Eine junge Doktorandin aus Bosnien-Herzegowina untersucht Luxemburger Industriegeschichte - in Brasilien

22.06.17

Université du LuxembourgDiesen Artikel drucken
Die Luxemburger Industriegeschichte ist durch den Stahlkonzern Arbed geprägt. Die sogenannten „Stahlbarone“ haben neben der Bedeutung für die industrielle Entwicklung Luxemburgs auch wesentlich Einfluss auf soziokulturelle Aspekte wie Schul- und Berufsbildung und soziale Bereiche genommen.

Die Rolle der Arbed im Bereich Social Entrepreneurship und Bildung steht im Fokus der Forscherinnen und Forscher im Rahmen des vom „Fonds National de la Recherche“ geförderten Projects FAMOSO („Fabricating Modern Societies“ – Leitung: Karin Priem) an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luxemburg.       

Im Büro ist die Wand tapeziert mit historischen Aufnahmen von Stahlarbeitern, Stahlwerken und den damaligen Stahlbaronen. Irma Hadzalic, eine junge Doktorandin aus Bosnien-Herzegowina, hat den Impakt der Luxemburger Stahlindustrie auf Brasilien untersucht. Auch die Verflechtung zwischen den beiden Ländern Luxemburg und Brasilien zwischen ca. 1900 und 1950 steht im Fokus ihrer Forschung, insbesondere das soziale Engagement der Luxemburger Industriellen in Brasilien.

„Es war Zufall, dass ich meine Forschung auf Brasilien ausdehnen konnte“

Im Rahmen des Postgraduiertenkollegs in den Erziehungswissenschaften bietet die Uni Luxemburg die Möglichkeit eines dreimonatigen Gastaufenthalts an einer anderen Universität im Ausland an. Ziel des Austauschprogramms ist es, in einem anderen Forschungsumfeld zu arbeiten und so neues Wissen an die Uni zu bringen.

„Mission accomplished!“ lacht Hadazlic. „Während es die meisten meiner Kommilitonen an die großen Universitäten in den USA zog, habe ich mich für die Universität von Parana in der Stadt Curitiba entschieden, einer brasilianischen Millionenstadt. Ich habe wochenlang tief in den Archiven des Staats Minas Gerais gewühlt und bin mit sechs Kilo Papier und wundervollem Text- und Bildmaterial zurückgekommen, das ich im Rahmen meiner Doktorarbeit weiter analysierte. Jetzt können wir eine kleine Lücke in der Geschichte Luxemburgs füllen.“

Es sind genau diese historischen, soziologischen und pädagogischen Zusammenhänge, auf Basis derer am Forschungsinstitut InES (Education and Society) nicht nur das nationale Erbe analysiert wird,  sondern auch Theorien und Methoden für zukünftige Entwicklungsmodelle abgeleitet werden.

Wie kommt eine junge Frau aus Bosnien Herzegowina dazu, die Geschichte der Luxemburger Stahlindustrie zu erforschen?

Ihren Bachelor in französischer und spanischer Sprache und Literatur hat sie noch in Sarajewo gemacht. Dann gab es erst mal keinen Job und keine Möglichkeit, die Sprachen anzuwenden. Über eine Bewerbung beim EU Volontary Service kam Irma Hadzalic für ein Jahr nach Luxemburg – eine Zeit, in der sie viele internationale Kontakte knüpfte.  

Ich hatte schon immer das Reise-Gen in mir, konnte es aber in meiner Jugend nicht ausleben,“ bedauert Hadzalic. „Hier in Luxemburg kommt die ganze Welt zusammen – ich hätte nirgendwo so viele internationale Freunde finden können wie hier.“

Als eine der Initiatoren des Projekts RIFF, das ein junges und internationales Publikum über Kunst, Kultur und Kulinarik zusammenbringt, hat sie hier schnell Wurzeln geschlagen und sich entschlossen, an der Uni Luxemburg ihren Master zu machen – und erhielt dann die Chance, zu promovieren.

Leider seien die Lebenshaltungskosten in Luxemburg hoch – aus ihrer Sicht der einzige Wehrmutstropfen in Luxemburg. Wie geht es für sie persönlich weiter? Nach der Promotion  könnte Hadzalic sich vorstellen, noch eine Zeit als Post-Doc weiter zu forschen. Plan B wäre,  über ein „Volunteer-Projekt“ weiter die Welt zu erkunden. 

Autor: Universität Luxemburg
Editor: Michèle Weber (FNR)

Foto: Michel Brumat

Auch in dieser Rubrik

Erst-, Zweit- oder doch Fremdsprache – Als was wird Deutsch an den Luxemburger Schulen eigentlich unterrichtet?

20.07.17 Bereits bei der Alphabetisierung werden luxemburgische Schüler mit Deutsch konfrontiert. Erstsprache ist es deshalb aber nicht. Oder vielleicht doch? > Ganzen Artikel lesen

Stress & Health: How a stressful childhood can cause disease

20.07.17 The fact that stress can cause psychological problems is well-known. Much less known, however, is that stressful experiences in childhood can have a lifelon...> Ganzen Artikel lesen

Attachment between parents and children: From the cradle to… parenthood

20.07.17 The attachment bond between parents and their children plays a major role in the socio-emotional development in infancy and has a major impact on future rel...> Ganzen Artikel lesen

Mehr als nur eine Sammlung von Paragrafen: Forscher arbeiten an einem offenen und transparenten Zugang zu Gesetzesinhalten

19.06.17 Gesetzestexte können im Internet zwar gelesen, selten aber interaktiv genutzt werden. Experten haben nun Technologien zur Lösung des Problems entwickelt. > Ganzen Artikel lesen

"Würmer", "Wierm" oder "vers": Wie lassen sich wissenschaftliches Lernen und der Erwerb von Sprachkompetenz miteinander verbinden?

14.06.17 Kinder lassen sich schnell für naturwissenschaftliche Experimente begeistern. Umsetzen müssen sie ihr erworbenes Wissen dann aber oft in einer Zweitsprache. > Ganzen Artikel lesen

Infobox

Artikelserie "Sie forschen an der Uni Luxemburg"

Dieser Artikel ist Teil einer Serie Forscher-Portraits, die im Luxemburger Wort veröffentlicht wurden. Reproduziert mit freundlicher Genehmigung des Luxemburger Worts und der Universität Luxemburg. 

Aufruf: Fotos und Briefe gesucht


Verwandte Themen