Links oben: Joël Mossong; Rechts oben: Paul Wilmes; Links unten: Dirk Brenner; Rechts unten: Claude Muller

Wie wird der Corona-Winter? Kommt eine neue, gefährlichere Mutation – oder wird die Pandemie immer harmloser? Wird es wieder zu Einschränkungen kommen, oder nicht? Und soll ich mich mit den neuen Omikron-Impfstoffen impfen lassen, oder nicht? Dies sind lauter Fragen, die viele Menschen sich aktuell stellen. Wir haben sie weitergereicht an 4 Experten. Es ist natürlich nicht möglich für Wissenschaftler, die Zukunft vorauszusagen. Sie können jedoch sehr wohl die aktuelle Lage einschätzen und einordnen, welche Szenarien wahrscheinlicher sind als andere. 

Wir haben 3 Fragen gestellt an:

- Prof. Paul Wilmes, Professor für System-Ökologie, Luxembourg Centre for Systems Biomedicine, University of Luxembourg

- Prof. Dr. Dirk Brenner, Immunologe und Genetiker am Luxemburg Center für System Biomedicine (LCSB) und am Luxembourg Institute of Health

- Prof. Dr. Claude Muller, Virologe am Luxembourg Institute of Health

- Dr. Joël Mossong, Epidemiologe in der Gesundheitsinspektion

 

Was denken Sie: Wie wahrscheinlich ist eine neue, gefährlichere Corona-Variante im Herbst/Winter? / Que pensez-vous : Quelle est la probabilité d'une nouvelle variante de Corona plus dangereuse à l'automne/hiver prochain ?

Dr. Joël Mossong:

Es wird eine neue Variante geben, die sich durchsetzt. Es wird eine neue Winterwelle geben. Dass eine neue, tödlichere Variante hervortritt, ist im Moment aber eher unwahrscheinlich. Der Grund ist die hybride Immunität. Das heißt, in Luxemburg sind beispielsweise etwa dreiviertel aller Menschen geimpft und über die Hälfte hatte schon mindestens einen positiven PCR-Test. Dadurch sind die verschiedenen Untervarianten von Omikron alle weniger virulent als der ursprüngliche Wuhan-Typ. Außerdem ist die Kreuzimmunität zwischen verschiedenen Omikron-Varianten hoch. Omikron ist aber ein Glücksfall. Es lässt sich also nicht gänzlich ausschließen, dass eine virulentere Variante entsteht.

Prof. Dr. Dirk Brenner:

Es wäre naiv zu glauben, dass nach Omikron Schluss ist. Und wir werden sicher eine Welle im Herbst oder Winter bekommen. Dass eine neue Variante aber gefährlicher sein wird, halte ich für wenig wahrscheinlich. Ich denke, SARS-CoV-2 wird sich langfristig zu einem eher harmlosen Erkältungsvirus entwickeln. Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass es auch die eine oder andere Variante geben wird, die gefährlicher ist. Mit unserem Verhalten können wir aber tatsächlich die Entstehung neuer Varianten beeinflussen. Je mehr Menschen komplett geimpft, geboostert oder geimpft-infiziert sind, umso weniger Raum wird dem Virus gegeben und aufgrund der ausgebauten Immunität ist dann mit milderen Krankheitsverläufen zu rechnen. Es kommt also zu einem Wechselspiel zwischen Immunität und Virusevolution an dem am Ende eine eher mildere, an unser Immunsystem angepasste Mutante stehen wird.

Prof. Dr. Claude Muller:

Ich gehe nicht davon aus, dass es im kommenden Winter eine neue gefährliche Variante geben wird. Ich hielt es schon vor Monaten für das Wahrscheinlichste, dass sich die Omikron-Variante wegen ihrer günstigen intrinsischen Viruseigenschaften und dem kollektiven Impfschutz immer mehr zu einem relativ harmlosen Coronavirus entwickelt. Sie ähnelt dann anderen saisonal auftretenden harmloser Coronaviren. Natürlich könnte ich mich täuschen. Aber ich habe dies bereits vor vier Monaten gesagt und es gibt bisher keine Anzeichen, dass es anders kommt. Deshalb bleibe ich bei dieser Einschätzung.

Prof. Dr. Paul Wilmes:

Étant donné que la sous-variante BA.5 d'Omicron reste actuellement dominante au Luxembourg et en Europe, il est probable que les infections avec des descendants de cette sous-variante constitueront la majorité des cas en automne et éventuellement en hiver. La combinaison de BA.5 d'une virulence relativement faible mais d'une transmissibilité élevée signifie qu'une nouvelle variante avec une virulence plus élevée devrait également être beaucoup plus transmissible. Compte tenu des propriétés intrinsèques du virus SARS-CoV-2 et de sa dynamique évolutive, cela n'est pas inconcevable car en particulier Omicron a également émergé en Afrique du Sud sans aucune souche apparentée. Cependant, au cours des dernières mois, l'émergence de nouvelles variantes sans aucune souche apparentée et avec le potentiel de devenir dominantes a été très rare depuis l'émergence d'Omicron, de sorte qu'un tel scénario est peu probable. Cependant, nous devons encore comprendre la dynamique évolutive et les contraintes du SARS-CoV-2. Seul le temps nous le dira vraiment.

Was denken Sie: Wie wahrscheinlich ist es, dass wir wieder mit neuen Einschränkungen leben müssen im kommenden Herbst/Winter? / Que pensez-vous : Quelle est la probabilité que nous devions à nouveau vivre avec des restrictions en automne/hiver prochain ?

Prof. Dr. Dirk Brenner:

Ob es einen Lockdown geben wird, ist keine Frage, die ein Wissenschaftler beantworten sollte. Wir können lediglich den aktuellen Stand des Wissens aufzeigen. Entscheidungen für oder gegen starke Einschnitte in unser aller Leben sind einzig und allein die Sache der politischen Entscheidungsträger.

Prof. Dr. Claude Muller:

Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass wir im kommenden Herbst und Winter wieder mit neuen Einschränkungen leben müssen. Die Einschränkungen waren punktuelle Maßnahmen. Ihre Wirkung ließ mit Ende der Maßnahmen nach. Sie hatten keine Nachhaltigkeit. Der hohe kollektive Impfschutz ist nachhaltig und löst die verschiedenen Maßnahmen wie Maskentragen, Social Distancing, ad hoc testen und so weiter ab.

Prof. Dr. Paul Wilmes:

Si les sous-variantes d'Omicron restent en circulation et la vaccination à l'aide de rappels des personnes vulnérables avance bien (en particulier avec des vaccins bivalents adaptés à Omicron ; voir ci-dessous), il est peu probable que nous soyons confrontés à des restrictions majeures dans notre vie quotidienne au cours de l'automne et l'hiver.

Dr. Joël Mossong: 

Viele Länder – vielleicht mal mit Ausnahme von Deutschland – bauen Einschränkungen eher ab, als dass sie neue vorbereiten. Wir sollten hier auch keine Panik machen.

Was denken Sie: Sollten sich alle Geimpften den 2. Booster geben lassen? Und wenn ja: besser auf den Omikron-Impfstoff warten, oder besser den „alten“ Impfstoff nehmen? / Que pensez-vous : toutes les personnes vaccinées devraient-elles se faire administrer le 2e booster ? Et si oui : vaut-il mieux attendre le vaccin adapté au variant Omicron, ou mieux prendre l"ancien" vaccin ?

Prof. Dr. Claude Muller:

Ich denke, der zweite Booster ist für alle sinnvoll. Vor allem aber für die, die ein erhöhtes Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs haben, etwa auf Grund von Vorerkrankungen oder Alter. Wo dieser bereits verfügbar ist, sollte man sich auf jeden Fall mit dem angepassten bivalenten Impfstoff impfen lassen. Dieser enthält sowohl den ursprünglichen Impfstoff gegen die Wuhan Variante als auch gegen Omikron BA. 1 Variante. Er boostet also gezielt den Schutz gegen beide Varianten und bietet eine Kreuzprotektion gegen andere Varianten. Und wo er noch nicht verfügbar ist: Besser impfen als warten.

Dr. Joël Mossong:

Wer zu einer Personengruppe gehört, für die ein zweiter Booster offiziell empfohlen wurde, der sollte ihn sich schon jetzt holen. Egal ob „alter“ oder „neuer“ Impfstoff. Aber auch wer nicht zu einer der Risikogruppen gehört, sollte seinen Impfschutz auffrischen lassen.

Prof. Dr. Paul Wilmes:

Sur la base des données disponibles depuis l'émergence des sous-variantes d'Omicron à la fin de l'année dernière (y compris du Luxembourg), les vaccins COVID-19 originaux continuent de fournir une bonne protection contre la maladies grave, l'hospitalisation et la mort. Cependant, les nouveaux vaccins bivalents adaptés à Omicron offrent une protection encore meilleure en supposant que les lignées Omicron restent dominantes (probablement ; voir la réponse à la première question). Dans ce contexte, un rappel avec les nouveaux vaccins serait souhaitable. Si une lignée complètement nouvelle apparaîtrait dans les mois à venir (voir réponse à la première question), il serait important d'évaluer immédiatement l'efficacité des vaccins disponibles contre une telle variante.

Prof. Dr. Dirk Brenner:

Alle Geimpften sollten sich auch ein zweites Mal boostern. Soweit verfügbar, sollten wir dabei auf die neuen, angepassten Impfstoffe zurückgreifen.

 

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