Wenn nach fast zehnjährigen Vorbereitungen die ESA-Sonde "Solar Orbiter" am Montagmorgen um 05.03 Uhr (MEZ) von Cape Canaveral in Florida zu ihrer jahrelangen Mission zur Sonne aufbricht, brechen für ihren "Chef-Piloten" Sylvain Lodiot im tausende Kilometer entfernten Darmstadt hektische Stunden und Tage an.

Sobald sich die Sonde von der Rakete getrennt hat, etwa gegen 06.00 Uhr (MEZ), müssen der Franzose und sein Team vom Missionsbetriebszentrum der Europäischen Weltraumagentur ESA in Darmstadt aus "Kontakt mit ihr aufnehmen" und schon bald darauf ihre beiden Sonnensegel entfalten. Das ist die erste entscheidende Phase der Mission, denn nur mit Hilfe der beiden Segel erhält die Sonde ausreichend Energie für ihre ungewöhnliche Reise zum Mittelpunkt unseres Sonnensystems.

Am ersten Tag werden Lodiot und sein Team zudem die Systeme aktivieren, die zur Flugkontrolle und Orientierung notwendig sind. Am zweiten Tag müssen sie die Sonde für die späteren wissenschaftlichen Experimente vorbereiten, von denen sich Forscher neue Einblicke in die Geheimnisse der Sonne erhoffen. Für seine Aufgaben stehen Lodiot zwei 50-köpfige Teams zur Verfügung, die sich in den ersten drei Tagen stetig abwechseln.

Das Manöver haben der 44-jährige "Space Operations Manager" und seine Mitarbeiter immer und immer wieder eingeübt. Simuliert wurden dabei auch in den vergangenen sechs Monaten alle erdenklichen Pannen, "ob beim Satelliten oder mit unseren Systemen hier am Boden", sagt er der Nachrichtenagentur AFP. Alles wurde geprobt, von einer plötzlichen Erkrankung des Chefpiloten angefangen über einen Brand im Kontrollsaal bis zum Ausfall der Antenne, über die der Orbiter seine Signale sendet.

"Wir sind bereit", sagt Lodiot lapidar. Bis zum Start des "Solar Orbiter" sind ihm allerdings die Hände gebunden. "Alle Systeme sind eingefroren, ebenso die Prozeduren. Wir können jetzt nichts mehr tun, nur warten" - und "versuchen, uns auszuruhen", denn die erste Woche nach dem Start könnte "hart" werden.

Der zweifache Familienvater kennt dieses "seltsame Gefühl" der angespannten Untätigkeit von anderen Missionen. Zuletzt war er an der im September 2016 beendeten "Rosetta"-Mission der ESA zur Erforschung des Kometen Tschuri und damit der Entstehung des Sonnensystems beteiligt.

Auf insgesamt rund zehn Jahre ist die neue Wissenschaftsmission der ESA, unter Beteiligung der Nasa, angelegt. Auf ihrer Reise soll sich die Sonde bis auf rund 42 Millionen Kilometer der Sonne nähern - das ist rund ein Drittel der Distanz zwischen Erde und Sonne - und unter anderem erstmals Bilder von ihren noch unerforschten Polarregionen aufnehmen.

Damit der "Solar Orbiter" die tödliche Nähe zur Sonne überlebt, wurde "für ihn und seine wissenschaftlichen Instrumente ein besonderes Hitzeschild" entwickelt, sagt Lodiot.

Das Schicksal des "Solar Orbiter" nach Ende seiner Mission ist noch unklar. Zur Wahl stehen zwei Optionen, zwischen denen "beizeiten" entschieden werden müssen: Entweder die Sonde einfach im Weltraum belassen oder ihren Absturz auf die Venus programmieren. Eine Rückkehr zur Erde ist ausgeschlossen.