien formal nachgewiesen werden konnten.
Hier übrigens ein Video, in dem wir den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität erklären:
Im Folgenden fassen wir die wichtigsten Erkenntnisse dieses Artikels zusammen.
Nachgewiesene Risiken und Chancen
Auf der positiven Seite bieten soziale Netzwerke Unterhaltung, die positive Emotionen weckt, und stellen Ressourcen bereit, um eigenen Interessen nachzugehen.
Zu den negativen Aspekten gehört, dass sie Jugendliche Cybergewalt aussetzen, Risiken für ihre privaten Daten bergen und sie mit medizinischen Falschinformationen sowie mit polarisierenden oder gewalttätigen Botschaften konfrontieren – oder mit Inhalten, die suizidales Verhalten oder gefährliche Challenges verherrlichen.
Kausale Zusammenhänge
Die Bildschirmnutzung am Abend stört den Schlaf, und die Nutzung auf der Straße erhöht das Unfallrisiko.
Assoziationen
Eine moderate Nutzung sozialer Netzwerke geht mit höherem Wohlbefinden, mehr Geselligkeit und stärkerem gesellschaftlichem Engagement einher, ebenso mit dem Gefühl, sozial besser unterstützt zu werden und einer Gemeinschaft anzugehören. Studien haben die Wirkung bestimmter Präventionskampagnen zur körperlichen oder psychischen Gesundheit belegt.
Eine „problematische“ Nutzung – definiert durch eine sehr lange Nutzungsdauer oder durch suchtartiges Verhalten – geht einher mit schlechteren Schulleistungen, geringerem Wohlbefinden und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen, einem stärkeren Gefühl der Einsamkeit, geringerem Selbstwertgefühl, depressiven Symptomen und psychosomatischen Beschwerden sowie mit Muskel-Skelett-Beschwerden im Nacken oder Rücken.
Vermutungen
Die Netzwerke können die Identitätsbildung und die Entwicklung von Empathie unterstützen sowie zu Sport und Hobbys anregen.
Die Nutzung sozialer Netzwerke könnte dazu führen, sich nicht authentisch darzustellen, zur Radikalisierung beitragen, die Unaufmerksamkeit im Unterricht durch Schlafmangel sowie Ablenkungen während des Unterrichts verstärken und zu Ängsten und Co-Rumination (dem regelmäßigen Austausch und gemeinsames Grübeln über negative Gefühle) beitragen. Die Annahme, dass die online verbrachte Zeit auf Kosten anderer Aktivitäten geht – dass Jugendliche also weniger Sport treiben oder ihre Freunde seltener sehen –, ist eine Hypothese, die durch Studien bisher nicht eindeutig bestätigt wurde.
Nicht nachgewiesen
Ungewiss bleibt, ob Bildschirme die Schulleistungen generell verschlechtern, ob ein Handyverbot in der Schule die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler erhöht und ob die für Netzwerke typischen Kurzformate (Microblogging, Reels usw.) die Fähigkeit zur Konzentration und zur Einordnung von Informationen beeinträchtigen.
Aktive und passive Nutzung
Die meisten Studien stellen Unterschiede zwischen den Auswirkungen einer aktiven Nutzung (Beiträge veröffentlichen, kommentieren) und einer passiven Nutzung (durch Beiträge und Kommentare scrollen) fest. Eine aktive Nutzung zeigt mitunter stärkere positive Effekte (etwa das Gefühl, soziale Unterstützung zu erhalten), eine passive Nutzung eher negative Effekte (ängstliches Vergleichen, Einsamkeitsgefühle und depressive Symptome)[R5 S. 7]. Allerdings kann auch eine aktive Nutzung negative Folgen haben (etwa das Posten von Hasskommentaren) und eine passive Nutzung positive (Musik hören usw.). Die Studien sind heterogen und erlauben keine endgültigen Schlussfolgerungen.
1. Eine komplexe Forschungsfrage
Zu den Wechselwirkungen zwischen der Nutzung sozialer Netzwerke und dem Wohlbefinden von Jugendlichen wurde viel geforscht. Dennoch ist es schwierig, daraus endgültige Schlussfolgerungen über „die Auswirkungen sozialer Netzwerke auf Jugendliche“ zu ziehen. Im Folgenden gehen wir auf einige wichtige Aspekte dieser Schwierigkeiten ein.
1.1 Die Vielfalt der Erfahrungen mit sozialen Netzwerken
„Von ‚den‘ sozialen Netzwerken als einem homogenen, monolithischen Ganzen zu sprechen, ist irreführend“, betont Carolina Catunda, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Luxemburg. „Ihre Nutzung ist nämlich äußerst vielfältig. Ihre Auswirkungen ergründen zu wollen, ließe sich damit vergleichen, die Auswirkungen des Stadtlebens bestimmen zu wollen. Man versteht sofort, dass die Antwort stark von den Lebensbedingungen und den individuellen Gewohnheiten abhängt: zu Hause bleiben oder seine Zeit draußen verbringen, mit dem Fahrrad oder dem Auto unterwegs sein, im Geschäft oder online einkaufen, zu Hause essen oder schnell unterwegs. Ebenso kann man in sozialen Netzwerken aktiv oder passiv sein, in seiner Blase bleiben oder nicht, toxischen Inhalten ausgesetzt sein oder nicht. Aus all diesen Gründen ist eine einheitliche Antwort unmöglich – und illusorisch.“
Die Frage „Welche Auswirkungen hat die Nutzung sozialer Netzwerke auf Jugendliche?“ ist sehr weit gefasst und müsste präzisiert werden:
- Um welche Plattformen geht es?
- Um welche Art der Nutzung?
- Welche Arten von Auswirkungen kann oder will man analysieren?
- Wo leben die Jugendlichen, über die wir sprechen, und unter welchen Bedingungen?
Im Abschnitt 6.1 „Die verborgenen Aspekte der Frage“ gehen wir auf die Herausforderungen ein, die diese Formulierung aufwirft.
Ein Aspekt, der in vielen Studien wiederkehrt, ist die Schwierigkeit, die Auswirkungen sozialer Netzwerke von denen des vernetzten Lebens im Allgemeinen und von anderen Nutzungen des Smartphones zu unterscheiden (etwa Nachrichten austauschen, News lesen, Musik hören oder spielen). Carolina Catunda weist zudem auf eine gewisse Verzerrung in der Gesamtheit der Studien hin: „Wissenschaftliche Arbeiten befassen sich weitaus häufiger mit den negativen als mit den positiven Aspekten neuer Technologien.“
Foto: Dr Carolina Catunda (© University of Luxembourg)
1.2 Normale oder problematische Nutzung
Wissenschaftliche Studien definieren eine „normale“ Nutzung sozialer Netzwerke häufig über eine moderate Nutzungsdauer oder eine Nutzung, die die offiziellen Empfehlungen nicht überschreitet (zum Beispiel nicht mehr als zwei Stunden pro Tag[R4 S.78]). Davon unterscheiden sie eine „problematische Nutzung“, die auf verschiedene Weise definiert werden kann[R3 S.5]:
- eine hohe tägliche Nutzungsdauer (etwa mehr als zwei Stunden),
- suchtartiges Verhalten (es fällt schwer, darauf zu verzichten) oder zwanghaftes Verhalten (die Neigung, ständig die neuesten Beiträge oder Likes zu prüfen),
- die Folgen der Nutzung, etwa wenn sie die Eltern beunruhigt oder Probleme verursacht.
Die problematische Definition der problematischen Nutzung
Eine methodische Schwierigkeit besteht darin, dass eine intensive Nutzung der Netzwerke – zum Beispiel mehr als drei bis vier Stunden pro Tag – sowohl als Ursache (ein Faktor, der zum Risiko psychischer Probleme beiträgt) als auch als Symptom einer problematischen Nutzung betrachtet werden kann[R1 S.135]. Wird Letztere darüber definiert, dass sie mit negativen Auswirkungen einhergeht (statt über eine bestimmte Dauer), kann eine Art Zirkelschluss entstehen: Die von Studien festgestellten Zusammenhänge zwischen problematischer Nutzung und negativen Auswirkungen werden trivial oder tautologisch, da gerade das Vorhandensein negativer Auswirkungen die problematische Nutzung definiert.
„Generell zählt oft weniger die Zahl der Stunden in den Netzwerken als das, was man dort tut“, stellt Carolina Catunda fest. „Zwei Stunden Tutorials zu schauen, um ein Instrument zu lernen, hat nicht dieselbe Wirkung, wie sie damit zu verbringen, Leuten zuzusehen, die über Beautyprodukte oder ihre neuen Sneaker reden.“ Die Forscherin zieht einen Vergleich zum Alkohol: „Präventionsbotschaften vereinfachen stark, indem sie eine Anzahl Biere pro Woche festlegen, die man unbedenklich trinken könne. Doch die psychosozialen Wirkungen von Alkohol hängen ebenfalls stark vom Kontext ab – ob man in der Gruppe oder allein trinkt und in welchem Rhythmus.“ Sie weist auch darauf hin, dass Jugendliche oft sagen, sie seien sich einer übermäßigen Smartphone-Nutzung bewusst, es falle ihnen aber schwer, sie unter Kontrolle zu halten.
2. Auswirkungen auf das Sozialleben von Jugendlichen
Soziale Netzwerke können isolieren und verbinden, Jugendliche Cybermobbing aussetzen oder ihnen Zugang zu unterstützenden Gemeinschaften verschaffen.
2.1 Positive Aspekte sozialer Netzwerke für das Sozialleben
Eines der zentralen Ziele der Netzwerke ist Unterhaltung, die positive Wirkungen haben kann. Sie können schlicht positive Emotionen auslösen (Lachen, Faszination, Berührtsein usw.), auf andere Gedanken bringen und zum Stressabbau beitragen. Generell sind sie Teil der Suche nach neuen Erfahrungen, die in der Adoleszenz völlig normal ist[R2 S.74].
Jugendliche nutzen die Plattformen, um Beziehungen zu Freunden, Bekannten und Familie zu pflegen[R2 S.75] – ein Experiment hat gezeigt, dass der Austausch von Nachrichten mit einem Freund Stress reduzieren kann[R2 S.76]. Der Kontakt zur Familie kann zu einer offeneren Kommunikation in der Familie beitragen und bei längerer Trennung helfen[R2 S.76]. Asynchrone Kommunikation ermöglicht es, selbst zu wählen, wann man antwortet, was im Umgang mit Konfliktsituationen helfen kann[R4 S.97].
Laut Carolina Catunda profitieren Jugendliche stärker, wenn sie online Kontakt zu Menschen aus ihrem Umfeld halten, da sich diese Unterstützung dann auch offline zeigen kann. Bei Kontakten zu weiter entfernten Personen sind die Vorteile weniger systematisch. „Wichtig ist, dass man sich wieder abmelden kann, wenn die Kommunikation mit den Nahestehenden beendet ist. Schwierigkeiten dabei können auf ein Suchtverhalten hindeuten.“
Die Netzwerke können Jugendlichen auch helfen, ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft zu entwickeln, was sich positiv auf Wohlbefinden und Stimmung auswirken kann[R5 S.8]. Diese Dynamik ist besonders wertvoll für Minderheiten sowie für isolierte Menschen[R4 S.16], für Menschen mit Nischeninteressen[R2 S.121] oder für jene, die von Krankheit, Trauer oder emotionalen Schwierigkeiten betroffen sind[R2 S.23].
Die Plattformen ermöglichen es Jugendlichen außerdem, verschiedene Ausdrucksformen auszuprobieren, und unterstützen so die Identitätsentwicklung[R5 S.8]. Sie können positive Botschaften verbreiten, die Entwicklung von Empathie fördern[R1 S.294] und positive Vorbilder zur Identifikation bieten[R1 S.143].
Zusammengefasst deuten einige Studien darauf hin, dass eine moderate Nutzung sozialer Netzwerke mit mehr Wohlbefinden, Geselligkeit, Zugang zu Unterstützung durch Nahestehende sowie Engagement im gesellschaftlichen und politischen Leben korreliert – ohne dass ein kausaler Zusammenhang nachgewiesen werden konnte[R6 S.12].
2.2 Negative Aspekte für das Sozialleben
Jugendliche mit einer problematischen Nutzung sozialer Netzwerke oder des Internets haben tendenziell ein geringeres soziales Wohlbefinden und Schwierigkeiten in den zwischenmenschlichen Beziehungen zu Mitschülern, Eltern oder Lehrkräften[R4 S.99]. Einige Studien legen nahe, dass Jugendliche, die sich in Netzwerken engagieren, um fehlende Offline-Beziehungen auszugleichen, zwar online neue Kontakte knüpfen können, diese positiven Erfahrungen aber oft nicht ins reale Leben übertragen können. Sie laufen Gefahr, sich noch einsamer zu fühlen[R1 S.293].
Der Wunsch, auf den Plattformen positives Feedback zu erhalten (Likes, Kommentare, Follower), kann dazu verleiten, sich weniger authentisch darzustellen, Vergleichsängste auslösen und zu „Rumination“ führen – dem ständigen Grübeln über negative Gedanken[R5 S.7].
Nach der „Verdrängungshypothese“[R5 S.7] kann die in Netzwerken (oder online) verbrachte Zeit an die Stelle sozialer Aktivitäten in der realen Welt treten, insbesondere persönlicher Treffen, Hobbys oder Sport. So gaben in einer Umfrage in den OECD-Ländern 20 % der 15-Jährigen und 16 % der 11-Jährigen an, soziale Aktivitäten (Hobbys, Sport, Freunde treffen) zu vernachlässigen, weil sie soziale Netzwerke nutzen wollen[R4 S.16]. Drei von fünf Kindern sagen, dass sie online das Zeitgefühl verlieren[R4 S.136].
Carolina Catunda weist darauf hin, dass eine solche Verdrängung auch durch Offline-Aktivitäten entstehen kann: „Ein Jugendlicher, der zehn Stunden am Tag allein liest oder Musik macht, hat ebenfalls weniger Zeit für soziale Beziehungen. Solche Aktivitäten sind sozial und kulturell anerkannt, können aber ebenfalls negative Auswirkungen haben, wenn sie übermäßig viel Raum einnehmen.“
Verdrängungshypothese: Wird die Zeit in den Netzwerken zwangsläufig anderen Aktivitäten „gestohlen“?
Der Gedanke scheint naheliegend: Stundenlang am Handy zu verbringen, kann uns davon abhalten, diese Zeit anderen Aktivitäten zu widmen, die man sich oft gesünder vorstellt, etwa Sport zu treiben oder Freunde zu treffen. Doch die Studien sind bislang zurückhaltend, was einen solchen Effekt angeht.
Sie konnten – wenig überraschend – zeigen, dass die nächtliche Bildschirmnutzung die Schlafenszeit nach hinten verschiebt und die Schlafdauer verkürzt[R2 S.99].
Eine sehr große Erhebung in den USA hatte ergeben, dass die Zeit, die Jugendliche in persönlichen sozialen Interaktionen verbringen, zwischen 2010 und 2017 um eine Stunde pro Tag zurückgegangen war – und das trotz kürzerer Schulzeiten und gleichbleibender Dauer außerschulischer Aktivitäten[R1 S.291]. Die Berücksichtigung weiterer Variablen der Studie (Geschlecht, sozioökonomischer Status usw.) hat die Verdrängungshypothese jedoch teilweise entkräftet: Es zeigte sich, dass diejenigen, die am meisten Zeit in den Netzwerken verbrachten, ihre Freunde auch am häufigsten persönlich trafen.
Auch wenn jeder fünfte Jugendliche angab, wegen der Netzwerke den Sport zu vernachlässigen, konnten Studien einen solchen Effekt nicht nachweisen: Jugendliche, die sportlich sehr aktiv sind, bleiben es trotz häufiger Nutzung der Netzwerke[R2 S.100].
Cybergewalt umfasst ein breites Spektrum böswilliger und schädlicher Handlungen im Netz: das Versenden verletzender, beleidigender (Flaming) oder schockierender Nachrichten (Gewalt usw.), die Veröffentlichung privater Unterhaltungen (Outing), die Veröffentlichung privater Informationen etwa zur Identität oder Adresse (Doxing), Identitätsdiebstahl, indem man sich als jemand anderes ausgibt, die Absicht, eine Person zu täuschen oder hinters Licht zu führen, oder auch Ablehnung und Ausgrenzung (Ächtung). Per Definition können diese Formen von Cybermobbing nur online stattfinden, wären ohne Internet nicht möglich und sind Teil der Realität sozialer Netzwerke.
Carolina Catunda weist darauf hin, dass Mobbing offline – im Gegensatz zu Cybermobbing – insgesamt zurückgegangen ist, vermutlich wegen des gestiegenen Bewusstseins für das Phänomen.
Diese Übergriffe können insbesondere die Sexualität betreffen. Dazu gehören der Druck (vor allem auf Mädchen), Nachrichten sexuellen Inhalts zu verschicken (Sexting), deren Verbreitung ohne Einwilligung (etwa bei Rachepornos) oder die Drohung damit (Erpressung bzw. Sextortion) sowie das Erstellen und Verbreiten pornografischer Deepfakes. Die Zahl der gemeldeten Fälle von Sextortion hat sich in Frankreich verzwanzigfacht, von 1400 im Jahr 2022 auf mehr als 28 000 im Jahr 2024[R1 S.413]. Netzwerke können zudem das Risiko sexuellen Kindesmissbrauchs erhöhen, indem sie Jugendliche mit böswilligen Erwachsenen in Kontakt bringen, die ihr Alter leicht verschleiern können[R1].
Die Algorithmen sozialer Netzwerke erhöhen die Sichtbarkeit spaltender Äußerungen und tragen zur Polarisierung der Gesellschaft sowie zur Desinformation bei. Diese Phänomene betreffen auch Erwachsene, wirken sich aber besonders auf Jugendliche aus, da sie sich in einem Alter befinden, in dem sich ihre Identität und ihre Meinungen herausbilden[R1 S.19].
Der Kontakt mit aggressivem Verhalten im Netz könnte zur Normalisierung und Verharmlosung von Gewalt beitragen[R1 S.413].
Soziale Netzwerke – insbesondere solche, die Anonymität begünstigen, wie YouTube, Reddit oder Snapchat – könnten zur Radikalisierung (etwa in den Bereichen Religion, Politik oder Terrorismus) oder zur Übernahme extremer Positionen (Sexismus, Rassismus usw.) beitragen, zum Beispiel in der sogenannten „Manosphere“. Die bisherigen Studien konnten jedoch keine eindeutigen kausalen Zusammenhänge belegen[R4 S.62].
Die Präsenz Minderjähriger in sozialen Netzwerken birgt zudem Risiken für den Schutz ihrer Privatsphäre und ihrer Daten, für spätere Rufschädigung sowie durch gezielte Werbung und Versuche finanzieller Ausbeutung[R4 S.66].
3. Auswirkungen auf das Lernen
Die Plattformen können Jugendliche von der Schularbeit ablenken – oder ihr Interesse wecken, sich mit bestimmten Themen vertieft zu beschäftigen.
3.1 Positive Aspekte der Netzwerke
Soziale Netzwerke bieten einen neuen Lernkanal, der das schulische Lernen unterstützen kann, insbesondere durch Online-Arbeitsgruppen. Er kann ergänzend wirken, indem er andere, informelle Lernformen fördert. Jugendliche können sich zum Beispiel Gemeinschaften von Laien und Fachleuten jenseits ihres Offline-Umfelds anschließen und so neues Wissen erwerben. Ihre Wahl folgt dabei häufiger persönlichen Neigungen als engen schulischen Anforderungen[R1 S.144]. Die Plattformen ermöglichen es Jugendlichen, neue Interessen – auch Nischeninteressen – zu entdecken und zu vertiefen und so überfachliche Kompetenzen zu entwickeln, etwa selbstgesteuertes Lernen, kritisches Denken und eine pragmatische, lösungsorientierte Haltung[R4 S.78]. Die PISA-Studien zeigen, dass eine moderate Nutzung digitaler Medien (darunter soziale Netzwerke, aber nicht ausschließlich) im Allgemeinen mit besseren Leistungen in Mathematik einhergeht[R6 S.88].
Soziale Netzwerke ermöglichen es Jugendlichen, ihre digitalen Kompetenzen auszubauen. Ihre Nutzung geht mit etwas besseren Lesefähigkeiten und einem leichteren Umgang mit Online-Informationen einher[R2 S.70]. Viele Jugendliche nutzen die Gestaltungsmöglichkeiten der Plattformen, etwa für Bildbearbeitung, Videoschnitt oder auch das Programmieren von Apps[R4 S.90].
Diese Vorteile sind ungleich verteilt: Jugendliche aus privilegierten Verhältnissen nutzen digitale Ressourcen mit größerer Wahrscheinlichkeit selbstständig, um außerhalb der Schule zu lernen, als ihre Altersgenossen aus einfacheren Verhältnissen[R4 S.15]. Diese positiven Aspekte werden zudem verstärkt, wenn die Eltern sie begleiten[R7].
3.2 Negative Aspekte
Einige Studien haben Zusammenhänge zwischen einer problematischen Internetnutzung und schlechteren Schulleistungen gezeigt[R4 S.101], doch die großen Literaturübersichten, die die Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen zusammenfassen, fanden entweder keine eindeutige Korrelation zwischen der in Netzwerken verbrachten Zeit und den Schulleistungen oder nur einen sehr schwachen negativen Zusammenhang[R1 S.332]. Eine Kausalität ist schwer nachzuweisen: Ein Schüler kann die Motivation für die Schule verlieren, weil er viel Zeit online verbringt – oder sich umgekehrt aus Langeweile den Netzwerken zuwenden.
Einige Arbeiten stellen geschlechtsspezifische Unterschiede fest. Eine kleine Studie mit rund hundert Schülerinnen und Schülern in Kanada zeigt, dass die am Wochenende in Netzwerken verbrachte Zeit bei 13-jährigen Mädchen mit schlechteren Noten in Naturwissenschaften, Mathematik und Französisch einhergeht, nicht aber bei Jungen. Als Grund wird eine längere Nutzung der Netzwerke durch Mädchen am Wochenende vermutet[R1 S.334].
Die negativen Auswirkungen der Bildschirmnutzung auf den Schlaf (siehe „Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit“ weiter unten) können sich auf die Aufmerksamkeit im Unterricht und auf die Schulleistungen auswirken[R1]. Laborstudien haben gezeigt, dass digitales Multitasking – also das gleichzeitige Verfolgen mehrerer Aktivitäten am Bildschirm – das Arbeitsgedächtnis beeinträchtigen kann; die Auswirkungen digitaler Medien im Unterricht sind jedoch nicht eindeutig belegt[R1 S.337].
Laut der PISA-Erhebung bleiben bei fast der Hälfte der 15-Jährigen die Smartphone-Benachrichtigungen während des Unterrichts aktiviert, vor allem bei Jugendlichen aus benachteiligten Verhältnissen. Sie können eine erhebliche Ablenkungsquelle im Unterricht sein[R4 S.141]. Viele Jugendliche sagen, dass sie praktisch in jeder Unterrichtsstunde durch die Bildschirmnutzung anderer Schüler gestört werden[R4 S.86]. Dennoch konnte die Forschung nicht zeigen, dass ein Handyverbot im Unterricht oder Programme zur Förderung eines verantwortungsvollen Umgangs die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler tatsächlich verbessert haben[R4 S.142]. Auch Mobbing – ob offline oder online – beeinträchtigt die Schulleistungen[R1].
Man könnte vermuten, dass die in Netzwerken übliche, sehr kurze und kontextlose Darstellung von Inhalten die Konzentrationsfähigkeit von Jugendlichen und ihre Fähigkeit, Informationen einzuordnen, beeinträchtigt. Die Studien haben jedoch keine eindeutigen Effekte nachgewiesen.
HBSC-STUDIE: Eine regelmäßige Bestandsaufnahme des Wohlbefindens von Kindern in Luxemburg
Alle vier Jahre zieht eine Befragung von mehr als 8000 Schülerinnen und Schülern in Luxemburg Bilanz über ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit. Sie ist der nationale Teil einer internationalen, von der WHO koordinierten Initiative, des Netzwerks Health Behaviour in School-Aged Children (HBSC), dem inzwischen 51 Länder angehören. Die Befragung behandelt auch Aspekte rund um Bildschirme und soziale Netzwerke. Carolina Catunda von der Universität Luxemburg fasst die wichtigsten Punkte zusammen, während die Ergebnisse der Befragung 2026 noch ausstehen.
Die Studie hat bestätigt, dass es tatsächlich Korrelationen zwischen einer problematischen Nutzung sozialer Netzwerke und höheren Raten von Angst, Depression, Einsamkeit, mangelnder Unterstützung durch Nahestehende und Erfahrungen mit Cybermobbing gibt. Aber „daraus lässt sich kein kausaler Zusammenhang ableiten“, betont Carolina Catunda, „denn eine Person, die unter Isolation leidet, könnte sich zum Beispiel gerade deshalb den Netzwerken zuwenden.“
Die Zahlen zeigten zwischen 2018 und 2022 eine Zunahme der von Jugendlichen berichteten psychosomatischen Beschwerden. Dazu zählen etwa Kopf- oder Bauchschmerzen, die Symptom eines psychischen Unwohlseins sein können. „Bei Mädchen sehen wir einen deutlicheren Anstieg“, so die Forscherin. „Das könnte unter anderem mit der intensiveren Nutzung der Netzwerke durch Mädchen zusammenhängen, während Jungen auch Zeit mit Online-Spielen verbringen.“
Doch auch hier bleibt die Interpretation heikel: „Der Anstieg psychischer Störungen kann auch mit einem breiteren Bewusstsein für Fragen der psychischen Gesundheit zusammenhängen. Man spricht mehr darüber, und das kann Jugendliche ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Ein Teil der heute gestellten Diagnosen wäre vor zehn Jahren vielleicht nicht gestellt worden.“
Die HBSC-Befragung bestätigt die wichtige Rolle der Familie: Die Daten zeigten einen Zusammenhang zwischen einer starken familiären Unterstützung und einer unproblematischen Nutzung. Eine problematische Nutzung findet sich häufiger bei Jugendlichen, die angeben, sich von ihren Nahestehenden nicht unterstützt zu fühlen oder keine gute Kommunikation in der Familie zu haben. „Für Eltern ist es wichtig, sich dafür zu interessieren, was ihre Kinder in den Netzwerken tun, und eine Vorstellung davon zu haben, was sie sehen, was sie interessiert und mit wem sie sich austauschen. Statt ihnen vorzuwerfen, zu viel Zeit am Smartphone zu verbringen, ist es besser, allgemeine Regeln einzuführen – zum Beispiel das Gerät bei gemeinsamen Mahlzeiten nicht zu benutzen –, die auch von den Eltern eingehalten werden. Und diese Momente zu nutzen, um über das zu sprechen, was online gesehen oder erlebt wurde.“
4. Auswirkungen auf die psychische Gesundheit
Die Plattformen können zu Angst und Isolation beitragen, Jugendliche aber auch ermutigen, sich Hilfe zu suchen.
4.1 Positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit
Die Plattformen tragen dazu bei, psychische Erkrankungen bekannter zu machen, etwa wenn Nahestehende oder Prominente öffentlich darüber sprechen. Das hilft, die damit verbundene Stigmatisierung abzubauen, und ermutigt Jugendliche, sich Hilfe zu suchen[R5 S.7]. Verbände nutzen die Plattformen, um Informationen und Präventionsbotschaften zu verbreiten und den Zugang zu psychologischer oder medizinischer Unterstützung zu erleichtern[R5 S.8].
Generell kann die psychische Gesundheit von den oben genannten positiven sozialen Effekten profitieren: Pflege von Beziehungen, Zugehörigkeitsgefühl zu Gruppen, die Möglichkeit, aus der Isolation herauszufinden, oder das Teilen eigener Erfahrungen.
4.2 Negative Auswirkungen
Wie traditionelle Medien können auch Netzwerke zu Körperbildstörungen beitragen, insbesondere zur Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Diese ist bei Jugendlichen stärker ausgeprägt, die angeben, sich auf den Plattformen mit anderen zu vergleichen oder Filter und Bildbearbeitungstools zu nutzen[R1 S.228]. Die Studien stellten eine Korrelation mit der Nutzungsdauer fest: Der Effekt ist bei Mädchen stärker, die mehr als zwei Stunden pro Tag in den Netzwerken verbringen[R1 S.228].
Die Forschung hat Zusammenhänge zwischen der Nutzungsdauer der Plattformen und geringem Selbstwertgefühl oder depressiven Symptomen festgestellt. Mädchen, die 3 bis 5 Stunden pro Tag in den Netzwerken verbrachten, zeigten 26 % mehr depressive Symptome als jene mit 1 bis 3 Stunden, und 50 % mehr bei über 5 Stunden täglich[R1 S.213]. Kausale Zusammenhänge sind jedoch schwer zu entwirren, da viele Stunden in den Netzwerken auch eine Folge psychischen Unwohlseins sein können. Andere Studien haben keinen Anstieg depressiver Symptome bei Jugendlichen beobachtet, die ihre Bildschirmzeit erhöhen[R1 S.181].
Die Studien legen nahe, dass eine passive Nutzung (Scrollen) stärker mit depressiver Stimmung verbunden sein kann als eine aktive Nutzung (posten, interagieren). Das wiederholte Gespräch über negative Gefühle (Co-Rumination) stellt ein weiteres Risiko dar. Auch Cybermobbing erhöht die psychischen Risiken.
Studien, etwa zu TikTok, haben gezeigt, dass Jugendlichen, die angeben, sich für psychische Gesundheit zu interessieren, von den Algorithmen sehr schnell schädliche Inhalte vorgeschlagen werden, etwa die Verherrlichung von Suizid oder Selbstverletzung[R1 S.252].
Die Nutzung der Plattformen kann zu Ängsten beitragen, etwa der Angst, etwas zu verpassen („Fear of Missing out“), doch die Studien konnten keinen eindeutigen Zusammenhang feststellen.
Umfragen zeigen, dass die Hälfte der Jugendlichen sagt, es wäre „schwierig, auf soziale Netzwerke zu verzichten“, während sich ein Drittel der 11- bis 15-jährigen Mädchen als „süchtig“ bezeichnet[R1 S.79]. Fachleute sprechen nicht gern von „Sucht“, sondern eher von „problematischer Nutzung“. Diese ist gekennzeichnet durch Kontrollverlust (die Schwierigkeit, die Zeit auf einer Plattform zu reduzieren), gedankliche Vereinnahmung (an die Netzwerke denken, auch wenn man offline ist), negative Folgen für den Alltag (Schlaf, Schule oder Arbeit, soziale und familiäre Beziehungen usw.), Entzugserscheinungen (Reizbarkeit oder Angst), wenn man nicht online sein kann, oder Eskapismus (die Nutzung der Plattformen, um eine physiologische Notlage zu lindern).
5. Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit
Netzwerke können einen gesunden Lebensstil fördern – oder unzuverlässige Informationen und fragwürdige Botschaften verbreiten.
5.1 Positive Aspekte für die Gesundheit
Soziale Netzwerke können als Kanäle für Gesundheitsinformationen dienen (zwei Drittel der Jugendlichen halten sie für eine gute Informationsquelle[R1 S.46]). Sie können die Verbreitung von Präventionsbotschaften fördern: Studien haben etwa einen kleinen positiven Effekt bei Themen wie Ernährung oder sexuell übertragbaren Krankheiten gezeigt[R2 S.112].
Grundsätzlich können soziale Netzwerke Jugendliche motivieren, mehr Sport zu treiben, und sie mit Tipps und Erklärvideos beim Erlernen einer neuen Aktivität unterstützen. Fachleute haben diese Frage jedoch kaum untersucht und weisen auch auf das Risiko negativer Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl hin (die Neigung, sich zu vergleichen)[R1 S.300].
5.2 Negative Aspekte
Die Netzwerke verbreiten medizinische Desinformation[R5 S.7] (Wundermittel, Nahrungsergänzungsmittel, unbegründete Kritik an bewährten Behandlungen) und können Jugendliche dazu verleiten, sich von wirksamen Behandlungen oder Präventionsprogrammen abzuwenden.
Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper kann zu Essstörungen oder Selbstverletzung führen, insbesondere bei Jugendlichen, die sich bereits in einer Notlage befinden und online Inhalte finden, die sie darin bestärken[R4 S.55].
Die Nutzung sozialer Netzwerke am Abend und in der Nacht kann dem Schlaf eindeutig schaden. Das blaue Licht des Bildschirms trägt dazu bei, den zirkadianen Rhythmus zu stören, indem es die Ausschüttung von Melatonin verzögert, während emotionale und kognitive Reize vor dem Schlafengehen das Einschlafen erschweren. Manche werden durch Benachrichtigungen gestört oder wachen früher auf, um ihr Handy zu prüfen[R2 S.108]. Chronisch schlechter Schlaf kann wiederum zu Stoffwechselstörungen oder psychischen Problemen[R1 S.18] sowie zu schulischen Schwierigkeiten beitragen.
Muskel-Skelett-Beschwerden (Muskel- und Gelenkprobleme, vor allem im Rücken oder in den Armen) nehmen zu. Sie betreffen inzwischen fast ein Drittel der 7- bis 27-Jährigen[R1 S.296]. Sie hängen eindeutig mit einem allgemein bewegungsärmeren Lebensstil zusammen, scheinen aber auch mit intensiver Smartphone-Nutzung verbunden zu sein, insbesondere bei Nacken- und Schulterschmerzen[R1 S.237]. Die verschiedenen Faktoren lassen sich nur schwer auseinanderhalten, da die Handynutzung auch mit weniger körperlicher Aktivität und Schlafmangel einhergeht, die ebenfalls zu solchen Schmerzen beitragen können.
Soziale Netzwerke bergen eine ganz besondere Gefahr: die Challenge-Kultur, die Jugendliche dazu anstiftet, besonders gefährliche Handlungen auszuführen und zu filmen. Die Beispiele reichen vom Verschlucken von Substanzen wie Waschmittel, Chili oder Zimt über Gehen mit verbundenen Augen und Fahren in falscher Richtung bis hin zum Luftanhalten bis zur Bewusstlosigkeit[R1 S.289].
Viele Jugendliche und Erwachsene beschäftigen sich beim Gehen auf der Straße mit ihrem Smartphone – sei es, um soziale Netzwerke zu nutzen, Nachrichten auszutauschen oder News zu lesen. Dieses „Smombie“-Phänomen könnte das Unfallrisiko verdoppeln oder sogar vervierfachen[R1 S.298]. Eine verminderte Aufmerksamkeit lässt sich auch beim Autofahren beobachten, betrifft dort aber eher das Schreiben von Nachrichten als die Aktivität in sozialen Netzwerken.
Netzwerke können Jugendliche positiven Darstellungen schädlicher Produkte (Alkohol, Tabak, Drogen usw.) aussetzen und den Zugang zu illegalen Produkten erleichtern.
Wenn die online verbrachte Zeit auf Kosten anderer Aktivitäten geht (wie es die Verdrängungshypothese annimmt), ist ein Rückgang der körperlichen Aktivität und damit eine Verschlechterung des allgemeinen Gesundheitszustands zu befürchten.
6. Eine komplexe Frage
Die in diesem Artikel behandelte Frage – „Welche Auswirkungen hat die Nutzung sozialer Netzwerke auf Jugendliche?“ – lässt sich wissenschaftlich kaum erschöpfend beantworten und wirft heikle erkenntnistheoretische Fragen auf. Es ist wichtig, genau zu definieren, worüber man spricht, und sich der methodischen Schwierigkeiten bewusst zu sein, einen Effekt rigoros nachzuweisen und zu quantifizieren. Wir beschreiben auch, wie Forschende an ein solches Thema herangehen.
6.1 Die verborgenen Aspekte der Frage
Die Formulierung der Frage wirft wichtige Fragen auf, die wir im Folgenden erläutern.
- „Soziale Netzwerke“: Um welche Plattformen geht es?
LinkedIn, X, Snapchat: „Die“ sozialen Netzwerke sind in Wirklichkeit so vielfältig wie „die“ Literatur oder „der“ Sport. Sie unterscheiden sich stark nach den Zielen der Plattform (Unterhaltung, Werbung, Monetarisierung, Kommunikation, gegenseitige Hilfe usw.), der Herkunft der Inhalte (institutionell, privat, Influencer usw.), den Algorithmen, die Inhalte auswählen (aus dem eigenen Umfeld oder von externen Konten), der Werbung, den Mechanismen zur Bindung der Nutzer (endloses Scrollen, Likes, Kommentare, Benachrichtigungen) sowie dem Grad der Sichtbarkeit (offen, halb offen, privat) und der Anonymität. Diese Unterschiede verändern grundlegend die Art der Risiken und des möglichen Nutzens für die Nutzerinnen und Nutzer, insbesondere für Jugendliche.
Ein berufliches Netzwerk wie LinkedIn hat praktisch keine polarisierenden, schockierenden oder aggressiven Inhalte – im Gegensatz zu einer Microblogging-Plattform wie X. WhatsApp wird hauptsächlich in einem relativ engen Bekanntenkreis genutzt, während Telegram größere Interessengruppen mit mitunter undurchsichtigen Absichten bietet. Die Videos auf TikTok, Instagram und YouTube Shorts können sich ähneln, haben aber unterschiedliche Kontexte – etwa Ton und Art der Kommentare. Andere Netzwerke konzentrieren sich auf einen bestimmten Bereich, wie Strava für sportliche Aktivitäten, GameTree für Online-Spiele oder Chess.com für Schach.
- „Nutzung“: Was macht die Person auf der Plattform?
Die möglichen Auswirkungen hängen untrennbar mit der äußerst vielfältigen Art und Weise zusammen, wie soziale Netzwerke genutzt werden. Manche konsumieren nur Inhalte, andere reagieren mit Kommentaren oder teilen sie, wieder andere posten regelmäßig – anonym oder unter ihrem Namen. Manche verbringen zwanzig Minuten pro Tag auf den Plattformen, andere sechs Stunden am Stück. Man kann mit anderen über seine Online-Aktivitäten sprechen oder sie geheim halten.
- „Auswirkungen“: Welche Effekte will man analysieren, und wie lassen sie sich beziffern?
Die Nutzung sozialer Netzwerke hat vielschichtige und sehr unterschiedliche Auswirkungen: auf die psychische und körperliche Gesundheit, auf die Sozialisation und das Familienleben, auf Lernen und Motivation, auf das Selbstwertgefühl oder auf Hobbys und Sport. Eine Studie kann nur eine begrenzte Zahl von Aspekten behandeln.
Ihre Quantifizierung wirft wichtige methodische Fragen auf. Wird die psychische Gesundheit anhand externer Kriterien (Krankenhausaufenthalt, ärztliche Betreuung, Medikamente) oder anhand der Selbsteinschätzung der Person bewertet? Wie lassen sich die gesundheitlichen Auswirkungen der in sozialen Netzwerken verbrachten Zeit von denen der allgemeinen Handynutzung unterscheiden – oder, noch allgemeiner, von der Nutzung eines digitalen Geräts?
- „Die Jugendlichen“: Wer ist betroffen?
Dieselbe Aktivität im selben sozialen Netzwerk hat nicht bei allen Menschen dieselben Auswirkungen – sie hängen unter anderem vom Geschlecht, vom körperlichen und psychischen Gesundheitszustand, vom sozioökonomischen Umfeld, von den Schulleistungen oder von der Unterstützung durch die Familie ab.
Eine wissenschaftliche Studie kann nur mit einer begrenzten Gruppe von Personen durchgeführt werden, und die Verallgemeinerung der Ergebnisse birgt erhebliche Verzerrungsrisiken. Lassen sich die Ergebnisse einer in den USA durchgeführten Studie auf Jugendliche in Europa übertragen? Welchen Einfluss haben Alter, wirtschaftliches Umfeld, Bildungsniveau und Lebensumfeld? Wie lassen sich die Auswirkungen der Netzwerke von denen unterscheiden, die auf Unterschiede in psychischer und körperlicher Gesundheit, Sozialisation und familiärer Unterstützung zurückgehen? Forschende verfügen über statistische Methoden, um diese Faktoren zu berücksichtigen, doch diese haben ihre Grenzen.
6.2 Die Grenzen dessen, was die Wissenschaft nachweisen kann
Forschende haben eine sehr große Zahl von Untersuchungen zum Wohlbefinden von Jugendlichen und zu ihren Online-Gewohnheiten sowie zu den Wechselwirkungen zwischen beiden durchgeführt. Die Fachliteratur hat zahlreiche Zusammenhänge zwischen einer intensiven Nutzung der Netzwerke und verschiedenen Aspekten der psychischen Gesundheit und des Soziallebens festgestellt. Dennoch bleibt es sehr schwierig, kausale Zusammenhänge rigoros nachzuweisen.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen fehlendem Beweis und dem Beweis des Fehlens. Dass die Forschung einen bestimmten Effekt nicht nachweisen konnte, bedeutet nicht, dass sie gezeigt hat, dass es ihn nicht gibt. Ein solches Ergebnis kann daran liegen, dass der Effekt nicht existiert – oder schlicht eine Folge methodischer Schwierigkeiten sein.
Bei sozialen Netzwerken haben viele Menschen – privat oder beruflich – eigene Erfahrungen gemacht. So berichten Lehrkräfte häufig, nach einem allgemeinen Smartphone-Verbot in der Schule einen deutlichen Anstieg der Interaktionen zwischen den Schülerinnen und Schülern in den Pausen beobachtet zu haben – während es Jahre dauern wird, bis Studien einen solchen Effekt untersucht, quantifiziert und gegebenenfalls nachgewiesen haben.
Kurz gesagt: Der Beitrag der Wissenschaft ist wesentlich, um diese Phänomene besser zu verstehen, kann aber kein vollständiges und umfassendes Bild liefern.
Die verschiedenen Arten wissenschaftlicher Studien zu sozialen Netzwerken
Die in diesem Artikel wiedergegebenen wissenschaftlichen Erkenntnisse fassen die Ergebnisse verschiedener Arten von Untersuchungen zusammen.
- Querschnittstudien beobachten oder analysieren eine Gruppe von Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie können eine Korrelation zwischen einer bestimmten Nutzung der Netzwerke und bestimmten Merkmalen (etwa Schulleistungen oder Schlafproblemen) aufzeigen, aber keine Kausalität belegen.
- Längsschnittstudien begleiten dieselben Personen über einen gewissen Zeitraum, oft mehrere Jahre. Sie können zeitliche Zusammenhänge feststellen: Geht eine Veränderung der Netzwerknutzung einer Entwicklung der beobachteten Merkmale voraus, deutet das darauf hin, dass sie eine Rolle gespielt hat, kann dies aber nicht direkt belegen. Eine große methodische Schwierigkeit besteht darin, dass sich die Netzwerke und ihre Nutzung schnell verändern (etwa als Jugendliche Facebook rasch den Rücken kehrten), so Carolina Catunda. „Das kann eine Änderung der Messgrößen im Laufe der Studie erfordern, was methodisch ein Problem darstellt.“
- Interventionsstudien verändern gezielt die Netzwerknutzung einer Gruppe und vergleichen sie mit einer Kontrollgruppe. Sie können Kausalitäten belegen.
- Laborstudien lassen Teilnehmende Netzwerke nutzen oder setzen sie bestimmten Inhalten aus und messen anschließend bestimmte Merkmale, etwa Gesundheitsparameter oder Konzentrationswerte. Sie können kausale Effekte belegen, die jedoch nur in einer künstlichen Situation gelten und auf indirekten Messungen beruhen.
- Qualitative Studien stützen sich auf Interviews, um gelebte Erfahrungen zu verstehen, können diese aber nicht quantitativ auswerten.
- Literaturübersichten und systematische Reviews sammeln, bewerten und fassen bereits vorhandene Studien zusammen, stoßen aber auf die Schwierigkeit, dass die Studien sehr heterogen sind.
Die Forschung verfolgt unterschiedliche Ansätze, um Daten zu gewinnen.
- Selbstberichtete Daten (etwa die auf einer Plattform verbrachte Zeit, die Schlafqualität oder Suizidgedanken) werden von den Teilnehmenden angegeben. Ihre Zuverlässigkeit schwankt stark.
- Administrative Daten umfassen Schulleistungen oder von Gesundheitsfachleuten gestellte Diagnosen. Sie liegen nur für bestimmte Bereiche des Themas vor.
- Automatisch erhobene Daten werden von auf Smartphones installierten Apps erzeugt oder von den Plattformen in anonymisierter Form bereitgestellt.
7. Referenzen
R1 - Usages des réseaux sociaux numériques et santé des adolescents, Avis de l’ANSES et rapport d’expertise collective, Agence nationale de sécurité sanitaire de l’alimentation, de l'environnement et du travail (2025)
R2 - Social Media and Adolescent Health, Consensus Study Report, National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine (2024)
R3 - Review: Social media use and adolescent mental health – an umbrella review and power analysis, Katrine B. Tølbøll, Child and Adolescent Mental Health (2026)
R4 - How’s Life for Children in the Digital Age?, OECD (2025)
R5 - Social Media Use and adolescents’ mental health and well-being: An umbrella review, A. Sala et al., Computers in Human Behavior Reports (2024)
R6 - Effects of Social Media Use on Youth and Adolescent Mental Health: A Scoping Review of Reviews, N. Agyapong-Opoku et al., Behavioral Sciences (2025)
R7 - An umbrella review of the benefits and risks associated with youths’ interactions with electronic screens, T. Sanders et al., Nature Human Behaviour (2024)