Asteroiden-Einschlag auf der Erde: Wie können wir Menschen uns schützen?

30.06.17

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Mehr als eine Million Asteroiden könnten potentiell auf der Erde einschlagen und Schaden anrichten. Mit welchen Methoden könnten wir einen Asteroiden umleiten?

“Je mehr wir über Asteroiden-Einschläge lernen, desto klarer wird, dass den Menschen die Zeit zum Leben nur geliehen wurde”, sagt der britische Astrophysiker und Gitarrist der Rockband Queen Brian May. May ist Mitgründer des Asteroid Days, dessen Ziel es ist, über Asteroiden aufzuklären. Z.B. darüber, wie die Menschheit sich vor Asteroiden-Einschlägen schützen kann.  

Science.lu hat während der Space-Mining-Wirtschaftsmission im April 2017 mit John Carrico von der Foundation B612 gesprochen, welche sich damit beschäftigt, Asteroiden zu detektieren und Szenarien auszuarbeiten, wie man sie umleiten kann.

John Carrico von der Foundation B612

Was können wir Menschen denn tun, wenn ein Asteroid auf die Erde zurast?

Hier gibt es mehrere Szenarien, je nachdem wie früh der Asteroid entdeckt wird, wie groß er ist und wie er beschaffen ist.

Das ideale Szenario: den Asteroiden dezent von seiner Umlaufbahn lenken, mithilfe der Schwerkraft

“Wenn ein Asteroid früh genug detektiert wird – wir sprechen hier von mindestens ca 2 Jahren vor dem Einschlag auf der Erde – könnte man ihn relativ leicht von seiner Bahn “drücken”. Nämlich indem man einen massiven Satelliten in den Weltall schießt, welcher ganz nah an den Asteroiden heranmanövriert und dann neben ihm fliegt. Wegen der Schwerkraft bewegt sich der Asteroid dann auf den Satelliten zu. So zieht der Satellit ihn ganz leicht aus seiner Bahn. Was ausreichen kann, um einen Impakt zu verhindern”, sagt John Carrico.

Dies ist jedoch nur möglich wenn der Asteroid früh detektiert wird, er nicht zu schwer ist und seine Bahn so verläuft, dass ein Satellit gut in Position gebracht werden kann.

Den Asteroiden mit einer Rakete “wegstoßen”

Ist das Szenario von vorhin nicht möglich, gibt es die Möglichkeit, den Asteroiden mit einer Rakete kollidieren zu lassen. “Die Rakete muss den Asteroiden so treffen, dass sie ihn wie eine Billiardkugel wegstößt”, so John Carrico. Dies ist eine vielversprechende Methode für Asteroiden mit einer Größe zwischen 50 und mehreren hundert Metern.

Die Umlaufbahn mit Atombomben verändern

Wenn der Asteroid jedoch zu groß und schwer ist, um mit den vorher genannten Methoden erfolgreich zu sein, dann kommen Szenarien mit Atombomben ins Spiel. “Hier ist das Ziel, eine Atombombe Richtung Asteroid zu schicken und sie dann kurz davor zu zünden. Damit die Energie der Detonation den Asteroiden von seiner Umlaufbahn drückt”, sagt John Carrico. Wichtig hierbei ist, dass die Atombombe nicht zu nah am Asteroiden explodiert. Ansonsten riskiert der Asteroid in Stücke zu zerfallen – das Problem wäre möglicherweise noch größer, da unvorhersehbarer, als zuvor.

Dieses Szenario ist aber sehr unwahrscheinlich, meint Ian Carnelli, Projektleiter von AIM (Asteroid Impact Mission) der ESA. Laut ihm kennen wir heutzutage quasi alle großen Asteroiden. Und keiner davon würde in den nächsten Jahrhunderten eine Gefahr darstellen.

Wenn der Asteroid aus sehr hartem Material besteht, gibt es außerdem noch die Möglichkeit, eine weniger starke Atombombe auf dem Asteroiden zu deponieren und diese dann dort so zu zünden, dass die Wucht nicht den Asteroiden zerstört, sondern quasi wie der Antrieb einer Rakete funktioniert – und den Asteroiden aus seiner Umlaufbahn schiebt.

Voraussetzung für Schutz vor Asteroideneinschlag: Den Asteroiden früh genug entdecken

All diese Methoden nützen jedoch nichts, wenn der Asteroid zu spät detektiert wird. In dem Fall kann man nur noch versuchen, die Gebiete zu evakuieren, wo der Einschlag stattfinden wird. Doch manchmal ist sogar eine Evakuierung nicht möglich, weil der Asteroid erst sehr spät oder gar nicht entdeckt wird. Für solche Fälle, wie z.B. am 15. Februar 2013 im russischen Tscheljabinsk, ist es wichtig, dass die Leute sensibilisiert sind und wissen was sie zu tun haben. So sollte man sich z.B., wenn man einen großen Feuerschweif am Horizont entdeckt, in Schutz begeben und nicht durchs Fenster schauen – die durch die Druckwelle zerbersten und Menschen verletzen.

Wie viele Asteroiden haben wir denn bisher detektiert?

In unserem Sonnensystem schwirren mehrere Millionen Asteroiden herum. Doch die meisten davon auf Bahnen, die keine Gefahr für die Erde darstellen. Stand heute (30. Juni 2017) kennen Wissenschaftler 632 “gefährliche Asteroiden”, also Asteroiden, die möglicherweise in den nächsten 100 Jahren die Erde treffen könnten. Hier eine Graphik, die visualisiert, welche Asteroiden gefährlich werden können:

Credit: Scott Manley (Armagh University) – Content made available through asteroidday.org

Von den großen Asteroiden, mit einem Durchmesser von über 1 Kilometer, die potentiell gefährlich werden könnten, kennen wir die meisten. Anders sieht es bei kleineren Asteroiden aus. Gerhard Drolshagen von der europäischen Weltraumagentur ESA schätzt, dass wir ungefähr ein Viertel der Asteroiden mit einem Durchmesser von 150 bis 1000 Meter kennen. Bei Asteroiden kleiner als 30 Meter, sind es dann schon weniger als 1 Prozent. Aber auch solche können große Schäden anrichten, wenn sie in dicht besiedeltem Gebiet explodieren – schließlich knallt so ein Asteroid mit ca 50.000 km/h auf die Erde.

Die 100X Asteroid Declaration der Mitgründer vom Asteroid Day sowie weiteren Asteroid-Experten, Astronauten und Nobelpreisträgern hat sich daher zum Ziel gesetzt, die Anzahl an bekannten Asteroiden in nächster Zukunft stark zu erhöhen.

Rusty Schweickart, Apollo 9 Astronaut und Mitgründer des Asteroid Days, schätzt die Lage so ein: “Wenn wir in der gegenwärtigen Geschwindigkeit NEO’s (Near Earth Objects) von 20 Metern und größer detektieren  - in etwa 1000 pro Jahr – dann brauchen wir noch 1000 Jahre, um die eine Million potentiell gefährlichen Asteroiden zu entdecken.” Es gibt also noch viel zu tun…

Übrigens: Heute ist Asteroid Day. Hier der Link zum Live-Stream aus Luxemburg: https://asteroidday.org/live/

Autor: Jean-Paul Bertemes (FNR)
Foto © Shotshop

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