Police Scientifique Luxembourg

Wissenschaft trifft Praxis: Im Rahmen der Take Off Science Challenge Show geben Randy Topper, Valérie Ries und Gilles Rabinger von der Police Scientifique spannende Einblicke in ihre Arbeit. Sie erklären im Interview, wie sich Herausforderungen der Show mit echten Ermittlungsfällen verbinden lassen – von Dokumentenanalysen bis zur Auswertung kleinster Spuren.

 

Biografien

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Valerie Ries – Stellvertretende Leiterin der Police Scientifique

Valerie arbeitet seit 2016 bei der Police Scientifique, zuerst im Fingerabdruck-Labor und seit einem Jahr als stellvertretende Leiterin der Police Scientifique sowie im Bereich für Dokumente und Handschriften.

Ihr Alltag hat sich dadurch stark verändert: Früher war sie überwiegend im Labor tätig, heute geht es vor allem um Koordination und Organisation. Sie stimmt sich mit den Beamten ab, die draußen am Tatort Spuren sichern. Gleichzeitig koordiniert sie die verschiedenen Fachbereiche – etwa Dokumentenanalyse, Schuhspuren oder Ballistik – und begleitet den gesamten Untersuchungsprozess.

Valeries Leidenschaft für die Police scientifique begann mit CSI Las Vegas auf RTL. Zusätzlich haben sie die Vorträge von Dr. Mark Benecke zur forensischen Entomologie fasziniert. Sie hat Forensik an der University of Kent in Canterbury, England studiert, wo sie sowohl ihren Bachelor als auch ihren Master gemacht hat.

Randy Topper – Forensiker

Randy hat Chemie an der Universität Straßburg studiert und dort seinen Bachelor-Abschluss gemacht. Danach hat er Forensik an der Schule für Kriminalwissenschaften in Lausanne in der Schweiz studiert und dort einen Bachelor und einen Master gemacht. Seine erste Arbeit nach der Universität war bei der Polizei in Fort Myers in Florida, Vereinigte Staaten. Dort hat er als Tatortermittler gearbeitet und Spuren an Tatorten untersucht. Seit 2016 arbeitet er bei der Police Scientifique: zuerst im Fingerabdruck-Labor, danach im Bereich für Dokumente und Handschriften.

Und wie kam er dazu? Alles begann an einem Dienstagabend um 20:15 Uhr, als er durch CSI Las Vegas auf RTL zum ersten Mal mit diesem Beruf in Berührung kam. Zwei Jahre vor dem Abitur stand für ihn fest: Genau das will er machen.

Gilles Rabinger – Expert von Schuh- und Werkzeugspuren

Gilles hat im Jahr 2002 die Ausbildung zum Polizeibeamten gemacht. Nach einigen Jahren im Streifendienst hat er von 2008 als Tatortermittler in Mersch (hauptsächlich im Bereich der Eigentumsdelikte) gearbeitet. Seit 2018 ist er Mitglied der Police Scientifique und ist zuständig für die Auswertung von Werkzeug-, Schuh-, Reifen-, Handschuh-, und sonstigen Technischen Formspuren.

Was andere im Studium gelernt haben, hat er sich über viele Jahre direkt am Tatort und durch kontinuierliche Weiterbildungen angeeignet – learning by doing!

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Police scientifique

Die Police scientifique unterstützt Polizei und Justiz bei der Aufklärung von Straftaten, indem sie naturwissenschaftliche Methoden anwendet. Ihr Ziel ist es, anhand von objektiven Beweisen herauszufinden, was tatsächlich passiert ist.

Am Tatort sucht sie nach Spuren wie Fingerabdrücken, Blut, DNA oder anderen materiellen Hinweisen. Diese Spuren werden sorgfältig gesichert und später in speziellen Laboren untersucht. Die Ergebnisse helfen dabei, Personen zu identifizieren, den Tathergang zu rekonstruieren oder Verdächtige auszuschließen. Die Police scientifique entscheidet nicht über Schuld oder Unschuld, sondern liefert wissenschaftliche Beweise, auf deren Grundlage Gerichte ihre Entscheidungen treffen.

Randy: Du beschäftigst dich beruflich mit gefälschten Dokumenten. Wann kommst du zum Einsatz?

Randy: Die Dokumentenanalyse wird entweder von der Justiz oder von Polizeiermittlern beauftragt, insbesondere in Fällen, in denen die Echtheit eines Dokuments oder die Urheberschaft einer Handschrift angezweifelt wird. Wir untersuchen Dokumente mithilfe von Handschriftenanalyse sowie technischen Prüfverfahren. Dabei überprüfen wir beispielsweise, ob ein Zertifikat authentisch ist oder eine Unterschrift handschriftlich geleistet oder maschinell gedruckt wurde.

 

Du analysierst unter anderem Tinten verschiedener Kugelschreiber oder Drucker. Wie läuft das ab?

Randy: Zunächst wird die Tinte unter dem Mikroskop untersucht. Kugelschreiber, Gel-Pens oder Füllfedern zeigen charakteristische Merkmale. Anschließend werden die Tinten mithilfe von Licht unterschiedlicher Wellenlängen sichtbar gemacht. So kann beispielsweise Infrarotlicht von einer Tinte absorbiert werden, während eine andere dadurch transparent erscheint. Durch die gezielte Kombination von Lichtquellen und Filtern werden feine Unterschiede zwischen den Tinten erkennbar.

Bei Druckertinten lassen sich schon unter dem Mikroskop Tintenstrahl- und Laserdruck unterscheiden. Hersteller wie Canon oder HP nutzen unterschiedliche Rasterstrukturen, sodass man Rückschlüsse auf den Hersteller ziehen kann.

Hier ist ein Foto, das beim Testen der Challenge aus Episode 10 von Take Off entstanden ist. Die Challenge: Die Kandidaten erhielten ein Tagebuch, das gefälscht wurde, und sollten die ursprünglichen von den später hinzugefügten Textstellen unterscheiden. Mithilfe unterschiedlicher Lichtquellen, etwa UV-Licht oder Farbfiltern, beobachteten sie, wie verschiedene Tinten auf bestimmte Wellenlängen reagieren. Somit konnten sie herausfinden, welche Textpassagen mit einem anderen Stift geschrieben wurden. Die Folge könnt ihr euch weiter unten anschauen.

 

Und wie funktioniert die Handschriftenanalyse?

Randy: Die Handschriftenanalyse ist entscheidend, um die Urheberschaft einer Schrift zu bestimmen. Dabei werden grafische Merkmale wie Zeilenabstand, Abstand zum Rand, Buchstabenform, Druck und Schreibtempo untersucht. Markant sind Nachahmungen, da sie gegen die natürliche Schreibautomatik erfolgen: Die Schrift wirkt oft eckiger, weniger flüssig und zeigt untypische Strichverbindungen oder abrupte Richtungswechsel. Anschließend wird geprüft, ob diese Merkmale mit einer Vergleichsschrift übereinstimmen. Zusätzlich lassen sich Hinweise auf die Schreibhand erkennen, zum Beispiel horizontale Striche von rechts nach links, die auf einen Linkshänder hindeuten können.

 

Welche Fähigkeiten aus deinem Arbeitsalltag kommen in dieser Take-Off-Episode besonders gut zur Geltung?

Randy: Die Dokumenten-Challenge spiegelt meine tägliche Arbeit sehr treffend wider, auch wenn die Abläufe für die Sendung etwas vereinfacht dargestellt wurden. Ich konnte dabei klare Parallelen zu realen Fällen ziehen. Insbesondere zu einem Fall, bei dem ich unterschiedliche Lichtwellenlängen genutzt habe, um einen Text zu untersuchen. Auf diese Weise ließ sich eindeutig erkennen, dass der Text mit zwei unterschiedlichen Kugelschreibern verfasst worden war.

 

Was sind denn die häufigsten Fälle, in denen du Dokumente untersuchen musst?

Randy: Es kann sich um Rechnungen, Finanzdokumente, Abmachungen zwischen zwei Parteien usw. handeln. Dabei stellt sich die Frage: Wurde das Dokument nachträglich verändert? Manchmal erhalten wir auch offizielle Dokumente zur Prüfung, um festzustellen, ob es sich um ein Original handelt.

Wichtig zu wissen: Experten bekommen bewusst so wenig Informationen über den Fall wie möglich mitgeteilt. Sie erhalten lediglich eine konkrete Fragestellung, zum Beispiel: Hat diese Person den Text geschrieben oder nicht? Die menschliche Geschichte hinter einem Fall ist für unsere Arbeit sogar eher hinderlich, weil sie zu einer Befangenheit (Bias) führen könnte. Deshalb haben wir auch keinen direkten Kontakt zu Opfern oder Verdächtigen.

 

Eine gute Kommunikation ist bei Take Off Zentral. Ist das in eurem Arbeitsbereich auch der Fall?

Valérie: Gerade in der forensischen Arbeit hat die Darstellung der Untersuchungen einen direkten Einfluss darauf, wie diese verstanden werden. Da Richter die einzelnen Zusammenhänge selbst einordnen müssen, ist es essenziell, die Vorgehensweise, Analysen und Schlussfolgerungen möglichst klar zu vermitteln. Eine unpräzise oder missverständliche Kommunikation kann ungewollt eine Befangenheit begünstigen.

Da sich die einzelnen Fachbereiche stetig weiterentwickeln, ist es zudem wichtig, kontinuierlich zu kommunizieren, welche Methoden angewendet wurden, warum sie gewählt wurden und wo ihre Grenzen liegen. Transparenz über Prozesse und Grenzen des Machbaren sind entscheidend.

 

Gilles, du bist auf Schuhspuren spezialisiert. Findet man die auf jedem Tatort?

Gilles: Jeder Kontakt hinterlässt eine Spur – entweder durch das Entfernen von Staub oder durch dessen Hinzufügen. Am Tatort ist meist deutlich mehr Staub vorhanden, als man zunächst vermutet, und Schmutz wird fast immer über die Schuhsohlen hereingetragen. Mithilfe spezieller Lichtquellen, die ein Streiflicht erzeugen, kann dieser Staub sichtbar gemacht werden.

Die besondere Herausforderung besteht darin, gezielt jene Stellen zu erkennen, an denen sich besonders viele Spuren finden lassen, etwa an Fensterbrettern.

Hier ist ein Foto aus der entsprechenden Challenge in Episode 10 von Take Off. Darum ging es: Die Teams sollten anhand von Fußspuren auf dem Boden herausfinden, wer auf die Wand geschossen hat. Nachdem sie die relevanten Spuren identifiziert hatten, sicherten sie mithilfe kriminaltechnischer Methoden einen Abdruck der Fußspuren. Anschließend verglichen sie diesen mit mehreren bereitgestellten Schuhpaaren, um das Paar zu bestimmen, das dem Schützen gehört.

 

Welche Informationen kann eine Schuhspur über eine Person liefern?

Gilles: Sehr viele! Schuhspuren helfen uns vor allem dabei, Serien zu erkennen, wie etwa bei Einbruchsdiebstählen. Gleiche Sohlenmuster und Größen an verschiedenen Tatorten liefern Ermittlungsansätze.

Darüber hinaus lassen sich Bewegungsabläufe rekonstruieren. In einem Raum mit mehreren beteiligten Personen kann man anhand der Spuren nachvollziehen, wer sich wo aufgehalten hat und sogar Aussagen über Tatabläufe treffen (etwa in Verbindung mit der Schussrichtung bei Schusswaffendelikten).

Wenn die Qualität der Spur gut genug ist, können wir anhand von individualisierenden Merkmalen (z.B. Schnitte in der Sohle durch Glasscherben) einen Schuh eindeutig identifizieren. Wenn eine Person festgenommen wird, gehören die Schuhe zu den ersten Gegenständen, die sichergestellt werden. Sie dienen später als Vergleichsmaterial und können entscheidend dazu beitragen, eine Spur eindeutig einer Person zuzuordnen.

 

Was ist bei einer Ermittlung aufschlussreicher: Fußabdruck, Fingerabdruck oder Werkzeugabdruck?

Valérie: Eine gute Ermittlung funktioniert nur, wenn alle zusammenarbeiten. Ein Fingerabdruck allein löst nicht unbedingt einen Fall. Es müssen alle Expertisen zusammengeführt werden, und der Kontext der Spuren muss bekannt sein, um ein klares Bild zu erhalten.

Gilles: Auch die DNA allein reicht nicht aus, um Fälle zuverlässig zu lösen; sie ist nur ein Teil des Puzzles. DNA kann auch leicht verschleppt werden. Ein Beispiel: Ein Taxifahrer in New York hinterlässt Schuppen in seinem Taxi; ein Kunde, der später einen Mord begangen hat, kann diese Schuppen unabsichtlich auf den Tatort übertragen haben, obwohl der Taxifahrer nie dort war. Dies wird auch als Sekundärtransfer bezeichnet. Nur die komplette Analyse aller Spuren ergibt ein verlässliches Ergebnis.

Wie Edmond Locard schon sagte: „Jeder Kontakt hinterlässt eine Spur“, das zu einem grundlegenden Konzept der forensischen Wissenschaft wurde. Er eröffnete übrigens das erste forensische Labor der Welt in Lyon im Jahr 1910.

 

Die Take Off Kandidaten standen in der Show unter enormem Zeitdruck – wie wichtig ist wissenschaftliche Genauigkeit unter Zeitdruck im echten Einsatz?

Gilles: Man muss klar unterscheiden zwischen der Spurensicherung am Tatort und der späteren Auswertung.

Am Tatort kann Zeitdruck entstehen, gerade im Bereitschaftsdienst. Es kann vorkommen, dass man innerhalb einer Woche über 20 Einbrüche bearbeitet. Auch hier ist die sorgfältige Katalogisierung der Spuren wichtig. Bei der Auswertung jedoch darf es keinen Druck geben. Wer unter Stress arbeitet, neigt dazu, wichtige Details zu übersehen oder fehlzuinterpretieren. Und genau das darf nicht passieren. Die Fallbearbeitung läuft zwar kontinuierlich, aber beim Detail ist absolute Sorgfalt gefragt.

Hier spielt auch die Führung eine große Rolle, um gute Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Valérie: Natürlich drängen die Justizbehörden auf schnelle Ergebnisse, was auch verständlich ist, aber man muss ein Gleichgewicht finden; Priorisierung ist entscheidend.

 

Steigt das Fallvolumen in Luxemburg?

Valérie: Ja, eindeutig. In allen Bereichen. Das bedeutet aber nicht, dass die Bevölkerung krimineller wird. Die Bevölkerung wächst – und mit ihr auch die absolute Zahl der Delikte.

 

Was hat euch persönlich dazu motiviert, an Take Off teilzunehmen?

Randy: Take Off ist ein sehr interessantes Konzept, das meine Neugier erweckt. Erstens die Show an sich, wo sowohl Wissenschaft, Schnelligkeit und logisches Denken gefragt sind, und anderseits, die Herausforderung eine Challenge basierend auf meinem Fachgebiet auszudenken. Wir waren sofort bereit, mitzumachen.

Gilles: Üblicherweise agieren wir still und verborgen hinter den Kulissen. Take Off bot uns daher die wunderbare Gelegenheit, aus dem Schatten ins Rampenlicht zu treten und zu zeigen: Forensik ist weit mehr als nur ein spannender Fernsehkrimi.

Valérie: Unser Ziel ist es, den Blick hinter das Blaulicht zu lenken, und zu zeigen, dass Polizeiarbeit sehr vielschichtiger ist, als auf den ersten Blick ersichtlich.

 

Welche Botschaft möchtet ihr den Zuschauern der Take Off Show mitgeben?

Gilles: Wir möchten junge Menschen ermutigen, den Weg in die Forensik zu finden. Die Polizei braucht dringend motivierte Fachkräfte, die Interesse an forensischer Arbeit haben.

Valérie: Wissenschaft ist lebendig und verändert sich ständig. Die Kreativität und Neugier der jungen Teilnehmer in der Show haben uns sehr beeindruckt. Genau das brauchen wir auch in der Forensik. Zudem hat man in der Forensik einen direkten gesellschaftlichen Einfluss: Straftaten aufzuklären und aktiv zur Gesellschaft beizutragen ist sehr erfüllend.

Randy: Die Forensik vereint eine große Bandbreite an Wissenschaften: Biologie, Chemie, Physik, Mathematik, Statistik… Genau diese Vielseitigkeit macht das Fachgebiet so attraktiv.

 

Willst du dir ansehen, wie die Teilnehmer aus der Show die Challenges der Police scientifique gelöst haben? Dann schaue dir die Folge an: 

(Die Folge erscheint erst am 13.03.26)

Interview: Diane Bertel

Editoren: Lucie Zeches (FNR), Joseph Rodesch (FNR)

Fotograf: Emmanuel Claude

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