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Schneelawine beim Abgang.

Autor: Hannes Schlender (scienceRELATIONS)
Redakteure: Michèle Weber, Jean-Paul Bertemes (FNR)
Feedback: Marc Adams, Reinhard Fromm (BFW)


In den letzten Tagen gab es viele Berichte über Lawinen und Lawinenunglücke, bei denen zum Teil auch Menschen gestorben sind. In manchem Winter scheinen Lawinen plötzlich „überall“ in den Bergen hinunterzugehen und Skifahrer in den Tod zu reißen. Doch aus der aktuellen Situation und Schlagzeilen folgt nicht automatisch ein langfristiger Trend. Aktuelle Forschung zeigt ein differenzierteres Bild: Das Risiko konzentriert sich vor allem auf Gelände abseits gesicherter Pisten, Wintersportler unterschätzen häufig das Risiko - auch bereits die Lawinen-Warnstufe 3 birgt erhebliche Risiken – und der Klimawandel verändert eher die Art der Lawinen als ihre Anzahl. Was Skiurlauber jetzt wissen sollten.

Für diesen Artikel haben wir mit Marc Adams zusammen gearbeitet, Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Schnee und Lawinen am Institut für Naturgefahren des österreichischen Bundesforschungszentrums für Wald (BFW).

Copyright: BFW, Fotograf: Michael Neuhauser.

Mehr Berichte über Lawinenunfälle – mehr Gefahr?

Wenn wie zurzeit viel über mehrere tödliche Lawinenunfälle berichtet wird, entsteht schnell der Eindruck: „Dieses Jahr ist es besonders schlimm.“ Das kann stimmen – muss es aber nicht.

Ein Blick auf die Statistik des European Avalanche Warning Services (EAWS) für die Alpenländer zeigt, wie stark die Zahlen von Winter zu Winter schwanken (siehe Abbildung 1). In der laufenden Saison 2025/26 waren dort bis zum 16.02.2026 insgesamt 69 Lawinentote registriert. Der gleitende Mittelwert der Zeitreihe bewegt sich in den letzten 25 Jahren grob um die Größenordnung von rund 100 Todesfällen pro Winter, was etwas niedriger ist als in den 25 Jahren davor.

Abbildung 1: Todesfälle durch Lawinen in den Alpenländern (Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich, Deutschland, Slowenien und Liechtenstein). Die blauen Balken stellen die Todesfälle für das jeweilige Jahr da, die rote Linie den gleitenden Mittelwert – ein Durchschnitt über mehrere aufeinanderfolgende Jahre (hier 10 Jahre), der Jahr für Jahr „mitwandert“ und so Ausreißer glättet. Quelle & Copyright :EAWS , Abruf: 12.02.2026

Arbwärtstrend in den letzten Jahren?

Auffällig sind hier z.B. die beiden Ausreißer in den 50er Jahren: der „Lawinenwinter 1951“ und die Lawinenkatastrophe im Dorf Blans 1954, die zu hohen Opferzahlen führten - denn die Statistik umfasst auch Opfer in Siedlungen und auf Verkehrswegen. Außerdem ist auffällig, dass die Anzahl an Toten von den 50ern bis zu den 80ern gestiegen ist und es seit den 80ern einen leichten Abstiegstrend gibt – und das obwohl die Anzahl an Skitouristen stetig zunimmt.

„Dass die Zahlen im langen Trend sinken, hat auch damit zu tun, dass in den Alpen seit Mitte des 20. Jahrhunderts der Schutz des Siedlungsraums gegen Lawinen massiv ausgebaut wurde – die EAWS-Statistik sollte also differenziert betrachtet werden“, sagt Marc Adams vom Institut für Naturgefahren des österreichischen Bundesforschungszentrums für Wald (BFW).

Trotzdem kann der Eindruck einer „Welle“ entstehen, wenn in kurzer Zeit mehrere Unfälle gemeldet werden.

Wer beurteilen will, ob sich die Lage wirklich verändert, muss deshalb verschiedene Aspekte berücksichtigen: Wie instabil ist die Schneedecke? Wie viele Menschen sind überhaupt in lawinengefährdetem Gelände unterwegs sind - vor allem abseits der Pisten? Und wie gut sind sie auf die Verhältnisse dort vorbereitet? Das sind Faktoren die sich schwer oder gar nicht in Zahlen fassen lassen.

Selbst bei gleichbleibender oder sich verbessernder Gefahrenlage kann die Zahl der Unfälle steigen: Einfach dadurch, dass mehr oder unerfahrenere Menschen Touren gehen und Varianten abseits der Pisten fahren. Denn gerade bei Unfällen im freien Gelände spielt der Mensch eine zentrale Rolle: Ob eine Tour sicher endet, hängt nicht nur vom Wetter oder davon ab, wie der Schnee beschaffen ist. Entscheidend ist auch, ob Skifahrer und Tourengeher steile Hänge vor allem in Nordlagen meiden, wie sie sich in der Gruppe bewegen und ob sie umkehren, wenn sich das Risiko nicht mehr gut einschätzen lässt. (Strapazzon et al.; Pfeifer et al.)

Der Faktor „Mensch“ ist also schwer einzuschätzen. Meist bleibt unklar, wie viele Menschen wann, wo und mit welcher Erfahrung unterwegs waren. Deshalb betonen Fachleute: Zahlen zu Lawinenunfällen eignen sich nur begrenzt als Maß für die „Gefährlichkeit eines Winters. (Strapazzon et al.; Pfeifer et al.; EAWS)

Infokasten: Warum die Situation gerade jetzt so heikel sein kann

In vielen Teilen der Alpen trifft derzeit (in der Woche ab dem 16.2.2026) eine ungünstige Wetterkombination zusammen: viel Neuschnee fällt in kurzer Zeit; dazu kommt starker Wind. Solche Phasen können die Schneedecke rasch verändern: Wind verfrachtet lockeren Schnee und lagert ihn als dichte Schichten ab („Triebschnee“) – oft dort, wo man sie auf den ersten Blick nicht erkennt, zum Beispiel in Mulden, Rinnen oder hinter Geländekanten. Gleichzeitig fällt Neuschnee auf eine bereits vorhandene, instabile Schneedecke, da sich seit dem Frühwinter ein Altschneeproblem gebildet hat. Der schneearme Start in den Winter und tiefe Temperaturen waren dafür verantwortlich. Was das konkret für ein Skigebiet oder eine Tourenregion bedeutet, lässt sich nicht allgemein sagen – dafür sind Unterschiede nach Höhenlage, Hangrichtung und Wind zu groß. Wer in den nächsten Tagen abseits gesicherter Pisten unterwegs sein will, sollte deshalb das Know-How und die Ausrüstung dafür haben, und konsequent den Lawinenlagebericht der jeweiligen Region lesen, ihn ernst nehmen und sich gegebenenfalls Profis anvertrauen, die dafür ausgebildet sind und das Gelände, sowie die Gegebenheit vor Ort gut kennen. 

In großen Teilen der Schweiz, der französischen Alpen und Westösterreich wurde heute die Lawinenwarnstufe 4 herausgegeben, in Teilen der Westschweiz sogar die höchste Stufe 5

Wie entstehen Lawinen überhaupt?

Lawinen brauchen zwei Grundvoraussetzungen: steiles Gelände und eine Schneedecke, die nicht stabil genug „zusammenhält“. Als steil gelten im Lawinenkontext meist Hänge ab etwa 30 Grad – dort kann ein Schneebrett leicht ins Rutschen kommen.

Kritisch wird es, wenn eine zusammenhängende Schneeschicht auf einer schwächeren, instabilen Schicht aufliegt: Dann kann im schlechtesten Fall schon eine geringe zusätzliche Belastung, etwa durch eine einzelne Person, einen Bruch auslösen. Solche Schneeschichten entstehen typischerweise nach Neuschnee, wenn der Wind den Schnee verfrachtet und als dichte Schneepakete ablagert – sogenannter Triebschnee entsteht.

Altschneeprobleme bleiben nach Neuschnee lange kritisch

„Schneearme Winter können das Entstehen solcher dauerhaften Schwachschichten begünstigen“, sagt Lawinenforscher Marc Adams: „Es kann ein sogenanntes Altschneeproblem entstehen, das später durch Neuschnee überdeckt wird und dann lange kritisch bleibt“. Lawinenlageberichte benennen diese Situationen oft als eine der „Lawinenprobleme“. Sie sagen nicht nur, wie groß die dadurch verursachte Gefahr ist, sondern auch, welche Art von Instabilität in welchen Bereichen vorkommt. (EAWS)

Dabei unterscheiden Warndienste verschiedene Lawinenarten: Am häufigsten sind Schneebrettlawinen, bei denen eine „Platte“ bricht und als Ganzes abrutscht. Daneben gibt es Lockerschneelawinen, die punktförmig anreißen und beim Abfahren fächerförmig größer werden. Beide können in trockenem oder nassem Schnee auftreten. Ein Sonderfall sind Gleitschneelawinen, bei denen die gesamte Schneedecke am Boden langsam ins Rutschen gerät und dann plötzlich abgleitet. (EAWS)

Abbildung 2. Verschiedenen Lawinenarten: Lockerschneelawinen (links), Schneebrettlawinen (mitte) und Gleitschneelawinen (rechts). Illustration: AdobeStock/Graphithèque

Was Skifahrer unbedingt beachten sollten

  • Lawinenlagebericht lesen – und die Gefahrenstellen (Höhe/Exposition) ernst nehmen.
  • Bei Stufe 3 defensiv planen: steiles Gelände meiden, bei unter 30 Grad Steigung bleiben, Umkehr einplanen.
  • Triebschnee, Wärme, Regen: klassische „Achtung“-Signale.
  • Im Gelände: Lawinenverschüttetensuchgerät/Schaufel/Sonde + Übung – aber Technik ersetzt kein defensives Verhalten.

Werden Lawinen in Zukunft häufiger – oder gibt es „andere“ Lawinen?

Bei der Frage, ob wie sich die Lawinensituation verändert, spielt auch der Klimawandel eine Rolle: Höhere Temperaturen bedeutet jedoch nicht automatisch weniger Lawinen, weil weniger Schnee liegt. Entscheidend ist, wie sich die Schneedecke über den Winter verändert – und ob eher trockene Schneebrettsituationen oder eher nasse, vom Wasser beeinflusste Instabilitäten dominieren. Forscher sprechen von einem „Lawinenregime“. (Mayer et al., 2024)

Eine modellbasierte Studie für die Schweizer Alpen deutet darauf hin, dass der Klimawandel dieses Lawinenregime verschiebt. Die Forscher haben in einem Rechenmodell „Zukunftswinter“ entstehen lassen: erst das künftige Wetter, dann die dazu passende Schneedecke. Anschließend prüften sie, an wie vielen Tagen die Bedingungen so sind, dass Lawinen wahrscheinlich werden („Lawinentage“). Das ist keine Zählung einzelner Lawinenabgänge und erst recht keine Aussage über „diesen Winter“, sondern ein Werkzeug, um langfristige Entwicklungen bis zum Ende dieses Jahrhunderts vergleichbar zu machen. Es handelt sich hier also um Prognosen. (Mayer et al., 2024)

Mehr nass als trocken

Das zentrale Ergebnis: Tatsächlich erwarten die Wissenschaftler je nach Höhe und Szenario vor allem zu Ende des 21. Jahrhunderts eher weniger „Lawinentage“ als in dem Zeitraum von 1991 bis 2020. Und zugleich werden trockene Lawinen – also Schneebrettlawinen in kaltem, trockenem Schnee – im Modell über die Wintermonate insgesamt seltener. Gleichzeitig können jedoch Nassschnee-Lawinen in höheren Lagen teilweise häufiger werden, weil die Schneedecke öfter durch Schmelzwasser oder Regen durchnässt wird.

Entscheidend ist: Es läuft nicht auf das Muster „weniger Schnee = weniger Lawinen“ hinaus, sondern eher auf eine Verschiebung zwischen trockenen und nassen Prozessen. Außerdem deutet die Studie darauf hin, dass Nassschnee-Aktivität künftig häufiger früher im Winter auftreten kann, wenn Wärme- und Regenphasen zunehmen. (Mayer et al., 2024)

Wasser als Schmierfilm für Lawinen

Was sind die Mechanismen dahinter? Mit steigenden Temperaturen fällt in den Bergen öfter Regen statt Schnee – oder der Schnee wird schneller nass. Aus trockenem, „pulvrigem“ Schnee wird dann ein schwererer, feuchter Schneekörper, in dem Wasser durchsickern kann. Das verändert, wie sich Lawinen lösen: Wasser kann die Bindung im Schnee schwächen oder wie ein Schmierfilm wirken – dann gehen Lawinen als Nassschneelawinen oder als Gleitschneelawinen ab, oft im Zusammenhang mit Wärme, Sonne oder Regen. (Mayer et al., 2024)

Zugleich kann sich das Risiko auch zeitlich verschieben. Wenn milde Phasen und Regen häufiger werden, treten Nassschnee-Situationen nicht nur im Frühjahr auf, sondern können auch mitten im Winter relevant werden. (Mayer et al., 2024)

Wo ist das Risiko am größten: Tour, Piste, Dorf?

Wer nach „Wahrscheinlichkeit“ fragt, wünscht sich oft eine klare Zahl. Die gibt es bei Lawinen nur selten in belastbarer Form – schlicht, weil die wichtigste Rechengröße - der Faktor Mensch - kaum zu bestimmen ist. Was die Forschung aber robust zeigt, ist die räumlich ungleiche Verteilung des Risikos und wen es betrifft.

Eine Auswertung der alpinen Unfallstatistik zeigt, dass  über 90 Prozent der tödlichen Ereignisse auf Menschen entfallen, die als Freizeitsportler im winterlichen Gebirge unterwegs waren – Personen auf Skitouren und Variantenfahren (z. B. Freeriden) sind dabei besonders häufig betroffen, aber auch für Personen beim Schneeschuhgehen, Bergsteigen und (Eis-)Klettern besteht ein erhöhtes Risiko. Deutlich weniger Menschen traf es in Siedlungen oder auf Straßen. (Strapazzon et al.)

Das größte Risiko lauert abseits der Pisten

„Sobald Wintersportler die Pisten verlassen, steigt das Risiko deutlich“, sagt Marc Adams: „Beim Variantenfahren oder Skitourengehen kann im schlechtesten Fall eine einzelne Person ein Schneebrett auslösen; die Lage kann wenige Meter neben der Piste deutlich gefährlicher sein als auf der Piste.“

Wie stark das Risiko im freien Gelände auch vom Ort abhängt, zeigt eine Langzeitanalyse tödlicher Off-Piste- und Backcountry-Unfälle in Österreich: Die Unfälle sind räumlich gebündelt, es gibt Hotspots – zum Beispiel im Bereich Arlberg Silvretta oder im südlichen Ötztal bis Kühtai/Stubai. Es zählen also nicht nur Schnee und Wetter, sondern es kommt auch darauf an, wo besonders viele Menschen unterwegs sind und welche Geländetypen sie wählen. (Pfeifer et al.)

Für Dörfer und Verkehrswege ist das Risiko in den Alpen deutlich geringer, weil viele Regionen über Jahrzehnte Schutzmaßnahmen aufgebaut haben – von Landnutzungsplanung bis zu Schutzbauten und Maßnahmen wie Sperrungen. Das Schutzniveau im Siedlungsbereich ist insgesamt sehr hoch; ein Restrisiko aber bleibt. (Strapazzon et al.)

Wo sich tödliche Lawinen lösen – und warum Warnstufe 3 oft unterschätzt wird

Wer sich fragt, wo das Risiko im Gelände besonders schnell kippt, kann aus Unfallmustern viel lernen. Eine Auswertung tödlicher Lawinenunfälle aus Teilen der Alpen (Frankreich, Schweiz, Tirol) zeigt ein klares Bild: In fast allen Fällen handelte es sich um Schneebrettlawinen, von denen die meisten in trockenem Schnee abgingen. (Reuter et al.)

Auch Gelände und Exposition folgen einem Muster: Die Unfälle passierten häufig zwischen 1.800 und 2.800 Metern, besonders oft an schattigen Nordhängen. Wo die Hangneigung dokumentiert war, lagen die Anrissbereiche fast immer bei 30 bis 45 Grad. Das ist genau der Bereich, in dem Schneebretter besonders leicht ausgelöst werden können. In etwa jedem vierten Fall wurden zudem mehrere Menschen verschüttet – ein Hinweis darauf, wie wichtig Abstände, Spurwahl und Gruppenentscheidungen sind. (Reuter et al.)

Warnstufe 3: Bei unter 30 Grad bleiben!

Viele tödliche Unfälle passieren außerdem nicht erst bei extremen Warnlagen: In allen drei Regionen trat der größte Anteil an Tagen mit Warnstufe 3 („erheblich“) auf. (Reuter et al.) Die Botschaft dahinter ist unbequem, aber wichtig: „Erheblich“ ist kein „es geht schon“, sondern oft genau der Bereich, in dem viele noch losgehen – und in dem ein Fehler im steilen Gelände besonders schnell Konsequenzen hat. Die Lawinenwarndienste nennen in diesem Zusammenhang oft eine einfache Faustregel für Warnstufe 3: Nur Gelände mit einem Gefälle von unter 30 Grad befahren!

Freies Gelände am besten mit einem Bergführer oder nach einem Lawinenkurs

Gerade in diesen Tagen Ende Februar 2026, in denen es in vielen Regionen der Alpen heftig schneit, hat Marc Adams einen wichtigen Ratschlag: „Neuschnee bedeutet meist bessere Pistenverhältnisse. Sobald man sich aber abseits der gesicherten Pisten bewegt, ändert sich die Lage deutlich: Nach Neuschnee steigt die Lawinengefahr meist markant an! Nur wer die entsprechende Ausbildung, Erfahrung und Ausrüstung hat, sollte unter Beachtung der Lawinengefahr und Wettersituation abseits der Piste unterwegs sein – oder man vertraut sich einem professionellen Skiführer an.“

Wie kommen die Warnstufen zustande?

Lawinen-Warnstufen sind keine Messwerte, sondern eine strukturierte Einschätzung der Warndienste. Sie entsteht in mehreren Schritten:

Zuerst sammeln die Fachleute Hinweise aus dem Gelände: Sie beobachten, ob es bereits Lawinen gab, achten auf typische Zeichen von Instabilität und nutzen Stabilitätstests; zunehmend fließen auch Informationen aus Schneedeckenmodellen ein. Weil niemand die Schneedecke überall prüfen kann, müssen die Warndienste aus wenigen Messpunkten und Beobachtungen ableiten, wie verbreitet instabile Stellen im Lawinengelände wahrscheinlich sind.

Dann beantworten sie im Kern drei Leitfragen: Wie leicht lässt sich eine Lawine auslösen, wie groß kann sie werden, und wie häufig sind die Gefahrenstellen? Aus der geschätzten Auslösewahrscheinlichkeit (inklusive der räumlichen Verbreitung instabiler Bereiche) und der erwarteten Lawinengröße ergibt sich die regionale Warnstufe.

Damit die Warnstufe im Gelände nutzbar wird, präzisieren Lawinenlageberichte außerdem, wo es kritisch ist – oft nach Höhenlage und Hangrichtung. „Steilhänge“ sind dabei im Lawinenkontext meist Hänge steiler als rund 30 Grad.

Ergänzend benennen viele Warndienste das aktuelle Lawinenproblem (z. B. Triebschnee oder Nassschnee). Das hebt die Art der Instabilität hervor.

Wie wird überwacht – und was können neue Technologien?

Lawinenwarnungen beruhen auf mehreren Informationsquellen, weil niemand die Schneedecke überall vermessen kann. Warndienste nutzen Messdaten von Wetterstationen, Angaben zu Neuschnee, Wind und Schneehöhe, dazu Wetter- und Schneedeckenmodelle sowie Beobachtungen aus dem Gelände – etwa frische Lawinenabgänge oder Schneeprofile. Experten führen diese Hinweise zusammen und leiten daraus ab, wo die Schneedecke instabil ist und welche Lawinen dort möglich sind. (Müller et al.)

Drohnen oder Laser nutzen bisher überwiegend Wissenschaftler wie Marc Adams, um Schnee zu untersuchen. Sie bestimmen damit beispielsweise, wie viel Schnee mit einer Lawine abgegangen ist oder kalibrieren ihre Rechenmodelle.

Video: Wie wird man Spezialist für Naturgefahren und welche Rolle spielen Drohnen und Laserscanner dabei? In diesem Video berichtet Marc Adams von seinen Tätigkeiten und seinem Werdegang. Copyright: Austrian Research Centre for Forests

Es hängt davon ab, wie gut man hinschauen kann

In der Praxis der Lawinenwarnung spielen unter anderem die Daten automatischer Wetterstationen, die Rückmeldungen von Beobachtern vor Ort, und Begehungen oder Befliegungen der Vorhersageregion eine wichtige Rolle – zusätzlich werden lokal auch Systeme wie Infraschall oder Radar eingesetzt. Solche Systeme sollen die Lawinenaktivität auch dann erfassen, wenn Sichtbeobachtungen schwierig sind. Ein Beispiel ist die automatische Detektion über Infraschall, also Schallwellen mit sehr niedrigen Frequenzen (< 20 Hz). Sie sind auch bei schlechtem Wetter messbar. Eine Evaluation eines solchen Infraschallsystems in den Schweizer Alpen zeigt: Große, nah abgehende Lawinen kann man damit sehr gut erkennen, insgesamt hängt die Leistung aber stark von Lawinengröße und Entfernung ab. (Mayer et al., 2020)

Das ist ein weiterer Hinweis darauf, warum die Frage „Gibt es mehr Lawinen?“ selten eindeutig zu beantworten ist: Weder menschliche Beobachtung noch automatische Systeme erfassen alle Abgänge vollständig. Was registriert wird, hängt vom Wetter, vom Gelände und von der Technik ab – also davon, wie gut man überhaupt hinschauen kann.

Zukunft: Das Risiko kann sich schneller ändern

Wenn sich das Klima in den Alpen weiter erwärmt, verändert sich nicht nur die Schneemenge, sondern vor allem die Art des Schnees. Voraussichtlich werden trockene Schneebrettsituationen langfristig seltener, während Nassschnee-Situationen in höheren Lagen zunehmen können. (Mayer et al., 2024)

Für Wintersportler ist die wichtigste Konsequenz weniger „alles wird schlimmer“, sondern: Das Risiko kann sich schneller ändern. Ist der Schnee nachts noch tragfähig, kann er am Mittag schon schwer und feucht sein – oder Regen setzt plötzlich ein und verschiebt die Stabilität in wenigen Stunden. Wer umsichtig plant, denkt deshalb stärker in Zeitfenstern und Ausweichoptionen, statt eine einzige Linie „durchziehen“ zu wollen.

Und selbst bei guter Vorbereitung bleibt ein Punkt konstant: Wenn doch etwas passiert, entscheidet oft die Zeit. Eine Übersicht zu Lawinenunfällen und Überleben betont, dass die Überlebenschancen bei Verschüttung stark davon abhängen, wie schnell jemand gefunden und freigelegt wird – und dass dichter, nasser Schnee das Atmen zusätzlich erschweren kann.

In der Praxis treffen professionelle Retter meist nicht in den ersten, entscheidenden Minuten ein. Deshalb bleibt die Kameradenrettung zentral: Die Gruppe vor Ort kann sofort suchen, sondieren und ausgraben – und gewinnt damit Zeit, die später niemand „zurückholen“ kann. Der einschlägigen Ausbildung und Erfahrung kommt daher eine sehr wichtige Rolle zu (Strapazzon et al.)

Infobox

Welche „Schneesituationen“ nennen Warndienste – und was heißt das für Wintersportler?

Viele Lawinenlageberichte benennen neben Warnstufe und Gefahrenstellen auch das aktuelle Lawinenproblem. Das beschreibt typische Formen der Schnee-Instabilität im Lawinengelände und hilft bei der Einschätzung „was ist heute heikel – und wo?“.

Neuschnee
Nach (starkem) Schneefall belastet der frische Schnee die vorhandene Schneedecke – Lawinen sind während des Schneefalls und in den Tagen danach typischer. Achte auf frische Lawinen und die Neuschneemenge.

Triebschnee
Wind verfrachtet lockeren Schnee und lagert ihn als dichtere Schicht ab – oft an windabgewandten Hängen, in Rinnen/Mulden, hinter Geländekanten, nahe Graten. Typische Hinweise sind Windzeichen, frische Triebschneeablagerungen, Risse, „Wumm“-Geräusche oder frische Lawinen. Meide Triebschneeansammlungen in steilem Gelände.

Altschnee
Hier steckt die Schwäche oft tiefer in der Schneedecke („persistente Schwachschicht“)
und ist im Gelände schwer zu erkennen; Fernauslösungen sind möglich, und die Schwachschicht kann lange bestehen bleiben. Im Warnbericht sind Hinweise zur Schneedeckenentwicklung besonders wichtig – und defensives Verhalten im Gelände lohnt sich.

Nassschnee
Wasser dringt als Schmelzwasser oder Regen in die Schneedecke ein und schwächt sie – nasse Lawinen treten häufig bei Wärme, Sonne oder Regen auf. Warnzeichen sind beginnender Regen, Schneeballen/-rollen, kleine nasse Lawinen oder tiefes Einsinken. Beachte dein Timing: früh starten, rechtzeitig raus, fehlende Gefrierprozesse in der Nacht.

Gleitschnee („Fischmäuler“)
Die gesamte Schneedecke kann auf glattem Untergrund (z. B. Gras, glatte Felsplatten) langsam ins Rutschen kommen; der Abgangszeitpunkt ist kaum vorhersagbar. Gleitschneerisse sind Warnzeichen. Halte dich nicht in ihrer Nähe auf, vor allem nicht in Auslaufbereichen.

Wechten
Wechten sind überhängende, vom Wind aufgebaute Schneewülste. Wenn sie abbrechen, können sie in den darunterliegenden Steilhängen Lawinen auslösen. Durch den Überhang wird die Abbruchkante oft falsch eingeschätzt – sie brechen oft weiter zurück als erwartet.

Quellen

Mayer, S. et al. (2020). Evaluating the performance of an operational infrasound avalanche detection system at three locations in the Swiss Alps during two winter seasons. Cold Regions Science and Technology, 173, 102962. https://doi.org/10.1016/j.coldregions.2019.102962

Mayer, S. et al. (2024). Impact of climate change on snow avalanche activity in the Swiss Alps. The Cryosphere, 18, 5495–5517. https://doi.org/10.5194/tc-18-5495-2024

Müller, K. et al. (2025). The EAWS matrix, a decision support tool to determine the regional avalanche danger level (Part A): conceptual development. Natural Hazards and Earth System Sciences, 25, 4503–4525. https://doi.org/10.5194/nhess-25-4503-2025

Pfeifer, C. et al. (2018). Spatial and temporal analysis of fatal off-piste and backcountry avalanche accidents in Austria with a comparison of results in Switzerland, France, Italy and the US. Natural Hazards and Earth System Sciences, 18, 571–582. https://doi.org/10.5194/nhess-18-571-2018

Reuter, B. et al. (2023). Characteristics of avalanche accidents in different snow climate regions in the Alps. In: Proceedings of the International Snow Science Workshop (ISSW), Bend, Oregon (USA), 2023, pp. 305–310. (Konferenzbeitrag; vermutlich nicht im Journal-Sinn peer-reviewed.)

Strapazzon, G. et al. (2021). Effects of Climate Change on Avalanche Accidents and Survival. Frontiers in Physiology, 12:639433. https://doi.org/10.3389/fphys.2021.639433

Valt, M. et al. (2024). Avalanche accidents in Italy: investigations of avalanche release and decision-making. In: Proceedings of the International Snow Science Workshop (ISSW), Tromsø (Norway), 2024, pp. 1397–1399. (Konferenzbeitrag; vermutlich nicht im Journal-Sinn peer-reviewed.)

https://www.avalanches.org/fatalities/fatalities-statistics/ (aufgerufen am 12.2.2026)

European Avalanche Warning Services (EAWS) (2018/2019). Europäische Lawinengefahrenskala (2018/19). PDF-Dokument.

European Avalanche Warning Services (EAWS) (2022). Typische Lawinenprobleme („Avalanche problems“), approved by General Assembly of EAWS, Davos, 2022. PDF-Dokument.


 

 

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