Universität Luxemburg

Prof. Dr. Peter Gilles, Professor für Linguistik an der Universität Luxemburg

Am 26. September feiert Europa seine Sprachen und Kulturen – und wir unser Luxemburgisch. Ein guter Anlass, das „Lëtzebuergesch“ genauer unter die Lupe zu nehmen: Was ist überhaupt typisch Luxemburgisch? Und wie verändern Migration, Mehrsprachigkeit und digitale Medien die Art, wie wir sprechen oder schreiben? Antworten liefert Prof. Dr. Peter Gilles vom Institut für Luxemburger Sprache und Literatur der Universität Luxemburg.

Prof. Dr. Peter Gilles ist seit 2006 Professor für Linguistik an der Universität Luxemburg und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Luxemburgischen (Phonetik, Phonologie, Soziolinguistik und Sprachvariation). Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt an der Schnittstelle von Sprachwissenschaft und digitalen Technologien, etwa in der automatischen Spracherkennung und der Entwicklung digitaler Forschungsressourcen für das Luxemburgische. Zu seinen zentralen Projekten gehört Lux-ASR, ein automatisches Spracherkennungssystem für Luxemburgisch, das unter anderem für die Transkription von Parlamentsdebatten und im Medienbereich eingesetzt wird. Seine wissenschaftliche Arbeit verbindet Grundlagenforschung zur Struktur, Geschichte und Variation des Luxemburgischen mit dem Ziel, die Sprache durch digitale Methoden und Sprachtechnologien auch für die Zukunft weiterzuentwickeln. 

Seit wann gibt es Luxemburgisch als Sprache?

Peter Gilles: Aus Sicht der Forschung entstand die Luxemburgische Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis dahin sprachen die Menschen in Luxemburg selbst von Luxemburgisch als ihrem Dialekt. Die grausamen Erfahrungen des Weltkriegs, als die Deutschen das Großherzogtum besetzten, in der Folge faktisch annektierten und zu germanisieren versuchten, brachte die Abkehr vom Deutschen und den entscheidenden ideologischen Umschwung. Mit der erstarkten eigenen nationalen Identität hatten immer mehr Menschen das Gefühl: Luxemburgisch kann kein Dialekt mehr sein! Was zehn Jahre zuvor noch als moselfränkischer Dialekt galt, empfanden sie nun als ihre Muttersprache. Die Politik griff diese Entwicklung auf und verankerte Luxemburgisch 1984 per Gesetz offiziell als Nationalsprache und 2023 in der Verfassung. Luxemburgisch wurde also aus der historischen Erfahrung heraus zur Sprache erklärt.

Dahinter steht keine linguistische Entwicklung?

Peter Gilles: Eine Sprache entwickelt sich kontinuierlich. Die Menschen sprachen nach dem Zweiten Weltkrieg aber mehr oder weniger genauso wie vorher. Man änderte aus politischen Gründen einfach die Bezeichnung. Die kulturelle Basis dafür legten bestimmte intellektuelle Kreise bereits im 19. Jahrhundert. Damals gab es schon erste Stimmen, die Luxemburgisch als Sprache betrachteten. Literarische Werke Luxemburger Autoren wie Dicks, Michel Lentz oder Michel Rodange gingen in ihrem Anspruch weit über einen Dialekt hinaus. Auch frühe Forschungen von Sprachlehrern wie René Engelmann trugen dazu bei, dass man das Luxemburgische bewusster wahrnahm. So beobachtete Engelmann, dass es im Großherzogtum viele Dialektvarianten gab, diese aber im Gebiet um die Hauptstadt herum vereinheitlicht wurden. Auch das war wichtig, damit aus dem Dialekt eine Sprache werden konnte.

Warum ist Vereinheitlichung wichtig?

Peter Gilles: Ein städtisches Zentrum übernimmt eine sprachliche Vorbildfunktion. Jeder bringt von daheim einen bestimmten Dialekt mit – Viandener, Differdinger oder Remicher Dialekte zum Beispiel. Doch bei Begegnungen in der Hauptstadt passte man sich im Laufe der Zeit aneinander an und benutzte eine Reservesprache – eine Version des Luxemburgischen, die jeder versteht. Das förderte die Akzeptanz der Sprache. Dieser einheitliche Dialekt erhielt dann durch die Entwicklung Luxemburgs zur Nation die Chance, sich zur Nationalsprache auszubilden. Sprache ist also immer auch ein historisches Produkt, man kann sie nicht von der Landesgeschichte trennen. Die niederländische Provinz Limburg zum Beispiel, in der man ebenfalls einen eigenständigen Dialekt sprach, wurde nie zu einem unabhängigen Staat, und so konnte sich das Limburgische nicht zu einer Nationalsprache entwickeln.

Worin unterscheidet sich Luxemburgisch am stärksten von der deutschen Sprache? 

Peter Gilles: Vor allem durch die Aussprache und den grammatischen Aufbau der Wörter. Bei vielen Wörtern erkennt man die Verwandtschaft mit dem Deutschen, doch sie klingen auf Luxemburgisch ganz anders. Beispielsweise „haut“ statt „heute“. Viele Unterschiede liegen auch in den Lauten: Man sagt Duerf statt Dorf, Brout statt Brot, benutzt also Doppellaute aus zwei Vokalen innerhalb einer Silbe.

Der Wortschatz des Luxemburgischen weist viele Ähnlichkeiten mit Wörtern in der Eifel oder generell im Deutschen auf. Im Luxemburgischen haben sich jedoch mehr historische, archaische Wörter erhalten, die im Standarddeutschen verloren gegangen oder nur noch regional gebräuchlich sind - so erinnert die Luxemburger „Gromper“ an die deutsche „Grundbirne“, die heute Kartoffel genannt wird.

Die Satzstruktur ist vergleichbar mit dem Deutschen, und auch die Grammatik der beiden Sprachen ähnelt einander – mit Ausnahme der Grammatik der Verben. Während die unregelmäßigen Verben im Deutschen über die Zeit stark vereinheitlicht wurden, kennt das Luxemburgische viel mehr komplexe, unregelmäßige Verben und ist deshalb besonders schwer zu erlernen. Man denke etwa an „leien“ (liegen) - ech louch oder ech loung, ech hunn hei geleeën – oder „jäizen“ (schreien) - ech hu gejaut. 

Außerdem benutzt man im Luxemburgischen viel mehr Lehnwörter aus anderen Sprachen. Verwaltungsbegriffe werden oft aus dem Französischen übernommen, aber auch Begriffe wie „Tortikolli“ (steifer Nacken) oder Markennamen, die sich verselbständigt haben, wie die „Marcel“ für Unterhemden oder der „Bic“ für den Kugelschreiber. Für das Mobiltelefon nutzen wir die deutsche Neuschöpfung „Handy“, und unser IT-Wortschatz bedient sich aus dem Englischen, von der E-Mail bis zur Firewall.

Verschwinden immer mehr luxemburgische Wörter, weil sie verdeutscht werden – etwa, wenn „houfreg“ durch „stolz“ ersetzt wird?

Peter Gilles: Diese und andere Triggerwörter lösen immer wieder Diskussionen um die Reinheit des Luxemburgischen und die Bewahrung historisch gewachsener Begriffe aus. Dazu gehören auch der „Kéiseker“ statt des „Igel“ oder die „Harespel“ statt der „Wesp“. Doch deutsche Lehnwörter gehören zur luxemburgischen Sprache und oft gab es sie in bestimmten Landesregionen schon immer. So sagt man im Norden auch „Igel“, aber mit stimmhaftem g wie in „Gara-ge“. In der Hauptstadt spricht man vom Sohn als „Fils“, anderswo vom „Jong“ oder „Bouf“. Generell gilt für kleine Sprachen, nicht zu streng zu sein und den Wortschatz nicht zu eng zu fassen. Es gibt meist kein richtig oder falsch, sondern Variationen – nachzuschauen in unserem Variatiounsatlas, in dem unser Institut für rund 800 luxemburgische Begriffe Varianten dokumentiert hat.

Sprechen jüngere Menschen ein anderes Luxemburgisch als ältere? 

Peter Gilles: Die Generation macht einen Unterschied. Den typisch luxemburgischen Ausdruck „Ech si frou mat dir“ als Formel für „Ich liebe dich“ zum Beispiel nutzen eher ältere Menschen, während Jüngere sagen: „Ech hunn dech gär“. Jüngere nutzen mehr englische Begriffe aus der Popkultur, und auch die regionalen Dialekte werden von Generation zu Generation geringer, aber das ist in allen Sprachen so.

Einer unserer Doktoranden hat den wachsenden Einfluss des Deutschen auf die Aussprache bei jüngeren Luxemburgern untersucht. So sprechen Jüngere Begriffe wie „Situatioun“ eher auf deutsche Art aus, also mit weichem s – Ältere eher auf französische Art mit stimmlosem, scharfem „s“.

Viele kleine Sprachen gelten als vom Aussterben bedroht. Gilt das auch fürs Luxemburgische?

Peter Gilles: Sicherlich nicht in den nächsten Dekaden, denn viele Familien im Land erziehen ihre Kinder nach wie vor auf Luxemburgisch. Allerdings gibt es immer mehr gemischte Paare mit nur einem Luxemburger Elternteil. Zudem wird unsere Migrationsgesellschaft immer diverser, und manche Eltern leben nur für wenige Jahre in Luxemburg. Die meisten Kinder lernen Luxemburgisch zumindest noch in irgendeiner Form, auf dem Schulhof oder auf der Straße. Doch es ist nicht mehr selbstverständlich, dass jedes Kind im Land automatisch und gut Luxemburgisch lernt.

Die Migration hat also einen Einfluss auf die Sprache?

Peter Gilles: Durch die starke Zuwanderung gerät die luxemburgische Sprache unter Druck. Unseren jüngsten Untersuchungen zufolge wird das sprachliche Profil der neuen Zuwanderer immer vielfältiger. Heute hat etwa ein Drittel der Wohnbevölkerung keine der drei Landessprachen als Hauptsprache. Und so gibt es einfach weniger Gelegenheiten, sich auf Luxemburgisch auszutauschen. Das ist aber kein Grund, Alarm zu schlagen. Noch immer sprechen rund 60 Prozent mindestens eine der drei Landessprachen. Davon geben 50 Prozent an, dass Luxemburgisch ihre Hauptsprache ist.  

Dank E-Mail, Facebook oder Whatsapp schreiben wir heute mehr Luxemburgisch als früher. Helfen die sozialen Medien, Luxemburgisch vor dem Aussterben zu bewahren?

Peter Gilles: Durch die sozialen Medien verwenden wir unsere mündliche Ausdrucksweise in geschriebenen Medien. Dieser einfache Gebrauch auf dem Smartphone stärkt die Sprache und ist ein echter Vorteil. Viele Doktorarbeiten an unserem Institut widmen sich heute dem Einfluss der Digitalisierung auf das Luxemburgische. Eine der ersten war eine Arbeit zum Einfluss von Facebook,  (Demnach erweitert oder verändert die Facebook-Kommunikation den luxemburgischen Wortschatz vor allem durch Entlehnungen aus dem Englischen, Französischen oder Deutschen – Beispiel: „Ech liken dëse Post“.) In Kürze erscheint eine Dissertation zur Luxemburger Jugendsprache in Whatsapp-Chats. Darin geht es u.a. darum, wie die Abkürzungskultur in sozialen Medien ins Luxemburgische übertragen wird. Da gibt es HDG für „Hunn dech gär“ oder AMF für „amfong“. Auch die schriftlichen luxemburgischen News auf den Webportalen der Medien wie www.rtl.lu oder www.100komma7.lu haben einen Vorbildcharakter und stärken die Sprache.

Und die öffentliche Förderung des Luxemburgischen?

Peter Gilles: Das Gesetz über die Förderung der luxemburgischen Sprache von 2018 und der damit verbundene Aktionsplan haben einen sehr positiven Einfluss. Insbesondere das so gegründete Zenter fir d‘Lëtzebuerger Sprooch (ZLS) hilft, den offiziellen Status des Luxemburgischen stärker zu verankern. Das ZLS legt die Rechtschreibung fest, entwickelt Wörterbücher, digitale Tools sowie Schreibhilfe-Angebote und organisiert Veranstaltungen für alle, die die Sprache lernen oder besser beherrschen wollen, ob Luxemburger oder Nicht-Luxemburger. Unsere Forscher arbeiten eng mit dem ZLS zusammen. Außerdem müssen die öffentlichen internationalen Schulen im Zuge der neuen Alphabetisierung auf Französisch nun mehr Luxemburgisch-Kurse anbieten.

Wieso ist Luxemburgisch kein systematisches Unterrichtsfach in allen Schulen?

Peter Gilles: Die Schulpolitik schätzt die Vorteile der historisch gewachsenen Mehrsprachigkeit sehr hoch. Luxemburgisch-Unterricht für alle würde den Inländern sicher helfen, ihre Muttersprache richtig schreiben zu lernen, über sie zu reflektieren und tief und exakt formulieren zu lernen. Außerdem würde Unterricht die Sprache stärker vereinheitlichen. Doch angesichts voller Stundenpläne ist es utopisch, kurzfristig auf Luxemburgisch-Unterricht zu hoffen. Daher zielen Luxemburgisch-Kurse leider meist nur auf Spracherwerb für Ausländer.

Wie kann Luxemburgisch sonst noch gestärkt werden – und was kann die Forschung tun?

Peter Gilles: Die Politik kann Sprache fördern, doch wie wir wirklich kommunizieren, entscheidet jeder einzelne beim Gebrauch im Alltag. Die Medien könnten meiner Meinung noch mehr schriftliche Informationen auch auf Luxemburgisch verbreiten, da ist noch Potential. Die größte Chance liegt in den digitalen Tools, die wir und das ZLS entwickeln: Rechtschreibkorrekturen wie spellchecker, Korrekturfunktionen fürs Handy, Computertastaturen, die Luxemburgisch-Schreiben unterstützen, Übersetzungs- und Spracherkennungstools wie LuxASR oder die Sproochmaschinn, die gesprochenes Luxemburgisch mithilfe künstlicher Intelligenz und automatischer Spracherkennung (ASR) in Schrift umwandeln, und vieles mehr.

Was fasziniert Sie so am Luxemburgischen, dass Sie der Sprache Ihr Lebenswerk widmen?

Peter Gilles: Im Moment die Chancen der Digitalisierung. KI erlaubt Anwendungen, die für uns Sprachforscher vor Jahrzehnten noch undenkbar waren. Wie KI kleine Sprachen stärken kann, ist daher Schwerpunkt unserer Forschung. Bedarf und gesellschaftlicher Nutzen sind enorm! Und je mehr praktische Hilfen es gibt, desto größer die Chance, dass Luxemburgisch im Alltag weiter genutzt wird.

Ressourcë fir d'Lëtzebuergescht

 

Das Forschungsportal Infolux des Instituts für luxemburgische Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Luxemburg bietet eine Reihe von Apps, Tools sowie aktuelle Forschungsinformationen zum Lëtzebuergeschen an, darunter:

  • Wörterbücher
  • den Atlas der Luxemburger Familiennamen
  • den Variatiounsatlas
  • Spracherkennungstools
  • Übungsdiktate
  • Apps (Lingscape, LuxASR)
  • Publikationen und Doktorarbeiten des Instituts
  • Einen Blog über aktuelle Forschungsprojekte und -aktivitäten.

 

Mehr Infos unter https://infolux.uni.lu/


 

Interview: Britta Schlüter
Redaktion: Michèle Weber, Jean-Paul Bertemes (FNR)

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