"Würmer", "Wierm" oder "vers": Wie lassen sich wissenschaftliches Lernen und der Erwerb von Sprachkompetenz miteinander verbinden?

14.06.17

Université du LuxembourgDiesen Artikel drucken

Kinder sind von Natur aus neugierig und lassen sich schnell für naturwissenschaftliche Experimente begeistern. Umsetzen müssen sie ihr erworbenes Wissen dann aber oft in einer Sprache, die nicht ihre Muttersprache ist.

Genau hier setzt ein Forschungsprojekt des Instituts für angewandte Erziehungswissenschaften an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luxemburg an: „Wie lassen sich wissenschaftliches Lernen und der Erwerb von Sprachkompetenz miteinander verbinden?“

Eine Methode, die Sara Wilmes in ihrer Doktorarbeit mit Lehrern und Schülern in Luxemburg ausprobierte, ist die sogenannte "inquiry-based science education" (abgekürzt IBSE, forschungsbasierte naturwissenschaftliche Bildung).

Erst Fragen stellen, dann experimentieren und nach Antworten suchen.

Seit mehr als einem Jahrzehnt haben Bildungsforscher den positiven Einfluss von IBSE auf das wissenschaftliche Lernen von Schülern erfasst. Bei dieser Methode stellen sich die Schüler zunächst Fragen über ein bestimmtes Thema, die sie dann anschließend anhand von Experimenten versuchen zu beantworten.

Im Rahmen von Sara Wilmes' Doktorarbeit wurden Workshops entwickelt, in denen Lehrer lernen, wie wissenschaftliche Untersuchungen im Unterricht durchgeführt und Schüler dafür begeistert werden können – dies unter der Leitung von ihrer Betreuerin Christina Siry und mit Unterstützung des „Fonds National de la Recherche“

Workshops und Labor-Tagebücher

Ein einfaches Beispiel: Würmer und Schnecken – einfach nur eklig oder faszinierende Tiere? Die Lehrer lernen, wie diese wissenschaftlichen Versuche schülergerecht aufgebaut werden, wie man soziale Kompetenzen in den Gruppenarbeiten fördern kann und wie man hier Lernfortschritte beurteilen soll.

„Wir beobachten dabei natürlich besonders die Sprachensituation. Untereinander besprechen die Kinder ihre Beobachtungen vielleicht in Luxemburgisch oder in ihrer Muttersprache. In einem Labor-Tagebuch müssen sie dann die konkreten Forschungsergebnisse in der vorgegebenen Sprache festhalten“, erklärt Sara Wilmes.

Gemeinsam mit ihren Kollegen hielt Sara mehrere Workshop-Runden ab. Die beteiligten Lehrer konnten diese anschließend in die Schulpraxis umsetzen, sodass Grundschulkinder sich ebenfalls als junge Forscher mit Würmern und Schnecken beschäftigen konnten. „Das Feedback ist exzellent“, freut sich Sara Wilmes. Angeboten wurden die Workshops über das „Institut de formation de l'Education nationale“.

Ein wichtiges Werkzeug der Forscher ist dabei die Autoethnografie. Darunter versteht man einen Forschungsansatz, bei dem persönliche Erfahrungen (auto) systematisch erfasst und analysiert werden, um kulturelle (ethno) Erfahrungen zu verstehen. „Daher ist es so wichtig, dass die Lehrer in den Workshops genau so wie später die Kinder an die Materie herangeführt werden“, erläutert Wilmes. „Die eigene Erfahrung fließt so direkt in die praktische Arbeit ein.“

Forschungsbasiertes Lernen besonders wertvoll für multilingualen Kontext

In einem multilingualen Umfeld wie in Luxemburgischen Schulen ist IBSE besonders wertvoll, da es einen reichhaltigen und authentischen Kontext für sowohl Sprachentwicklung als auch wissenschaftliches Lernen bietet. 

Neue Bildungspolitiken und strukturelle Maßnahmen haben in den letzten Jahren sowohl auf europäischem wie auch auf nationalem Niveau zu Änderungen im Bildungssystem geführt, die Methoden wie IBSE gegenüber traditionellem Frontalunterricht fördern. 

Nützliche Eigenerfahrung

Sehr geholfen hat Sara Wilmes bei dem Projekt ihre eigene Ankunft in Luxemburg: die gebürtige US-Amerikanerin aus dem Staat New York zog vor 7 Jahren mit ihrem Mann, ebenfalls Wissenschaftler und gebürtiger Luxemburger, ins Großherzogtum.

Sara weiß also, was es bedeutet, in einer fremden Sprache den richtigen Bus finden zu müssen, zur Post zu gehen oder das erste Mal Deutsch zu sprechen. Genauso ergeht es vielen Kindern im Unterricht.

Wilmes hat Erziehungswissenschaften von der Pike auf gelernt. Aufgewachsen in einer Familie von Lehrern, war ihr Weg praktisch vorgezeichnet. „Zunächst habe ich aber mit dem Studium der Biologie einen Umweg genommen und bin dann in die Forschung gegangen. Tierexperimente mit Ratten zur Erforschung der Auswirkung von degenerativen Gehirnerkrankungen auf Lernprozesse war dann aber nicht mein Ding“, berichtet sie.

An der Uni in Buffalo machte sie ihren Master in Erziehungswissenschaften, um dann zunächst an der Uni Mathematik zu unterrichten, gefolgt von einigen Jahren in denen sie als Lehrerin für Naturwissenschaften an einem Gymnasium arbeitete. 2005 zog es sie dann an die University of California in Berkeley, um Programme für den naturwissenschaftlichen Unterricht zu entwickeln.

Aus Liebe nach Luxemburg

Dort lernte sie auch ihren Mann kennen. 2010 zog die junge Familie schließlich ins Großherzogtum. „Als Lehrerin konnte ich aufgrund der fehlenden Sprachkompetenz hier nicht arbeiten, also habe ich mich zuerst für Sprachkurse eingeschrieben. Für mich war der Umzug die Taufe im Land der Sprachen: Französisch, Luxemburgisch und Deutsch – in der Reihenfolge habe ich mich in das Abenteuer Sprachen gestürzt“, so die Forscherin.

Sehr schnell fand Sara Wilmes den Weg an die Universität Luxemburg, zunächst als externe wissenschaftliche Mitarbeiterin in Erziehungswissenschaften und dann seit 2013 als Doktorandin. „Die Uni Luxemburg war ein echter Glücksfall für mich,“ sagt sie. „Sprachen stehen in den USA nicht im Fokus, sodass ich hier meine Forschung zum naturwissenschaftlichen Unterricht um den Sprachenaspekt erweitern kann.“

Wie es nach Abschluss der Doktorarbeit weitergeht, kann die junge Mutter zurzeit noch nicht sagen. Eines ist jedoch sicher: Das vielsprachige und multikulturelle schulische Umfeld bietet noch viele Arbeits- und Forschungsgebiete. Aktuell ist die Uni dank ihrer internationalen Ausrichtung, der Wachstumsperspektiven und nicht zuletzt der familienfreundlichen Einstellung für sie „the best place to be“.

Dieser Artikel ist eine angepasste Version eines Artikel, der ursprünglich im Luxemburger Wort erschien. Reproduziert mit freundlicher Erlaubnis des Luxemburger Worts und der Universität Luxemburg.

Autor: Barbara Fischer-Fürwentsches im Auftrag der Universität Luxemburg
Editor: Michèle Weber (FNR)
Photo: Michel Brumat/Universität Luxemburg

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Infobox

AFR-PhD Studentin

Sara Wilmes wurde während ihrer Doktorarbeit durch ein AFR-PhD Stipendium des Fonds National de la Recherche (FNR) unterstützt. 


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