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Was befindet sich zwischen den Sternen? Und warum "wächst" das Universum immer schneller?

Auf diese Fragen bietet die Physik derzeit ein und dieselbe Antwort: Dunkle Energie. Diese hypothetische Entität soll zwei Drittel der gesamten im Universum vorhandenen Energie ausmachen, und sogar für die Beschleunigung seiner Ausdehnung verantwortlich sein. Dennoch wissen wir nicht wirklich, was sie ist.

Diese Energie zu definieren und ihren genauen Wert zu berechnen könnte jedoch helfen, zwei der größten Schulen der Physik zusammenzubringen: die Quantenfeldtheorie (QFT) und die von Albert Einstein entwickelte allgemeine Relativitätstheorie.

Das Problem: Bisher stimmen die Berechnungen, die wir mit der QFT durchführen, bei weitem nicht mit den Beobachtungen unserer Weltraumteleskope überein. Diese Diskrepanz treibt die Physik seit über einem Jahrhundert um.

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Die Quantenfeldtheorie (QFT)

In der Quantenfeldtheorie (Quantum Field Theory, QFT) werden Elementarteilchen nicht als Korpuskeln (kleine Kugeln) beschrieben, sondern als Schwingungen (bzw. Schwingungsknoten) in fundamentalen Feldern, die an jedem Punkt in Raum und Zeit existieren.

Ein Quantenfeld lässt sich nicht einfach visualisieren. Es ist in erster Linie ein abstraktes mathematisches Objekt, das dazu dient, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen. Man könnte es dennoch folgendermaßen beschreiben: ein quer durch den Raum gespanntes Netz, in dem jeder Punkt einen klar definierten Wert hat.

In diesem Zusammenhang existiert ein "Teilchen" nicht wirklich. Es ist unsere Vorstellung einer Störung, die sich innerhalb des Netzes ausbreitet. Dies wird in der Quantenphysik auch als "Wellenpaket" bezeichnet. Die QFT beschreibt eine Vielzahl von Feldern im Universum: elektrische, magnetische, Gravitationsfelder...

Die QFT ist die genaueste Physiktheorie von allen, sie birgt jedoch auch einige Probleme. So lässt sie sich nur schwer auf die makroskopische Welt anwenden und kann die Gravitation nicht beschreiben. Außerdem sind die mathematischen Berechnungen in der QFT so außerordentlich komplex, dass man vieles gar nicht berechnen kann.

Dies könnte sich in Zukunft ändern, dank der Arbeit des Forscherteams von Prof. Tkatchenko von der Abteilung für Physik und Materialwissenschaften der Universität Luxemburg. In einer bahnbrechenden Veröffentlichung legen sie eine völlig neue Definition der mysteriösen dunklen Energie dar. Publiziert wurde sie im Januar 2023 in der renommierten Fachzeitschrift Physical Review Letters.

Um die Tragweite dieser Veröffentlichung besser zu verstehen, haben wir uns mit Prof. Tkatchenko unterhalten.

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Biografie: Alexandre Tkatchenko

Alexander Tkatchenko ist Professor am Fachbereich Physik und Materialwissenschaften an der Universität Luxemburg, wo er einen Lehrstuhl für theoretische Chemie und Physik innehat. Seit Januar 2020 ist er auch Leiter dieses Fachbereichs. Er ist außerdem Gastprofessor an der Technischen Universität Berlin.

Seine Gruppe entwickelt präzise und effiziente Rechenmodelle zur Untersuchung einer breiten Palette komplexer Materialien mit dem Ziel, ihre strukturellen, kohäsiven, elektronischen und optischen Eigenschaften auf atomarer Ebene und darüber hinaus qualitativ zu verstehen und quantitativ vorherzusagen.

Prof. Tkatchenko hat weltweit mehr als 300 Vorträge, Seminare und Kolloquien gehalten und ~200 Artikel in renommierten Zeitschriften veröffentlicht. Er hat eine Reihe von Auszeichnungen erhalten, darunter den APS Fellow der American Physical Society, den Gerhard Ertl Young Investigator Award der German Physical Society, die Dirac-Medaille der World Association of Theoretical and Computational Chemists (WATOC), den van der Waals-Preis der International Conference on Non-Covalent Interactions (ICNI) und fünf Flagship Grants des Europäischen Forschungsrates: Einen Starting Grant im Jahr 2011, einen Consolidator Grant im Jahr 2017, einen Advanced Grant im Jahr 2022 sowie Proof-of-Concept Grants in den Jahren 2020 und 2023.

Was ist dunkle Energie und welches Problem stellt sie dar?

Dunkle Energie soll allgegenwärtig sein, doch der größte Teil befindet sich offenbar zwischen den Sternen. Sie könnte bis zu 70% der Energie in unserem Universum ausmachen.

"Dunkle Energie bestimmt die dynamische Entwicklung des gesamten Universums. Ohne sie kann man es nicht verstehen", sagt Tkatchenko.

Aber wenn sie allgegenwärtig ist, warum wissen wir dann so wenig über sie?

"In unserem täglichen Leben spüren wir ihren Einfluss nicht. Sie befindet sich in unseren Tischen und in aller übrigen Materie, aber wir haben keine Möglichkeit, sie mit unseren Instrumenten zu "fühlen" - alle anderen Einflüsse auf Erden sind stärker. Für uns scheint sie daher auf den ersten Blick von geringem Interesse zu sein. Für das Universum ist sie jedoch das wichtigste Phänomen: Sie ist die Kraft, die der Gravitation entgegenwirkt". Gravitation beschreibt die Anziehungskraft zwischen massereichen Objekten, wie z. B. Galaxien.

Man kann sich das also wie zwei Hände vorstellen, die an der Fabrik des Universums zerren: Die eine - Gravitation - rollt das Tuch zu einem Ball zusammen, die zweite - dunkle Energie - dehnt es. Letztere scheint den Kampf zu gewinnen, indem sie das Universum vor dem Kollaps bewahrt und sogar die „Dehnung des Tuches“ – sprich, die Expansion des Universums – beschleunigt.

Das Problem: Berechnet man ihren Wert - mithilfe der kosmologischen Konstante - durch die Quantenfeldtheorie, findet man ein Ergebnis, das um 60 bis 120 Größenordnungen höher liegt als jenes, was unsere Teleskope im Weltall messen! Dies macht eine Darstellung der dunklen Energie unmöglich, und stört somit unser Verständnis des gesamten Universums.

Dank des neuen Ansatzes, den das Team von Professor Tkatchenko entwickelt hat, könnte diese Diskrepanz nun behoben werden: Quantenphysik und Astrophysik würden sich endlich auf ein und denselben Wert für die kosmologische Konstante einigen.

Was bedeutet das nun? Um es besser zu verstehen, sollten wir zunächst die kosmologische Konstante definieren.

Was ist die kosmologische Konstante und wie hängt sie mit der dunklen Energie zusammen?

Prof. Tkatchenko erklärt: "Unsere Teleskope (Hubble, Planck und Webb) führen Messungen im Weltall, genauer gesagt im interstellaren Vakuum, durch. Anhand dieser Daten lassen sich bestimmte Parameter von Raum und Zeit bestimmen. Einer dieser Parameter ist die sogenannte kosmologische Konstante, die seit 100 Jahren aufgrund der Einstein’schen Gleichungen bekannt ist.

Diese Konstante definiert im Wesentlichen die Energiedichte des Vakuumfeldes, oder auch das, was wir gemeinhin als dunkle Energie bezeichnen."

Aber welche Dichte könnte die Energie des Vakuums wohl haben?

"Es ist eine wahrhaft winzige Energiedichte an jedem Punkt des Weltraums", stellt Tkatchenko fest. Die Energiedichte der Materie (des Tisches, der Erde ...) ist viel höher als die des Vakuums. Letztere macht jedoch einen enormen Prozentsatz der gesamten Energiedichte des Universums aus: ganz einfach, weil das Universum ziemlich leer ist! Es gibt nicht viel Materie, dafür aber enorm viel Weltraum".

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Eine kleine Geschichte der kosmologischen Konstante Λ

Die kosmologische Konstante wurde ursprünglich 1917 von Albert Einstein in seine Gleichungen eingefügt, um seine Überzeugung aufrechtzuerhalten, dass das Universum statisch sei - sprich, unverändert in der Zeit.

Einige Jahre später entdeckte der amerikanische Astronom Edwin Hubble, dass sich die Galaxien wie in einem gedehnten Netz voneinander entfernen. Somit war bewiesen, dass das Universum alles andere als statisch ist.

Die kosmologische Konstante bereitete Einstein fortan große Probleme, so dass er sie angeblich als den „größten Fehler seines Lebens“ bezeichnete. Schließlich setzte er sie in seinen Gleichungen auf null und schuf damit 1931 das sogenannte Einstein-De-Sitter-Modell der Raumzeit... Doch dann kamen in den 1990er Jahren neue Erkenntnisse durch Weltraumteleskope hinzu, die eine Beschleunigung der Ausdehnung des Universums zeigten! Und diese Beschleunigung wird tatsächlich durch eine positive kosmologische Konstante beschrieben, deren genauer Wert noch bestimmt werden muss.

Einstein hatte also unfreiwillig Recht behalten.

Welches Problem birgt die kosmologische Konstante?

Die Quantenfeldtheorie sagt eine enorme Energiedichte des Vakuums voraus (etwa 10^114 J/m3; oder, als Masse ausgedrückt: 10^95 g/cm3, wenn die Planck-Länge von 10−35 m verwendet wird); wenn dies aber der Fall wäre, so würde die Fabrik des Universums zerreißen. Die astronomischen Daten hingegen weisen darauf hin, dass eine solche kosmologische Konstante (als Masse ausgedrückt) nur 10^-29 g/cm3 betragen muss – was je nach Berechnungsmethode eine Diskrepanz von 60 bis 120 Größenordnungen darstellt!

Diese absolut kolossale Diskrepanz wird manchmal auch als "Vakuum-Katastrophe" bezeichnet und stellt derzeit eines der größten Probleme der Physik dar.

Sie zu lösen würde es der Quantenfeldtheorie ermöglichen, endlich mit der allgemeinen Relativitätstheorie gleichzuziehen - eine regelrechte Revolution in der Wissenschaft, vom unendlichen Kleinen bis zum unendlich Großen.

Welche Lösung schlägt das Team von Prof. Tkatchenko vor?

Zunächst wollen wir ihre Veröffentlichung erklären.

Das Vakuum ist nicht leer (das wäre zu einfach!). In Wirklichkeit besitzt das "Vakuum", also der materiefreie Weltraum, eine Energie und kann als Quantenfeld betrachtet werden.

"In Quantenfeldern gibt es vorübergehende Fluktuationen von Teilchen-Antiteilchen-Paaren. Anders formuliert sind das „virtuelle Anregungen“", erklärt Prof. Tkatschenko.

Man könnte sich dies als das spontane Erscheinen von Teilchen vorstellen, die zwar eine winzige Lebensdauer haben, aber während ihrer kurzen Existenz in der Lage sind, wie jedes andere Teilchen miteinander zu interagieren. Ähnlich wie Geister, die in einem leeren Raum auftauchen, ein paar Worte austauschen und im Nu wieder verschwinden. Und deswegen ist das Vakuum nicht leer.

Diese "virtuellen Anregungen" bilden zudem winzig kleine Dipole: Die Geister in unserem leeren Raum spielen sozusagen in Zweierpaaren Tennis, bevor sie wieder verschwinden.

In der Physik kann ein Dipol magnetisch oder elektrisch sein. Der einfachste elektrische Dipol besteht aus einer positiven und einer gleich großen negativen Punktladung. Dies ist der Fall bei virtuellen Elektron-Positron-Paaren, die sich im Vakuum bilden. Diese Paare interagieren dann mit dem elektromagnetischen Feld, wodurch sich das Vakuum wie ein polarisierbares Medium verhält.

Die Polarisation eines Dipols ist seine Reaktion auf ein elektrisches Feld; die Trennung von positiven und negativen elektrischen Ladungen innerhalb eines Systems ist ein Maß für seine Polarisationsfähigkeit.

"Die Wechselwirkungen dieser Dipole führen zu einer Polarisationsdichte des Vakuums. Dies bezeichnen wir als 'Selbst-Interaktion des Vakuums'. Unser Hauptbeitrag ist die Definition dieser Polarisation".

Und genau das ist die innovative - und besonders elegante - Idee, die seiner Arbeit zugrunde liegt. Denn diese intrinsische und begrenzte Polarisation des Vakuums kann gemessen, berechnet und in die bereits existierenden Gleichungen der Physik integriert werden.

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Ein Ansatz, der durch seine Eleganz überzeugt

Diese neue Art, das Vakuum zu begreifen, geht sparsam mit Konzepten um. Sie führt kein neues Feld, keine neuen Teilchen oder Konstanten ein. Sie entsteht aus einem bereits bestehenden Rahmen und ist in dieser Hinsicht besonders elegant. 

Solch eine Herangehensweise befriedigt Ockhams Rasiermesser, auch als "Sparsamkeitsprinzip" bekannt: Demnach ist die einfachste Theorie auch diejenige, die am wahrscheinlichsten richtig ist. Ockhams Rasiermesser ist zwar umstritten, prägt jedoch weiterhin das wissenschaftliche Denken weltweit. Insbesondere im außerordentlich komplexen Bereich der Quantenmechanik ist es von Vorteil, da jede neu eingeführte Entität einen ganzen Rattenschwanz frischer, unlösbarer Probleme hinter sich herzieht.

Es war übrigens das Sparsamkeitsprinzip, das Einstein mit der kosmologischen Konstante verärgerte: wie gerne er doch auf sie verzichtet hätte!

"Wir haben diese Polarisation in früheren Studien definiert. Dafür sind wir von atomaren Modellen ausgegangen", erklärt Tkatchenko weiter. "Normalerweise geht man bei der Beschreibung solcher Phänomene von der Quantenmechanik aus, aber die QFT hilft uns nicht wirklich dabei, die Natur der Realität zu verstehen. Wir sind also den umgekehrten Weg gegangen und haben uns von dem inspirieren lassen, was wir über die molekulare Welt wissen, um es auf Quantenfelder anzuwenden."

Und nun das faszinierende Ergebnis: "Der von uns erhaltene Wert stimmt mit dem beobachteten Wert der kosmologischen Konstante Λ überein. Genauer gesagt liegt er zwischen den beiden jüngsten Messungen der kosmologischen Konstante, die von der Planck-Mission und dem Hubble-Weltraumteleskop erhalten wurden."

Dem Team von Prof. Tkatchenko ist es also gelungen, eine kosmologische Konstante zu extrahieren, die mit den astrophysikalischen Beobachtungen übereinstimmt.

Was ist nun der Titel dieser Veröffentlichung? Er ist "Casimir Self-Interaction Energy Density of Quantum Electrodynamic Fields" ("Casimir-Selbst-Interaktions-Energiedichte von elektrodynamischen Quantenfeldern"). Glasklar!

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Rätselhafte Quantenmechanik

Eine der spannendsten Debatten der Physik fand zwischen zwei guten Freunden statt: Niels Bohr, Mitgründer der Quantenmechanik, und Albert Einstein, Vater der allgemeinen Relativitätstheorie. Ihre gegensätzlichen Visionen beschreiben nichts Geringeres als die Realität, wie wir sie wahrnehmen; oder besser gesagt, die Realität, wie sie unabhängig von unserer Wahrnehmung tatsächlich stattfindet.

Folgende ontologische Frage veranschaulicht das Problem: Macht der Baum beim Fallen ein Geräusch, wenn niemand da ist, um es zu hören? Anders formuliert: Existiert die Realität, wie wir sie uns vorstellen, unabhängig von uns als Beobachter - und wenn ja, wie sieht sie aus?

Für Einstein bleibt der Baum ein visualisierbares Objekt mit einer klar definierten Farbe, Form und Fallgeschwindigkeit, ob wir nun da sind oder nicht. Doch für Bohr und die Quantenphysik ist das nicht mehr der Fall. Der Baum, den niemand beobachtet, befindet sich in allen Zuständen gleichzeitig: Er fällt und fällt nicht, seine Farbe und seine Form sind nicht festgelegt. Misst man nun einen seiner Parameter, wie z. B. seine Fallgeschwindigkeit, so wird man seine Farbe nicht mehr erfahren können - und umgekehrt.

Ein weiteres Beispiel ist Schrödingers Katze. In diesem Gedankenexperiment wird eine Katze mit einer radioaktiven Quelle und einer Giftampulle eingesperrt. Wenn ein Atom der radioaktiven Quelle - also ein Element aus der Quantenwelt - zerfällt, zerbricht das Fläschchen und die Katze stirbt. Solange wir es aber nicht beobachten, ist die Katze gleichzeitig lebendig und tot, denn das radioaktive Element befindet sich in allen Zuständen gleichzeitig, und zwar so lange, bis wir es durch die Messung selbst dazu zwingen, einen bestimmten Zustand anzunehmen. Denn in der Quantenmechanik befindet sich das Wellenpaket, das unserem Atom entspricht, bis zur Messung in einer Überlagerung von mehreren gleich wahrscheinlichen Zuständen (in diesem Fall: intakt und/oder zerfallen). Doch obwohl unser Verstand diesen Überlagerungszustand für ein Element der Quantenwelt akzeptiert, fällt es uns schwerer, dies auch für ein makroskopisches Objekt zu tun! 

Was ist nun mit unserem Baum? Wie können wir ihn uns vorstellen? Die Quantenmechanik, eine spektakulär effiziente Theorie (verantwortlich u.a. für wichtige Innovationen wie Laser, Transistoren, GPS-Uhren...), liefert keine visuell darstellbare Antwort. Sie lehrt uns, dass man ein Werkzeug durchaus benutzen kann, ohne es zwangsläufig zu verstehen. Konkret können wir die Tatsache, dass sich der unbeobachtete Baum in allen Zuständen gleichzeitig befindet, zwar nutzen - zum Beispiel, um einen bunten Wald zu pflanzen; wir haben jedoch keinerlei Möglichkeit, ihn uns konkret vorzustellen. Und sobald unsere Augen ihn erblicken, verliert er sein regenbogenfarbenes Gewand und nimmt seine endgültige Farbe an.

So wird man entweder verrückt oder ganz schön neugierig!

Der Casimir-Effekt

Der Casimir-Effekt, auch bekannt als Casimir-Kraft, ist eine (sehr schwache) Kraft, die von den Quantenfluktuationen im Vakuum stammt. Sie ist nach dem niederländischen Physiker Hendrik Casimir benannt, der sie 1948 zum ersten Mal beschrieb.

Der Casimir-Effekt lässt sich folgendermaßen veranschaulichen: Man stelle sich zwei Spiegel vor, die sich in einem Abstand von einigen Nanometern zueinander im Vakuum befinden. Je näher sie beieinander liegen, desto schwieriger wird es, sie auseinanderzuziehen. Es ist, als würde das Vakuum sie gegeneinander "drücken"... In der Tat verändern die Spiegelplatten die Quantenfluktuationen durch ihre Präsenz: Vereinfacht beschrieben sind die virtuellen Photonen, die um sie herum auftauchen, den Photonen zwischen den Platten zahlenmäßig überlegen, was eine positive Kraft erzeugt.

Der Casimir-Effekt hat eine überraschende Tragweite. Er könnte sogar für den Ursprung des Universums verantwortlich sein: Mutmaßlich waren es nichts anderes als Vakuumfluktuationen, die für die Entstehung von Sternen und Galaxien sorgten.

Der Casimir-Effekt hat außerdem einen direkten Einfluss auf die derzeit entwickelte Nanotechnologie (man kann sich leicht vorstellen, wie solch eine Kraft zum Problem wird, wenn verschiedene Komponenten plötzlich ungewollt aneinander kleben...).

 

 

Quelle: Wikipédia Commons ; Autor : Emok

Wurde dieser neue Ansatz bereits erprobt?

Wie immer in der Wissenschaft bedarf jede neue Theorie einer rigorosen Testphase, um ihre Gültigkeit zu überprüfen. Wenn sich die von ihr erzeugten Vorhersagen in den Experimenten wiederfinden, dann ist sie gültig, bis das Gegenteil bewiesen ist.

Tkatchenko's Fazit: "Unsere Vorhersage ist, dass es eine intrinsische Polarisation des Vakuumfeldes gibt, selbst wenn keine Materie vorhanden ist. Es handelt sich um eine falsifizierbare Vorhersage, und wir hoffen, dass zukünftige Experimente sie bestätigen werden. In diesem Fall wird es dann unbestreitbar sein, dass der von uns gefundene Wert die kosmologische Konstante ist". Diese Vorhersage muss nun also experimentell bestätigt werden.

Andererseits könnte die Quantenfeldtheorie sie rechnerisch bestätigen. "Einige Experten in meiner Gruppe arbeiten derzeit daran", sagt Tkatchenko.

Wünschen wir ihnen viel Erfolg!

Abgesehen von der Berechnung der kosmologischen Konstante: Welche Bedeutung hat dieser neue Ansatz, welche Möglichkeiten bietet er?

Die Möglichkeiten sind immens!

Wenn sich die Herangehensweise von Prof. Tkatchenko und seinem Team als richtig erweist, könnte sie sogar die Gravitation integrieren. Dies würde endlich den Weg zu einer großen, vereinenden Theorie der allgemeinen Relativität und der Quantenmechanik ebnen. Eine solche Theorie würde die Welt der Physik revolutionieren.

Bisher konnte die Gravitation, eine der vier grundlegenden Wechselwirkungen des Universums (Gravitation, Elektromagnetismus, starke und schwache Kernkraft), nicht durch die Quantenmechanik beschrieben werden. In der Welt des unendlich Kleinen sind die drei anderen Kräfte extrem stark und stellen die Wirkung der Gravitation so weit in den Schatten, dass sie für Berechnungen nicht mehr zugänglich ist.

"Aus unserem Modell", stellt Tkatchenko fest, "konnten wir bereits eine Ableitung erhalten, die der Gravitationskraft zu entsprechen scheint. Die Gravitation zu integrieren ist etwas, das noch nie zuvor gemacht wurde."

Die Gravitation wird auch heute noch am besten durch die Allgemeine Relativitätstheorie beschrieben, die 1915 von Albert Einstein aufgestellt wurde. Ein Teil der Arbeit wird Marcel Grossmann und David Hilbert zugeschrieben. Diese Theorie hat das Verständnis des Universums grundlegend verändert.

Ein gern verwendetes Bild, um sie zu erklären, ist das eines gespannten Tuches (die Raumzeit), über das eine Kugel rollt. Die Masse der Kugel verformt das Tuch und erzeugt jene Krümmung der Raumzeit, die wir als "Gravitation" bezeichnen. Es handelt sich also nicht um eine Kraft im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr um die Manifestation dieser Krümmung.

Die allgemeine Relativitätstheorie umfasst und übertrifft die von Isaac Newton aufgestellte Gravitationstheorie (der berühmte fallende Apfel), welche auf kleine Geschwindigkeiten und schwache Gravitationsfelder beschränkt ist.

Einige Beispiele praktischer Anwendungen?

Das Verständnis der quantenmechanischen Wechselwirkungen ermöglicht ihre Anwendung in der Praxis. Tkatchenko nennt als Beispiel den Polymorphismus molekularer Kristalle: Einige Medikamente liegen in Tablettenform (Kristalle) vor, und je nach Struktur dieser Kristalle funktioniert der Wirkstoff des Medikaments - oder eben nicht. "Wir wissen, welche Wechselwirkungen die funktionellen Formen von Medikamenten stabilisieren. Dies ist ein Beispiel für etwas sehr Nützliches; die von meinem Team entwickelten Methoden werden bereits routinemäßig von der Pharmaindustrie eingesetzt".

Im Bereich der Nanotechnologie könnte ihre Arbeit ebenfalls sehr konkrete Anwendungen finden: Die Casimir-Kräfte beeinträchtigen bis zur Zusammensetzung von Nano- und Mikromaterialien und stellen somit ein erhebliches logistisches Problem dar; sie zu beherrschen ist demnach nicht unwesentlich.

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Worin besteht die Arbeit der Forscher in theoretischer Physik und Chemie in Luxemburg?

Prof. Tkatchenko erklärt: "Alle Wechselwirkungen in der Natur gehören zur Quantenmechanik: Aggregation, Protein-Protein-Wechselwirkung.... Diese Theorie lässt sich jedoch nur schwer auf große Systeme anwenden. Die Gleichungen sind sehr komplex und die Objekte, die sie manipuliert (i.e. die Wellenfunktionen), sind fast unmöglich zu visualisieren."

Die Arbeitsgruppe für theoretische Chemie und Physik an der Universität Luxemburg arbeitet daran, das Verständnis der Quantenmechanik auf Systeme im Nanometerbereich auszuweiten - sprich, Systeme mit mehreren tausend Atomen - indem sie Chemie, Physik, Biologie, Mathematik und Informatik miteinander verbindet.

Ihre Arbeit reicht also vom Atom bis zum Kosmos, vom unendlich Kleinen bis zum unendlich Großen.

Ein kleines Schlusswort?

Laut Prof. Tkatchenko ist die dunkle Energie in Wirklichkeit leuchtend, da sie durch die Wechselwirkung von Photonen mit einem elektrischen Feld entsteht...

Wenn unsere Kinder also nächstes Mal in den Himmel schauen und uns fragen, was sich zwischen den Sternen befindet, können wir ihnen diese sehr schöne Antwort geben: Lichtenergie.

 

 

Autorin: Diane Bertel
Redaktion: Michèle Weber (FNR), Lucie Zeches (FNR)
Übersetzung: Nadia Taouil (t9n.lu)

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